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Padington by Agatha Christie

Padington

AGATHA CHRISTIE

16 Uhr 50 ab Paddington

Jubiläums-Edition

Scherz

Bern – München – Wien

4

Einmalige Jubiläums-Ausgabe 1991

Überarbeitete Fassung der einzig

berechtigten Übertagung aus dem Englischen

von K. Hellwig

Titel des Originals: «4.50 from Paddington»

Copyright ©1957 by Agatha Christie Limited

Gesamtdeutsche Rechte beim Scherz Verlag

Bern und München

5

1

Mrs. McGillicuddy keuchte hinter dem Gepäckträger her,

der ihren Koffer trug. Sie war klein und etwas beleibt, der

Gepäckträger aber groß, und er machte entsprechend große

Schritte. Außerdem war Mrs. McGillicuddy mit zahlreichen

Paketen beladen – dem Ergebnis der Weihnachtseinkäufe des

Tages. Es war daher ein ungleicher Wettkampf, und als der

Gepäckträger am Anfang des Bahnsteigs um die Ecke bog,

hastete Mrs. McGillicuddy noch die Gerade hinunter.

Bahnsteig 1 war in diesem Augenblick nicht übermäßig

belebt, da gerade ein Zug abgefahren war, aber in dem Nie –

mandsland vor den Bahnsteigen wogte eine quirlende Menge

gleichzeitig in verschiedenen Richtungen hin und her.

Mrs. McGillicuddy gelangte schließlich doch bis zu

Bahnsteig 3.

«Zug auf Bahnsteig 3», teilte eine Stimme mit, «Abfahrt

16 Uhr 5o nach Brackhampton, Milchester, Waverton,

Carvil Junction, Roxeter und Chadmouth. Abteile für

Reisende nach Brackhampton und Milchester in den letzten

Wagen des Zuges. Reisende nach Vanequay in Roxeter

umsteigen.» Die Stimme brach mit einem Knacken ab.

Mrs. McGillicuddy fand ihre Fahrkarte in der Handtasche

und zeigte sie vor. Der Beamte murmelte: < Rechts – letzter Wagen.» Mrs. McGillicuddy trabte den Bahnsteig hinunter und fand ihren gelangweilt in die Luft starrenden Gepäckträger vor der Tür eines Abteils dritter Klasse. «Ich fahre erster Klasse», erklärte Mrs. McGillicuddy. «Das hätten Sie auch gleich sagen können», brummte der 6 Gepäckträger. Er musterte geringschätzig ihren schlichten Tweedmantel, holte den Koffer wieder aus dem Wagen heraus und ging damit zum anschließenden Waggon, wo Mrs. McGillicuddy in einem leeren Abteil erster Klasse Platz nahm. Der Zug 16 Uhr 5o war bei den Reisenden erster Klasse nicht sonderlich beliebt. Sie zogen es zumeist vor, den schnelleren Morgenexpreß zu benutzen. Mrs. McGillicuddy reichte dem Gepäckträger ein Trinkgeld , das er mit sichtlicher Enttäuschung entgegennahm, da es seiner Meinung nach eher zu einer Reisenden dritter als zu einer erster Klasse gepaßt hätte. Mrs. McGillicuddy ließ sich in die Plüschpolster sinken, seufzte erleichtert auf und blätterte in einer Zeitschrift. Fünf Minuten später ertönte ein langgezogener Pfiff, und der Zug setzte sich in Bewegung. Die Zeitschrift glitt ihr aus der Hand, ihr Kopf neigte sich zur Seite, drei Minuten später schlief sie. Nach fünfunddreißig Minuten wachte sie erfrischt wieder auf. Sie rückte näher ans Fenster und blickte hinaus. Ein Zug raste in entgegengesetzter Richtung kreischend vorüber und ließ die Scheibe klirren, so daß sie erschrocken zusammenfuhr. Jetzt ratterte der Zug über Weichen und fuhr durch einen Bahnhof. Dann begann er plötzlich die Fahrt zu verlangsamen, vermutlich, weil ein Signal ihn dazu zwang. Ein anderer Zug, der wie der erste nach London fuhr, glitt, wenn auch weniger schnell, am Fenster vorüber. Ihr eigener Zug beschleunigte seine Fahrt wieder. In diesem Augenblick schwenkte ein ebenfalls aus London kommender Zug auf das Gleis neben dem ihren ein, was im ersten Augenblick fast alarmierend wirkte. Eine Weile fuhren die beiden Züge nebeneinanderher: Bald war der eine etwas schneller, bald der andere. Mrs. McGillicuddy blickte von ihrem Platz aus durch die Fenster der parallel laufenden Wagen. In den meisten Abteilen waren die Rouleaus heruntergelassen, gelegentlich aber konnte man die Fahrgäste sehen. Der 7 andere Zug war nicht sehr voll. Viele Abteile waren sogar ganz leer. In dem Augenblick, da man den Eindruck hatte, daß beide Züge stehengeblieben waren, schnellte eines der Rouleaus in die Höhe. Mrs. McGillicuddy blickte in das erhellte Abteil erster Klasse, das kaum einen Meter entfernt war. Da riß sie entsetzt die Augen auf und fuhr halb in die Höhe. Am Fenster des andern Abteils, ihr den Rücken zukehrend, stand ein Mann. Seine Hände schlossen sich um die Kehle einer Frau ihm gegenüber, die er langsam, erbarmungslos erdrosselte. Ihre Augen traten aus den Höhlen, ihr Gesicht wurde blutrot. Während Mrs. McGillicuddy noch wie gelähmt beobachtete, was in dem andern Zug vorging, kam das Ende: Der Körper der Frau wurde schlaff und sank unter den Händen des Mannes zusammen. Da verlangsamte Mrs. McGillicuddys Zug wieder sein Tempo, während der andere an Schnelligkeit gewann. Im

nächsten Augenblick war das hell erleuchtete Abteil aus ihrem

Blickfeld verschwunden.

Mrs. McGillicuddy war wie gelähmt vor Grauen über

das, was sie gerade gesehen hatte. Sie maßte sofort etwas

tun. Aber was?

Die Abteiltür wurde aufgeschoben.

«Fahrkarte, bitte!»

Mrs. McGillicuddy fuhr heftig herum.

«Eine Frau wurde erdrosselt», sagte sie. «In dem Zug, der

uns gerade überholt hat. Ich hab es gesehen.»

Der Schaffner blickte sie an, als habe er nicht recht

gehört.

«Wie? Was sagen Sie?»

«Ein Mann hat eine Frau erdrosselt! In einem Zug. Ich

sah es, als ich durch das Fenster blickte.»

8

Der Schaffner betrachtete sie mißtrauisch.

«Erdrosselt?» fragte er ungläubig.

«Ja, er hat sie erdrosselt! Ich sage Ihnen doch, ich habe es

gesehen. Sie müssen sofort etwas unternehmen!»

Der Schaffner hüstelte verlegen.

«Glauben Sie nicht, Madam, Sie sind vielleicht etwas

eingenickt und -» Er brach taktvoll ab.

«Ich habe vorhin ein Nickerchen gemacht, aber wenn Sie

denken, es war ein Traum, dann irren Sie sich gründlich. Ich

habe es gesehen, hören Sie? Gesehen! Ich blickte in das

Fenster des Zuges neben unserem, wo ein Mann eine Frau

erdrosselte. Ich frage Sie nun: Was gedenken Sie in dieser

Sache zu tun?»

«Ich – tja -»

«Aber etwas werden Sie doch wohl tun, oder?»

Der Schaffner seufzte und blickte auf seine Uhr.

«In genau sieben Minuten sind wir in Brackhampton. Ich

werde berichten, was Sie mir erzählt haben. In welcher Richtung

fuhr der Zug, von dem Sie sprechen?»

«Natürlich in dieselbe Richtung wie wir. Sie glauben

doch wohl nicht, ich hätte das alles sehen können, wenn ein

Zug in der entgegengesetzten Richtung vorübergeflitzt

wäre?»

Der Schaffner machte ein Gesicht, als hielte er Mrs.

McGillicuddy durchaus für fähig, alles mögliche zu sehen,

was ihr die Phantasie gerade eingab. Aber er blieb höflich.

«Sie können sich auf mich verlassen, Madam», beruhigte

er sie. «Ich werde melden, was Sie berichtet haben.

Vielleicht dürfte ich Sie um Ihren Namen und um Ihre

Adresse bitten für den Fall. . .»

Mrs. McGillicuddy nannte ihm die Adresse ihrer

Freundin, bei der sie die nächsten Tage wohnen würde, und

ihre ständige Adresse in Schottland. Er schrieb beide auf und

9

verschwand dann mit der Miene eines Mannes, der seine

Pflicht getan hat.

Mrs. McGillicuddy runzelte die Stirn. Sie war nicht recht

zufrieden. Ob der Schaffner auch wirklich melden würde,

was sie ihm berichtet hatte? Oder wollte er sie bloß beruhigen?

Der Zug fuhr jetzt langsamer, und vor dem Fenster tauchten

die hellen Lichter einer größeren Stadt auf.

Mrs. McGillicuddy öffnete ihre Handtasche, nahm, da sie

nichts Besseres fand, eine quittierte Rechnung heraus,

schrieb mit ihrem Kugelschreiber schnell ein paar Worte auf

die Rückseite, steckte die Rechnung dann in einen

Umschlag, den sie zufälligerweise bei sich hatte, schloß ihn

und schrieb etwas darauf.

Der Zug fuhr langsam an einem Bahnsteig voller Menschen

entlang. Mrs. McGillicuddy ließ nervös ihren Blick

über den Bahnsteig schweifen. So viele Reisende und so

wenige Gepäckträger! Dort war einer! Sie rief ihn

gebieterisch heran.

«Gepäckträger! Bitte bringen Sie diesen Brief sofort dem

Bahnhofsvorsteher!»

Sie reichte ihm das Kuvert und einen Shilling.

Mit einem Seufzer lehnte sie sich zurück. Was sie hatte

tun können, hatte sie getan. Einen Augenblick lang dachte

sie mit flüchtigem Bedauern an den Shilling. Ein halber

wäre wirklich genug gewesen…

Ihre Gedanken kehrten zu der Szene zurück, die sie beobachtet

hatte. Grauenhaft! Ganz grauenhaft! Sie schauderte.

Wie seltsam, wie phantastisch! Und daß so etwas gerade ihr,

Elsbeth McGillicuddy, hatte passieren müssen! Wenn das

Rouleau des Abteils nicht zufällig in die Höhe geschnellt

wäre… Aber das war natürlich ein Werk der Vorsehung.

Man hörte Reisende und Zurückbleibende sich dies und

das zurufen, dann ertönte ein schriller Pfiff, und die Wagen-

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türen wurden zugeworfen. Der Zug rollte langsam aus dem

Bahnhof Brackhampton hinaus. Eine Stunde und fünf Minuten

später hielt er in Milchester.

Mrs. McGillicuddy ergriff ihre Pakete und ihren

Handkoffer und stieg aus. Suchend blickte sie den Bahnsteig

hinauf und hinunter, bis es ihr endlich gelang, einen

Gepäckträger herbeizuwinken.

Vor dem Bahnhof näherte sich ihr ein Taxichauffeur, der

den Ausgang beobachtete.

«Mrs. McGillicuddy?» fragte er. Kurerden Sie in St.

Mary Mead erwartet?»

Mrs. McGillicuddy bejahte das. Während der ganzen fünf

Kilometer langen Fahrt saß Mrs. McGillicuddy kerzengerade

auf ihrem Sitz, außerstande, sich zu entspannen. Endlich

hielt das Taxi vor dem Haus, in dem sie erwartet wurde. Sie

stieg aus und schritt über den Ziegelsteinweg zur Tür, die ein

ältliches Mädchen öffnete. Mrs. McGillicuddy ging durch

die Halle, wo ihre Gastgeberin, eine ältere, zerbrechlich

aussehende Dame, sie an der offenen Wohnzimmertür

erwartete.

Sie begrüßten sich mit einem Kuß, und ohne Einleitung

und weitere Umschweife platzte Mrs. McGillicuddy heraus:

«Oh, Jane! Stell dir vorl Ich habe eben einen Mord

mitangesehen!»

11

2

Getreu den Lehren ihrer Mutter und ihrer Großmutter – daß

eine wirkliche Dame nie empört oder überrascht sein könne

-beschränkte sich Miss Marple darauf, ihre Augenbrauen

hochzuziehen und den Kopf zu schütteln:

ob es ein Durchgangswagen war?»

«Nein, es war keiner.»

«Das scheint auf einen Zug hinzudeuten, der nicht weit

fuhr. Er hat wahrscheinlich in Brackhampton gehalten. Nehmen

wir also an, der Mörder verläßt den Zug in Brackhampton.

Vielleicht hat er die Tote in einer Ecke sitzen gelassen

und mit dem Pelzkragen das Gesicht verdeckt, um die

Entdeckung so lange wie möglich hinauszuzögern. Ja, ic h

bin fast sicher, daß er das getan hat. Aber natürlich wird ein

solches Verbrechen doch in verhältnismäßig kurzer Zeit

entdeckt, und daher ist es wahrscheinlich, daß schon in den

Morgenblättern etwas darüber zu lesen sein wird. Nun, wir

werden ja sehen.»

Aber es stand nichts davon in den Morgenzeitungen.

Nachdem Miss Marple und Mrs. McGilücuddy sich

davon überzeugt hatten, beendeten sie schweigend ihr

Frühstück. Beide hingen ihren Gedanken nach.

«Ich denke», begann Miss Marple, «wir sollten zur

Polizei gehen und mit Sergeant Cornish sprechen. Er ist

intelligent und geduldig, ich kenne ihn sehr gut, und er kennt

mich. Er wird bestimmt zuhören und was wir ihm sagen an

die richtige Stelle weiterleiten.»

Frank Cornish, ein ernster Mann zwischen dreißig und

vierzig empfing Miss Marple mit Herzlichkeit, ja Ehrerbie –

tung.

«Was kann ich für Sie tun, Miss Marple?»

15

Miss Marple antwortete: «Ich möchte Sie bitten, die Geschichte

anzuhören, die meine Freundin Mrs. McGillicuddy

zu erzählen hat.»

Und Sergeant Cornish lauschte aufmerksam. Als sie

geendet hatte, schwieg er eine kurze Weile. Dann bemerkte

er:

«Das ist eine ganz außerordentliche Geschichte.» Seine

Augen hatten im geheimen Mrs. McGillicuddy aufmerksam

beobachtet, während sie erzählt hatte.

Er hatte im ganzen einen günstigen Eindruck gewonnen.

Eine vernünftige Frau, die eine Geschichte klar erzählte.

Eine Frau, die, soweit er es beurteilen konnte, weder

hysterisch noch allzu phantasiebegabt war. Außerdem schien

Miss Marple an die Zuverlässigkeit der Erzählung ihrer

Freundin zu glauben, und er kannte Miss Marple recht gut.

Jeder in St. Mary Mead kannte Miss Marple. Sie wirkte zwar

etwas nachlässig und fahrig, war aber in Wirklichkeit so

scharfsinnig und gewissenhaft, wie man sich nur wünschen

konnte.

Er räusperte sich.

«Natürlich können Sie sich getäuscht haben – verstehen

Sie mich richtig: Ich sage nicht, daß Sie sich getäuscht

hätten, aber sie könnten sich getäuscht haben. Es wird

allerlei grober Unfug getrieben. Vielleicht war es gar nicht

ernst gemeint, vie lleicht gar nicht so gefährlich, wie es

aussah.»

«Ich weiß, was ich gesehen habe», erwiderte Mrs.

McGillicuddy ruhig.

«Sie haben Ihre Beobachtungen der Eisenbahnbehörde

gemeldet und sind jetzt gekommen, um mir darüber zu

berichten. Sie haben völlig richtig gehandelt, und Sie können

sich darauf verlassen, daß ich Nachforschungen anstellen

werde.»

16

Cornish machte eine Pause. Miss Marple ruckte

befriedigt. Mrs. McGillicuddy war keineswegs zufrieden,

doch ließ sie nichts davon verlauten. Sergeant Cornish

wandte sich an Miss Marple, nicht so sehr, weil er wissen

wollte, wie sie über die Sache dachte, sondern weil es ihn

interessierte zu hören, was sie auf seine Frage antworten

würde.

«Nehmen wir an, die Tatsachen sind so, wie sie soeben

berichtet wurden. Was mag dann Ihrer Meinung nach aus

der Leiche geworden sein?»

«Es scheint nur zwei Möglichkeiten zu geben», erwiderte

Miss Marple, ohne zu zögern. «Am wahrscheinlichsten wäre

natürlich, daß sie im Zug blieb; aber das kann kaum sein, da

sie dann ja doch irgendwann in der Nacht von einem

anderen Reisenden oder einem Eisenbahnbeamten hätte

gefunden werden müssen.»

Frank Cornish nickte.

«Die einzige andere Möglichkeit ist, daß der Mörder die

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Tote unterwegs aus dem Zug geworfen hat. Dann aber

müßte sie immer noch irgendwo auf der Strecke liegen und

nicht entdeckt worden sein. Ebenfalls unwahrscheinlich.

Trotzdem sehe ich keine andere Möglichkeit: Entweder hat

der Mörder sie im Zug gelassen oder hinausbefördert.»

«Man hat schon davon gelesen, daß Leichen in Koffern

versteckt wurden», warf Mrs. McGillicuddy ein. «Aber wer

reist denn heutzutage noch mit großen Koffern? Jedermann

zieht Handkoffer vor, und in einem Handkoffer kann man

keinen Toten unterbringen.»

«Ja», sagte der Sergeant. «Ich stimme Ihnen beiden zu.

Die Leiche (wenn es eine Leiche gibt) hätte inzwischen

entdeckt worden sein müssen, oder sie wird sehr bald

entdeckt werden. Ich werde Sie über jede Entwicklung in der

Angelegenheit unterrichten, sobald ich etwas erfahre. Aber

ich denke, Sie werden darüber auch in den Zeitungen lesen.

Natürlich besteht die Möglichkeit, daß die Frau zwar

gewürgt wurde, aber doch nicht tot war. Möglicherweise war

sie imstande, den Zug auf ihren eigenen Beinen zu

verlassen.»

«Schwerlich ohne Hilfe», entgegnete Miss Marple. «Und

hätte jemand ihr geholfen, so wäre es bemerkt worden. Ein

Mann, der eine Frau stützt, die, wie er behauptet, krank ist,

fällt auf. »

< Ja, es hätte auffallen müssen», sagte Cornish. «Wenn aber eine Frau bewußtlos oder krank im Zug gefunden wurde, muß sie in ein Krankenhaus geschafft worden sein, und auch das hätte in den Zeitungen gestanden. Vielleicht kommt es noch. Auf jeden Fall können Sie sicher sein, daß Sie binnen kurzem etwas hören werden.>

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Aber dieser Tag verging und auch der nächste. Erst am

Abend erhielt Miss Marple ein Schreiben von Sergeant Cornish.

In Bezug auf die Angelegenheit, die Sie mir vorgetragen

haben, möchte ich bemerken, daß Untersuchungen eingeleitet

wurden, die aber zu keinem Ergebnis geführt haben. Es

wurde keine Frauenleiche gefunden. In keinem Krankenhaus

wurde eine Frau, wie Sie sie beschrieben, eingelie fert. Und

es wurde auch keine Frau beobachtet, die an

einem Schock litt oder unwohl geworden war oder, ge-

stützt von einem Mann, einen Bahnhof verließ. Sie

dürfen überzeugt sein, daß die Nachforschungen mit allem

Ernst betrieben wurden. Ich bin der Meinung, daß Ihre

Freundin die von ihr beschriebene Szene beobachtet hat,

diese aber dann bedeutend weniger ernst war, als es den

Anschein hatte.

3

«Weniger ernst? Dummes Zeug!» meinte Mrs.

McGillicuddy. «Es war Mord!»

Sie blickte Miss Marple herausfordernd an. «Heraus mit

der Sprache, Jane», sagte Mrs. McGillicuddy. < Sag ruhig, es sei alles nur eine Täuschung gewesen! Sag, ich hätte mir die ganze Geschichte nur eingebildet! Denn das denkst du jetzt doch?» < Jeder kann sich mal irren», meinte Miss Marple sanft. «Jeder, Elsbeth - selbst du. Ich denke, wir dürfen das nicht ganz außer acht lassen. Aber ich muß gestehen, daß ich noch immer der Überzeugung bin, es sei höchst unwahrschein 19 lich, daß du dich getäuscht hast. Du brauchst die Brille zum Lesen, aber du hast sehr gute Augen für die Ferne, und was du gesehen hattest, machte einen überaus starken Eindruck auf dich. Du standest ohne jeden Zweifel unter einem schwe ren Schock, als du kamst.» «Ich werde es nie vergessen», sagte Mrs. McGillicuddy schaudernd. «Das Schlimme ist nur, daß ich nicht weiß, was ich noch tun kann.» «Ich glaube nicht>, sagte Miss Marple nachdenklich,

«daß du noch mehr tun kannst, als du schon getan hast.»

(Wenn Mrs. McGillicuddy genau auf den Tonfall, mit dem

ihre Freundin das sagte, geachtet hätte, dann wäre ihr

vielleicht aufgefallen, daß sie das Wort «du» leicht betont

hatte.) «Du hast berichtet, was du gesehen hast, du hast den

Vorfall der

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Eisenbahn und der Polizei gemeldet. Wirklich, jetzt

kannst du nichts weiter tun.»

«Das ist in gewisser Hinsicht ein Trost», erwiderte Mrs.

McGillicuddy. «Ich werde nämlich unmittelbar nach Weihnachten,

wie du weißt, zu Roderick nach Ceylon fahren, und

ich habe wirklich nicht den Wunsch, diesen Besuch

aufzuschieben. Ich freue mich schon so lange darauf! Aber

natürlich würde ich hierbleiben, wenn ich es für meine

Pflicht hielte», fügte sie gewissenhaft hinzu.

«Daran zweifle ich nicht, Elsbeth. Aber, wie gesagt, meiner

Meinung nach hast du alles getan, was du tun konntest.»

«Es ist Sache der Polizei», bekräftigte Mrs.

McGillicuddy. «Und wenn die Polizei etwa zu dumm sein

sollte -»

Miss Marple schüttelte entschieden den Kopf.

«Oh, nein», sagte sie, «die Polizei ist nicht dumm. Und

das macht die Sache interessant, nicht wahr?»

Mrs. McGillicuddy blickte sie verständnislos an. Miss

Marple stellte im stillen wieder einmal fest, daß ihre Freundin

zwar eine Frau von klarem Verstand und ausgezeichneten

Grundsätzen war, aber keinen Funken Phantasie besaß.

«Man möchte doch gern wissen», fuhr sie fort, «was nun

eigentlich wirklich geschehen ist.»

«Die Frau wurde ermordet.»

«Ja, aber wer hat sie ermordet und warum, und was ist

aus der Leiche geworden. Daß die Polizei diesen Punkt noch

nicht zu klären vermochte, läßt doch darauf schließen, daß

der Mörder schlau ist – sehr schlau. Ich muß gestehen, ich

kann mir einfach nicht vorstellen, was er mit der Leiche

gemacht hat. Man kann, wie ich schon sagte, die Tote in eine

Ecke setzen, ihr Gesicht verbergen, so daß es den Anschein

erweckt, als schliefe sie, und dann selber so schnell wie

möglich den Zug verlassen. Ich sehe keine andere Möglichkeit

– und dennoch muß es eine gegeben haben . . .»

21

Miss Marple versank in Gedanken.

«Wie steht es mit den Zügen nach London?» erkundigte

sich Mrs. McGillicuddy. «Würde es dir passen, wenn ich

morgen nachmittag abreisen würde? Ich wollte zu Margaret,

und die erwartet mich nicht vor der Teestunde.»

«Vielleicht könntest du den Zug um 12 Uhr 5o nehmen?

Wir könnten früh zu Mittag essen.»

Mrs. McGillicuddy blickte ihre Freundin fragend an.

«Natürlich, Jane – aber was hast du im Sinn?»

«Ich schlage vor, Elsbeth, daß ich dich nach London begleite

und daß wir in dem Zug, den du benützt hast, zusammen

nach Brackhampton zurückreisen. Du würdest dann von

Brackhampton aus nach London fahren und etwa um sieben

bei Margaret sein, und ich würde hier ankommen wie du

vorgestern. Natürlich würde ich die Kosten tragen», betonte

Miss Marple nachdrücklich.

«Was, um alles in der Welt, erwartest du denn, Jane?»

fragte Mrs. McGillicuddy verwundert. «Daß wieder ein

Mord geschieht?»

«Gewiß nicht!» erwiderte Miss Marple entsetzt. «Aber

ich gestehe, ich würde gern selber – unter deiner Führung –

den Schauplatz des Verbrechens, wenn man es so nennen

kann, in Augenschein nehmen.»

Also saßen die beiden Freundinnen am nächsten Tag in

zwei gegenüberliegenden Ecken eines Abteils erster Klasse

in dem Zug, der den Londoner Bahnhof Paddington um 16

Uhr 5o verließ. Der Bahnhof war noch bele bter, als er es am

vergangenen Freitag gewesen war, denn es waren ja nur

noch zwei Tage bis Weihnachten. Aber der Zug 16 Uhr 50

war verhältnismäßig leer, jedenfalls soweit es die letzten

Wagen betraf.

Diesmal fuhr kein Zug parallel mit dem ihren. Von Zeit

zu Zeit flitzten Züge nach London an ihnen vorüber.

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Zweimal waren es auch Züge, die mit großer

Geschwindigkeit in ihrer Richtung fuhren.

Mrs. McGillicuddy blickte des öfteren auf ihre Uhr.

«Es ist schwer zu sagen, wann wir eine Station passiert

haben, die ich kenne . . . » – Sie kamen durch eine ganze

Reihe von Bahnhöfen.

«In fünf Minuten werden wir in Brackhampton sein»,

sagte Miss Marple.

Ein Schaffner erschien im Gang. Miss Marple blickte ihre

Freundin fragend an. Mrs. McGillicuddy schüttelte den

Kopf. Es war nicht derselbe Schaffner. Er kontrollierte die

Fahrkarten und ging dann weiter, leicht strauchelnd, da der

Zug in eine langgezogene Kurve einbog. Gleich darauf verlangsamte

er seine Fahrt.

«Ich glaube, wir kommen jetzt nach Brackhampton»,

sagte Mrs. McGillicuddy.

«Ja, wir sind in den Außenbezirken, scheint mir», bestätigte

Miss Marple.

Draußen huschten Lichter vorüber, dann Gebäude, und

gelegentlich konnte man einen flüchtigen Blick auf Straßen

mit Trambahnen werfen. Die Fahrt verlangsamte sich immer

mehr. Jetzt fuhren sie über Weichen hinweg.

«In einer Minute werden wir dort sein», erklärte Mrs.

McGillicuddy. «Ich kann wirklich nicht sehen, daß diese

Reise irgend etwas gebracht hätte. Oder, Jane?>

«Ich fürchte, nein», erwiderte Miss Marple.

«Eine bedauerliche Geldverschwendung», sagte Mrs.

McGillicuddy, aber nicht ganz so mißbilligend, als wenn sie

die Fahrt selber bezahlt hätte.

«Unser Zug hat einige Minuten Verspätung», bemerkte

Miss Marple. «Wie war es mit deinem am Freitag?»

«Es ist möglich, daß er ebenfalls Verspätung hatte. Ich

habe nicht darauf geachtet.»

23

Der Zug rollte langsam in den Bahnhof Brackhampton

ein. Der Lautsprecher meldete sich mit heiserer Stimme,

Türen wurden geöffnet und geschlossen, Leute stiegen ein

und aus, auf dem Bahnsteig wogte eine Menschenmenge hin

und her. Es herrschte reges Leben und Treiben.

Es ist leicht für einen Mörder, dachte Miss Marple, in der

Menschenmenge unterzutauchen und den Bahnhof zu verlassen,

oder in einen anderen Wagen umzusteigen. Es ist

leicht, ein einzelner Reisender unter vielen zu sein. Weniger

leicht aber ist es, eine Leiche einfach verschwinden zu

lassen. Sie maß also irgendwo sein.

Mrs. McGillicuddy war ausgestiegen. Sie sprach jetzt

vom Bahnsteig aus durch das offene Fenster.

«Wir wollen uns über diese Geschichte keine weiteren

Gedanken mehr machen. Wir haben getan, was wir konnten.

»

Miss Marple ruckte. Dann verabschiedeten sich die

beiden Freundinnen. Mrs. McGillicuddy wandte sich zum

Gehen, ein Pfiff ertönte, der Zug setzte sich in Bewegung.

Miss Marple blickte der untersetzten Figur ihrer Freundin

nach. Elsbeth konnte guten Gewissens nach Ceylon fahren.

Während der Zug seine Fahrt beschleunigte, lehnte Miss

Marple sich nicht in die Polster zurück. Sie saß aufrecht da

und dachte angestrengt nach. Sie hatte ein Problem zu lösen

– das Problem, wie sie sich nun verhalten sollte, und seltsamerweise

betrachtete sie es, ebenso wie Mrs. McGillicuddy,

als ihre Pflicht, sich mit der Sache zu befassen.

Ihre Freundin hatte gesagt, sie hätten beide getan, was sie

konnten. Für Mrs. McGillicuddy traf das zweifellos zu; was

aber sie selber anging, so war sie dessen nicht ganz so

sicher.

Aber was konnte sie denn nun wirklich noch tun?

24

Leidenschaftslos wog Miss Marple ab, was dafür und was

dagegen sprach, daß sie sich noch weiter mit dieser Sache

befaßte. Dafür sprachen folgende Punkte:

1. Ihre lange Lebenserfahrung und ihre Kenntnis der

menschlichen Natur.

2. Sir Henry Clithering und sein Patenkind (jetzt in

Scotland Yard), die ihr bei einer früheren

Gelegenheit so freundlich geholfen hatten.

3. Der jüngere Sohn ihres Neffen Raymond, David,

der irgendeinen höheren Posten bei den British

Railways bekleidete.

4. Griseldas Sohn Leonard, der sich so gut auf

Landkarten verstand.

Miss Marple überdachte noch einmal diese Aktivposten

und billigte sie. Sie waren alle nötig, um die Passivposten –

besonders ihre eigene körperliche Unzulänglichkeit –

auszugleichen.

Ja, das war der Haupteinwand. Denn wenn sie auch in

Anbetracht ihrer Jahre mit ihrer Gesundheit durchaus zufrie –

den sein maßte, so war sie doch eben nun einmal alt. Und

wenn Dr. Haydrock ihr streng verboten hatte, sich in ihrem

Garten ernsthaft zu betätigen, so würde er es kaum billigen,

daß sie sich aufmachte, um einen Mörder aufzuspüren. Das

war aber genau das, was sie beabsichtigte. Außerdem:

Bisher war ihr jede Mordaffäre stets sozusagen

aufgezwungen worden; in diesem Fall jedoch maßte sie

selber entscheiden, ob sie aktiv eingreifen sollte oder nicht.

Eigentlich hatte sie nicht viel Lust dazu. Sie war alt – alt und

müde.

«Ich bin zu alt für solche Abenteuer», sagte Miss Marple

zu sich selber. Dabei blickte sie aus dem Fenster und

25

betrachtete die in einer Kurve verlaufende Böschung der

Eisenbahn…

Eine Kurve…

Ganz schwach regte sich etwas in ihrer Erinnerung…

gerade als der Schaffner ihre Fahrkarte geknipst hatte…

Das brachte sie auf eine Idee – eine ganz vage Idee.

Miss Marples Wangen röteten sich leicht. Plötzlich fühlte

sie sich nicht mehr die Spur müde.

< Ich werde morgen früh an David schreiben», sagte sie zu sich selber. Und gleichzeitig fiel ihr ein weiterer wertvoller Aktivposten ein: «Natürlich! Meine treue Florence!» Miss Marple entwarf ihren Feldzugsplan methodisch. Auch daß Weihnachtszeit war und daher mit Verzögerungen gerechnet werden maßte, zog sie in Betracht. Sie schrieb an ihren Großneffen, David West, und verband ihre Weihnachtswünsche mit der dringenden Bitte um eine Auskunft. Glücklicherweise war sie wie in den vorhergehenden Jahren zum Weihnachtsessen im Pfarrhaus eingeladen. -Das verschaffte ihr die Gelegenheit, den jungen Leonard, der über Weihnachten zu Hause sein würde, über Landkarten auszuforschen. Landkarten aller Art waren nämlich Leonards Passion. Weshalb die alte Dame sich nach einer Landkarte in möglichst großem Maßstabe von einem bestimmten Gebiet erkundigte, erstaunte ihn nicht weiter. Er ließ sich weitschweifig über Landkarten im allgemeinen aus und schrieb ihr auf, welche für ihre Zwecke am geeignetsten sei. Ja, er stellte schließlich sogar fest, daß sich eine solche Landkarte in seiner Sammlung befand, und er borgte sie ihr, 26 nachdem Miss Marple versprochen hatte, sie sehr sorgfältig zu behandeln und in angemessener Zeit zurückzugeben. Schon bald erhielt Miss Marple Antwort von ihrem Großneffen David West: Liebe Tante Jane! Was treibst Du denn jetzt schon wieder? Ich habe die Auskunft beschaffen können, um die Du mich batest. Es kommen nur zwei Züge in Betracht: der um 16 Uhr 33 und der um 17 Uhr. Der erste ist ein Bummelzug, er hält in Haling Broadway, Barwelt Heath, Brackhampton und den folgenden Stationen bis Market Basing. Der 17 Uhr-Zug ist der Wales-Expreß nach Cardiff, Newport und Swansea. Ersterer könnte auf der Strecke von dem 16-Uhr5o-Zug überholt werden, obwohl er in Brackhampton fünf Minuten früher eintreffen sollte, und der Expreß passiert den Zug 16 Uhr 5o kurz vor Brackhampton. Warum Deine Frage? Ich wittere einen Dorfskandal. Hast Du bei der Rückkehr von einem Einkaufsbummel den 16 Uhr 5o benutzt und in einem Zug, der den Deinen passierte, die Frau des Bürgermeisters in den Armen des Gesundheitsinspektors gesehen? Aber warum ist es denn wichtig, welcher Zug es war? Schönen Dank übrigens für

den Pullover! Es ist ganz nach meinem Geschmack. Und

was macht der Garten? In dieser Jahreszeit gibt es da

vermutlich nicht viel zu tun.

Herzliche Grüße

Dein David

Miss Marple lächelte, als sie den Brief las. Dann

überlegte sie, was aus dieser Auskunft zu folgern war. Mrs.

McGillicuddy hatte nachdrücklich betont, der betreffende

Wagen sei kein Wagen mit einem Durchgang gewesen.

27

Daher kam der Expreß nach Swansea nicht in Betracht. Es

maßte sich um den Zug 16 Uhr 33 gehandelt haben.

Leider schien es sich nicht vermeiden zu lassen, daß sie

sich wieder in den Zug setzte. Sie seufzte, machte aber ihre

Pläne.

Sie fuhr mit dem Zug 12 Uhr 15 nach London. Diesmal

aber kehrte sie nicht mit dem Zug 16 Uhr 5o zurück, sondern

fuhr mit dem Zug 16 Uhr 33 bis Brackhampton. Die Reise

war ereignislos, aber Miss Marple stellte doch gewisse

Einzelheiten fest. Der Zug war alles andere als überfüllt. Nur

ein einziger Reisender fuhr erster Klasse: ein sehr alter Herr,

der Zeitung las. Miss Marple fuhr in einem leeren Abteil,

und beide Male, da der Zug hielt, in Haling Broadway und

Barwell Heath, lehnte sie sich aus dem Fenster und beobachtete

die Reisenden, die ein- oder ausstiegen. Ein paar Fahrgäste

dritter Klasse stiegen in Haling Broadway zu. In Barwell

Heath stiegen mehrere Passagiere dritter Klasse aus.

Als der Zug sich Brackhampton näherte und in eine Kurve

einbog, stand Miss Marple auf, trat ans Fenster, dem sie den

Rücken zukehrte, nachdem sie das Rouleau heruntergelassen

hatte.

Sie stellte fest, daß der plötzliche Schnelligkeitsverlust

und das gleichzeitige Einbiegen in eine Kurve genügten, um

einen das Gleichgewicht verlieren zu lassen und gegen das

Fenster zu drücken. Infolgedessen war es leicht möglich, daß

das Rouleau plötzlich hochschnellte. Sie blickte in die

Dunkelheit hinaus. Es war heller als an dem Tag, da Mrs.

McGillicuddy dieselbe Reise gemacht hatte, aber immer

noch ziemlich dunkel. Um genauere Beobachtungen anstellen

zu können, maßte sie die Fahrt bei hellem Tageslicht

machen.

Am folgenden Tag benutzte sie den frühen Morgenzug,

kaufte etwas ein, da sie nun einmal in London war, und fuhr

mit einem Zug zurück, der den Bahnhof Paddington um 12

28

Uhr 15 verließ. Wieder war sie allein in einem Wagen erster

Klasse. Ja, diese Steuern! dachte Miss Marple. Daran liegt

es. Niemand kann es sich mehr leisten, erster Klasse zu

fahren.

Etwa eine Viertelstunde vor der fahrplanmäßigen Ankunft

des Zuges in Brackhampton holte Miss Marple die

Landkarte hervor, die ihr Leonard geliehen hatte, und begann,

das Gelände zu betrachten. Sie hatte die Karte schon

vorher sehr sorgfältig studiert. Nachdem sie den Namen des

Bahnhofs, den sie gerade passierten, festgestellt hatte, gelang

es ihr, auf der Karte die Stelle zu finden, an der der Zug

sich befand, als er die Fahrt verlangsamte, weil er in eine

Kurve einbog. Es war eine sehr weite Kurve. Miss Marple

druckte die Nase an die Fensterscheibe und studierte höchst

aufmerksam das abschüssige Gelände.

Der Zug fuhr auf einem ziemlich hohen Bahndamm. Sie

teilte ihre Aufmerksamkeit zwischen der Landschaft draußen

und ihrer Karte, bis der Zug schließlich in Brackhampton

einlief.

Am selben Abend schrieb sie einen Brief an Miss

Florence Hill, 4 Madison Road, Brackhampton, und brachte

ihn sofort zur Post. Am nächsten Morgen ging sie in die

Kreisbibliothek und studierte dort ein Adreßbuch, ein

geographisches Nachschlagewerk und ein Geschichtsbuch

des Kreises.

Bisher hatte sie nichts entdecken können, was zu ihrer

vagen Idee im Widerspruch gestanden hätte. Sie konnte sagen,

daß das, was sie sich vorstellte, zweifellos möglich war.

Der nächste Schritt aber machte Aktivität notwendig,

sehr viel Aktivität, eine Art von Aktivität, zu der sie selber

körperlich nicht mehr imstande war. Wenn ihre Theorie sich

endgültig als richtig oder als irrig erweisen sollte, bedurfte

sie jetzt der Hilfe eines Dritten. Die Frage war nur, wen sie

dazu heranziehen konnte. Miss Marple ließ sich verschie –

29

dene Namen und Möglichkeiten durch den Kopf gehen,

verwarf sie aber mißmutig eine nach der andern.

Sie wurde immer verdrossener und fast verzagt, während

sie sich weiter den Kopf zerbrach.

Plötzlich aber hellte sich ihr Gesicht auf:

«Aber natürlich! Lucy Eyelesbarrow!»

30

4

Der Name Lucy Eyelesbarrow war in gewissen Kreisen

gut bekannt. Sie war zweiunddreißig Jahre alt, hatte in

Oxford erfolgreich ihr Studium der Mathematik

abgeschlossen, be saß, wie allgemein anerkannt wurde, einen

hervorragenden Verstand, und jedermann erwartete, sie

würde eine steile akademische Karriere machen.

Lucy Eyelesbarrow aber besaß außer ihrer Gelehrsamkeit

noch einen vortrefflichen gesunden Menschenverstand. Es

entging ihr nicht, daß eine akademische Laufbahn eine

schlecht bezahlte war. Sie hatte nicht das geringste

Verlangen zu lehren und bevorzugte den Umgang mit

Leuten, die weniger intelligent waren als sie selber. Kurz, sie

interessierte sich für Menschen, für alle Arten von Menschen

– und nicht immer die gleichen. Außerdem hatte sie, wie sie

freimütig zugab, Sinn für Geld. Um aber Geld zu verdienen,

maß man sich einen Mangel zunutze machen.

Lucy Eyelesbarrow entdeckte sehr schnell einen außerordentlich

ernsten Mangel – den Mangel an tüchtigen Kräften

für den Haushalt. Zur Verwunderung ihrer Freunde und ihrer

akademischen Kollegen wandte Lucy Eyelesbarrow sich

daher der Hauswirtschaft zu.

Ihr Erfolg war unmittelbar und sicher. Jetzt, nach dem

Verlauf einiger Jahre, war ihr Name auf den Britischen

Inseln überall bekannt. Es war durchaus nichts

Ungewöhnliches, daß eine Frau vergnügt zu ihrem Gatten

sagte: «Alles hier wird ausgezeichnet laufen. Wir können

zusammen in die Staaten fahren. Ich habe Lucy

Eyelesbarrow bekommen!» Das Besondere bei Lucy

Eyelesbarrow war nämlich: Wenn sie einmal zu jemandem

31

ins Haus kam, dann verschwanden aus diesem aller

Kummer, alle Sorge und alle schwere Arbeit. Lucy

Eyelesbarrow tat alles, sah nach allem, ordnete alles. Sie war

unglaublich tüchtig, und zwar auf jedem nur denkbaren

Gebiet. Sie betreute ältere Angehörige, übernahm die Sorge

für die kleinen Kinder, pflegte die Kranken, kochte ausgezeichnet,

kam gut aus mit den schon lange zum Haus gehörenden

Dienstboten, sofern welche da waren (für gewöhnlich

waren welche da), war taktvoll auch den unmöglichsten

Menschen gegenüber und verstand sich wundervoll auf

Hunde. Das Beste aber war, daß sie keinerlei Arbeit scheute.

Sie schrubbte den Fußboden in der Küche, buddelte im Garten,

beseitigte den Schmutz, den die Hunde hinterlassen

hatten, und schleppte Kohlen.

Einer ihrer Grundsätze war, daß sie niemals eine

Verpflichtung für längere Zeit einging. Vierzehn Tage waren

bei ihr das Übliche, unter ganz besonderen Umständen blieb

sie einen Monat. In diesen vierzehn Tagen aber maßte man

ihr einen hohen Lohn zahlen. Andererseits war das Leben

während dieser Zeit der reine Himmel auf Erden. Man

konnte sich völlig entspannen, konnte ins Ausland reisen, zu

Hause bleiben, kurz, tun, was man wollte; denn man durfte

sicher sein, daß unter Lucy Eyele sbarrows tüchtigen Händen

daheim alles vortrefflich lief.

Natürlich war die Nachfrage nach ihren Diensten

gewaltig. Wenn sie gewollt hätte, wäre es ihr ein leichtes

gewesen, für drei Jahre im voraus feste Engagements zu

erhalten. Man hatte ihr riesige Summen geboten für den Fall,

daß sie sich entschließen könnte, auf Dauer zu bleiben. Aber

Lucy hatte nicht die Absicht, dergleichen zu tun. Und sie

verpflichtete sich auch nie mehr als sechs Monate im voraus.

In der übrigen Zeit sorgte sie ohne Wissen der nach ihr

schreienden Kundschaft dafür, daß sie immer gewisse

Freizeiten hatte, die es ihr entweder ermöglichten, eine

32

kurze, kostspielige Reise zu machen (denn sie gab sonst

nichts aus und wurde, wie gesagt, glänzend bezahlt), oder

ganz plötzlich einen Auf trag zu übernehmen, der ihr

entweder wegen seines Charakters oder weil sie die Leute

gut leiden mochte, zusagte. Sie konnte sich ihre

Auftraggeber nach Lust und Laune aussuchen. Sie liebte ihre

Lebensweise sehr und fand in ihr eine ständige Quelle der

Unterhaltung.

Lucy Eyelesbarrow las zum dritten oder vierten Male den

Brief, den sie von Miss Marple erhalten hatte. Vor zwei Jahren,

als der bekannte Schriftsteller Raymond West sie engagiert

hatte, damit sie nach seiner alten Tante sähe, die nach

einer Lungenentzündung pflegebedürftig war, hatte sie Miss

Marples Bekanntschaft gemacht. Lucy hatte den Auftrag angenommen

und war nach St. Mary Mead gekommen. Miss

Marple hatte ihr ausgezeichnet gefallen.

Miss Marple schrieb an Miss Eyelesbarrow und fragte

sie, ob sie wohl einen Auftrag höchst ungewöhnlicher Art

annehmen könnte.

Lucy Eyelesbarrow überlegte. Eigentlich war sie völlig

ausgebucht, aber das Wort «ungewöhnlich» und die

Erinnerung an den persönlichen Eindruck, den Miss Marple

auf sie gemacht hatte, siegten über ihre Bedenken. Sie rief

sogleichbei Miss Marple an und erklärte ihr, sie könne nicht

nach St. Mary Mead kommen, da sie im Augenblick in

Stellung sei; am folgenden Nachmittag aber sei sie von zwei

bis vier Uhr frei und könne Miss Marple in London in ihrem

Club treffen.

Lucy Eyelesbarrow führte ihren Gast in eins der ziemlich

düsteren Schreibzimmer und sagte: «Ich fürchte, ich bin im

Augenblick sehr besetzt, aber vielleicht erzählen Sie mir erst

mal, was ich tun soll?»

33

«Die Sache ist sehr einfach», entgegnete Miss Marple.

«Ungewöhnlich, aber einfach. Ich möchte, daß Sie eine

Leiche finden.»

Im ersten Augenblick kam Lucy der Verdacht, Miss

Marple sei geistig aus den Fugen geraten. Aber sie verwarf

diesen Gedanken sofort wieder. Miss Marple war unbedingt

bei vollem Verstand. Sie meinte genau, was sie gesagt hatte.

«Was für eine Leiche?» fragte Lucy Eyelesbarrow mit

bewundernswertem Gleichmut.

«Eine Frauenleiche», antwortete Miss Marple. «Die

Leiche einer Frau, die in einem Zug ermordet – genauer

gesagt: erdrosselt wurde.»

Lucys Augenbrauen stiegen ein wenig in die Höhe.

«Ich muß schon sagen, das ist wirklich etwas

Ungewöhnliches. Erzählen Sie!»

Miss Marple erzählte. Lucy Eyelesbarrow lauschte aufmerksam,

ohne sie zu unterbrechen. Als Miss Marple geendet

hatte, meinte sie:

«Elsbeth McGillicuddy ist nicht die Frau, die sich leicht

etwas einbildet. Deshalb verlasse ich mich unbedingt auf

das, was sie gesagt hat.»

«Ich verstehe», sagte Lucy nachdenklich. «Setzen wir

also voraus, daß alles so war, wie sie es erzählt hat. Und was

kann ich dabei tun?»

«Sie haben auf mich sehr großen Eindruck gemacht>,

erwiderte Miss Marple. «Und ich selbst, um die Wahrheit zu

gestehen, besitze heute nicht mehr die nötigen Kräfte, um

herumzulaufen und alles selber zu tun.»

«Sie möchten also, daß ich Erkundigungen einziehe? Ich

soll Nachforschungen anstellen? Meinen Sie das? Aber hat

das die Polizei nicht längst getan? Oder glauben Sie, daß sie

nachlässig gearbeitet hat?»

«O nein», erwiderte Miss Marple. «Durchaus nicht. Sie

hat nicht nachlässig gearbeitet. Aber ich habe mir nun

34

einmal eine Theorie über den Verbleib der ermordeten Frau

zurechtgelegt. Irgendwo muß die Leiche doch sein. Wenn

sie nicht im Zug gefunden wurde, dann muß sie aus dem

Zug gestoßen oder geworfen worden sein. Und doch hat man

sie nirgends auf der Strecke gefunden. Daher habe ich mich

in den Zug gesetzt und nach einer Stelle gesucht, an der die

Leiche hätte aus dem Zug geworfen werden können, ohne

daß sie auf der Strecke gefunden worden wäre – und ich fand

tatsächlich eine solche Stelle. Die Bahnlinie beschreibt kurz

vor Brackhampton eine große Kurve, und zwar am Rande

eines hohen Bahndamms. Wurde die Leiche dort aus dem

Zug geworfen, der in diesem Augenbuch etwas schief lag,

dann halte ich es für höchst wahrscheinlich, daß sie den

Damm hinunterstürzte.»

«Aber sicherlich wäre sie auch dort gefunden worden?»

«Gewiß. Deshalb muß sie entfernt worden sein… Aber

darauf komme ich gleich. Hier ist die Stelle. Sehen Sie sich

diese Karte mal an.» – Lucy beugte sich vor und blickte auf

den Punkt, auf den Miss Marples Finger deutete.

«Die Stelle liegt jetzt in den Außenbezirken von Brackhampton

», fuhr Miss Marple fort. «Ursprünglich aber war

dort ein Landsitz mit einem weitläufigen Park, Feldern und

dergleichen. Er befindet sich auch jetzt noch dort, ist aber

umringt von Baugelände und kleinen Vorstadthäusern. Rutherford

Hall – so heißt der Landsitz – wurde von einem sehr

reichen Fabrikanten namens Crackenthorpe im Jahre 1884

gebaut. Der Sohn dieses Crackenthorpe, ein älterer Herr, lebt

dort, soviel ich weiß, mit einer Tochter.»

«Und was soll ich tun? Was erwarten Sie von mir?»

Miss Marple erwiderte sofort: «Ich möchte, daß Sie dort

in Stellung gehen. Jeder reißt sich heutzutage um eine

tüchtige Wirtschafterin. Ich kann mir nicht denken, daß es

für Sie schwierig wäre, in Rutherford Hall eine Stelle zu

finden.»

35

«Schwierig wäre es wohl kaum.>

«Wie ich höre, ist Mr. Crackenthorpe allgemein als Geizkragen

bekannt. Wenn Sie sich dort mit einem niedrigen

Lohn einverstanden erklären, werde ich diesen so ergänzen,

daß Sie mit einem besseren Entgelt rechnen können als gewöhnlich.

»

«Wegen der Schwierigkeit des Auftrags?»

«Weniger wegen der Schwierigkeit als wegen der Gefahr.

Ich kann nicht verhehlen, daß dieser Auftrag eine gewisse

Gefahr einschließt. Es ist nur recht und billig, wenn ich Sie

darauf aufmerksam mache.»

«Ich glaube nicht», meinte Lucy nachdenklich, «daß der

Gedanke an eine Gefahr mich abschrecken könnte.>

«Das hatte ich auch nicht erwartet», lächelte Miss

Marple.

«Sie glaubten wohl eher, der Gedanke an eine Gefahr

könnte für mich etwas Verlockendes haben? Ich war nur

sehr selten in meinem Leben einer Gefahr ausgesetzt. Aber

glauben Sie wirklich, die Sache könnte gefährlich werden?»

«Jemand», erwiderte Miss Marple ernst, «hat ein sehr erfolgreiches

Verbrechen begangen. Es hat keinerlei Aufsehen

erregt, keinen wirklichen Verdacht erweckt. Zwei ältere Damen

haben eine recht unwahrscheinliche Geschichte erzählt,

die Polizei hat Nachforschungen angestellt und nichts Bela –

stendes gefunden. Alles ist also ruhig und still. Ich glaube

nicht, daß der Unbekannte, wer er auch sein mag, auf den

Gedanken kommt, Sie stellten Nachforschungen an – es sei

denn, Sie haben Erfolg.»

«Und wonach soll ich Ausschau halten?»

< Nach irgendwelchen Spuren am Bahndamm - Stoffetzen, geknickte Zweige und dergleichen.» Lucy nickte. «Und dann?» 36 «Ich werde ganz in der Nähe sein», erwiderte Miss Marple. «Ein früheres Dienstmädchen, meine treue Florence, wohnt in Brackhampton. Sie hat jahrelang für ihre alten Eltern gesorgt. Jetzt sind sie beide tot, und Florence vermietet Zimmer an achtbare Leute. Ich habe mit ihr ausgemacht, daß ich bei ihr wohnen kann. Sie wird mich vorbildlich umsorgen, und ich möchte gern in der Nähe sein. Ich schlage daher vor, Sie erwähnen in Rutherford Hall, ein alte Tante von Ihnen lebe in der Nachbarschaft, und deshalb möchten Sie gern in einer Stellung tätig sein, die es Ihnen erlaubt, sie öfters zu besuchen. Sie stellen damit von vornherein die Bedingung, daß man Ihnen reichlich freie Zeit einräumt.» Wieder nickte Lucy. «Ich hatte die Absicht, übermorgen nach Taormina zu reisen», sagte sie. «Aber mein Urlaub kann warten. Mehr als drei Wochen könnte ich Ihnen aber nicht zur Verfügung stehen, denn dann bin ich besetzt.» «Drei Wochen sind reichlich genug», erklärte Miss Marple. «Wenn wir in drei Wochen nichts entdecken, können wir die Sache ruhig als aussichtslos aufgeben.» Miss Marple verabschiedete sich, und Lucy überlegte nur einen Augenblick. Dann rief sie in einem Stellenvermittlungsbüro in Brackhampton an, dessen Inhaberin sie gut kannte. Sie sagte, sie wünsche eine Beschäftigung in der Nachbarschaft, um in der Nähe ihrer «Tante» zu sein. Sie lehnte mit einiger Schwierigkeit und sehr viel Geschick mehrere recht günstige Angebote ab, bis schließlich Rutherford Hall genannt wurde. «Das scheint genau das zu sein, was ich suche», erklärte Lucy. Das Stellenvenruttlungsbüro rief in Rutherford Hall an, und Miss Crackenthorpe setzte sich telefonisch mit Lucy in Verbindung. Zwei Tage später verließ Lucy Eyelesbarrow London, um sich nach Rutherford Hall zu begeben. 37 Lucy Eyelesbarrow lenkte ihren kleinen Wagen durch das imposante Tor. Zur Rechten lag ein Häuschen, das ursprünglich wohl einen Pförtner beherbergt hatte, jetzt aber völlig verfallen aussah. Eine lange, kurvenreiche Auffahrt führte zu dem Haus. Lucy staunte, als sie dieses plötzlich vor sich liegen sah. Es war gewissermaßen eine Miniaturnachbildung von Schloß Windsor. Die steinernen Stufen vor der Eingangstür sahen vernachlässigt aus, und der Kiesweg war von wild wucherndem Unkraut ganz grün gefärbt. Sie zog an einem schmiedeeisernen Glockenstrang, und kurz darauf öffnete eine schlampig aussehende Frau, die sich die Hände an ihrer Schürze abwischte, die Tür und musterte sie argwöhnisch. «Werden wohl erwartet?» fragte sie. «Irgendwas mit Barrow?» «Ganz recht», erwiderte Lucy. Das Innere des Hauses strömte eine empfindliche Kälte aus. Lucy folgte ihrer Führerin durch die lange, dunkle Halle in das Wohnzimmer, das mit seinen Bücherregalen und Polstermöbeln einen recht behaglichen Eindruck machte. «Ich werde es ihr sagen», brummte die Frau, warf einen mißbilligenden Blick auf Lucy und verließ das Zimmer. Nach einigen Minuten trat Miss Emma Crackenthorpe ein, eine Frau in mittleren Jahren, die Lucy gleich auf den ersten Blick gefiel. Sie hatte nichts Auffallendes an sich, sah weder ausgesprochen gut noch unscheinbar aus, trug Tweedrock und Pullover, hatte dunkles Haar, nußbraune Augen und eine recht angenehme Stimme. «Miss Eyelesbarrow?» fragte sie freundlich und reichte ihr die Hand. «Ich weiß nicht recht», sagte sie dann etwas zweifelnd, «ob diese Stellung wirklich Ihren Wünschen entsprechen wird. Ich brauche keine Haushälterin, ich brauche jemanden, der die Arbeit macht. Viele Leute meinen, es handle sich 38 einfach um ein wenig Staubwischen und dergleichen; aber das Staubwischen kann ich selber besorgen.» < Ich verstehe», sagte Lucy. «Sie brauchen jemanden, der kocht und abwäscht, der die Hausarbeiten erledigt und den Heizkessel in Betrieb hält. Das ist mir schon recht. Ich scheue durchaus keine Arbeit.» «Leider ist es ein großes Haus, und es macht viel Mühe.

Wir bewohnen freilich nur einen Teil – mein Vater und ich.

Er ist kränklich, und wir führen ein ganz ruhiges Leben. Ich

habe mehrere Brüder, aber sie sind nur selten hier. Zwei

Frauen helfen bei der Arbeit: Mrs. Kidder jeden Morgen und

Mrs. Hart dreimal wöchentlich, um das Messing zu putzen

und dergleichen. Sie haben einen eigenen Wagen?»

«Ja. Aber er kann im Freien stehen, wenn er sich

nirgends unterbringen läßt. Er ist es gewohnt.»

«Oh, es sind genügend alte Ställe vorhanden. Die Unterbringung

des Wagens macht keine Schwierigkeiten.» Miss

Crackenthorpe schwieg einen Augenblick und fuhr dann

fort: «Eyelesbarrow ist ein ungewöhnlicher Name. Freunde

von mir erwähnten einmal eine Lucy Eyelesbarrow – die

Kennedys.»

«Ja. Ich war bei ihnen in North Devon, als Mrs. Kennedy

ein Kind erwartete.»

Emma Crackenthorpe lächelte.

«Sie waren ganz begeistert von Ihnen, Sie hätten sic h um

alles so hervorragend gekümmert. Aber ich dachte, Sie stellten

sehr hohe Forderungen? Die Summe, die ich nannte -»

«Das geht in Ordnung», sagte Lucy. «Mir liegt in erster

Linie daran, in der Nähe von Brackhampton zu sein. Dort

wohnt eine alte Tante von mir, um deren Gesundheit es

schlecht bestellt ist, und ich möchte sie leicht erreichen können.

Darum spielt das Gehalt eine untergeordnete Rolle. Ich

kann es mir nur nicht leisten, gar nichts zu tun. Aber es ist

39

mir wichtig, täglich einige freie Stunden zur Verfügung zu

haben.»

«Selbstverständlich. Sie können jeden Nachmittag bis

sechs Uhr frei haben, wenn Ihnen das genügt.»

«Ausgezeichnet.»

Miss Crackenthorpe zögerte etwas, bevor sie sagte:

»Mein Vater ist ziemlich alt und bisweilen – etwas

schwierig. Er hält sehr auf Sparsamkeit, und manchmal sagt

er Dinge, die die Leute vor den Kopf stoßen. Ich möchte

nicht gern -»

Lucy unterbrach sie schnell:

«Ich bin an ältere Leute jeder Art gewöhnt», sagte sie.

«Ich komme stets gut mit ihnen zurecht.»

Emma Crackenthorpe atmete erleichtert auf.

Es wurde Lucy ein großes, ziemlich düsteres

Schlafzimmer angewiesen. Dann zeigte ihr Miss

Crackenthorpe das Haus, das einen recht unwohnlichen

Eindruck machte. Als sie an einer Tür in der Halle

vorübergingen, brüllte jemand von drinnen:

«Bist du’s, Emma? Das neue Mädchen da? Bring es

rein!»

Emma errötete und blickte Lucy, um Verständnis bittend,

an.

Die beiden Frauen traten in das Zimmer. Das schmale

Fenster ließ nur wenig Licht herein, und der Raum war mit

schweren Mahagonimöbeln vollgestellt.

Der alte Mr. Crackenthorpe saß in einem Rollstuhl, einen

Stock griffbereit neben sich. Er war ein großer, magerer

Mann, hatte ein Gesicht wie eine Bulldogge und mißtrauisch

blickende Augen.

«Lassen Sie sich ansehen, junge Frau.»

Lucy trat vor und blickte ihn lächelnd an.

«Eins müssen sie von vornherein wissen. Daß wir in

einem großen Haus wohnen, bedeutet nicht, daß wir reich

40

sind. Wir sind nicht reich. Wir leben einfach. Hören Sie?

Einfach! Machen Sie sich keine übertriebenen Vorstellungen.

Kabeljau ist allemal ein ebenso guter Fisch wie Steinbutt.

Vergessen Sie das nicht. Ich hasse jede Verschwendung.

Ich lebe hier, weil mein Vater das Haus gebaut hat und

es mir gefällt. Wenn ich tot bin, können sie es verkaufen,

wenn sie wollen. Ich nehme an, sie werden es tun. Haben

keinen Familiensinn. Das Haus ist gut gebaut, es ist solide,

und wir haben unser eigenes Land rundherum. Leben ganz

für uns. Der Besitz würde viel Geld einbringen, wenn er als

Baugrund verkauft würde. Aber nicht, solange ich lebe. Sie

werden mich nicht hier herausbekommen, es sei denn: die

Füße voran.»

«Ihr Haus ist Ihre Burg», bemerkte Lucy.

«Machen Sie sich lustig über mich?»

«Ganz und gar nicht. Ich finde es sehr aufregend, mitten

in der Stadt einen Landsitz zu haben.»

«Ganz recht. Man sieht kein anderes Haus von hier aus,

nicht wahr? Felder mit Kühen darauf – mitten in Brackhampton.

Man hört den Verkehr ein wenig, wenn der Wind

entsprechend steht – aber sonst ist es ganz still.»

Ohne eine Pause zu machen oder den Ton zu ändern, fuhr

er, an seine Tochter gewandt, fort:

«Ruf bei dem verwünschten Narren, dem Doktor, an. Sag

ihm, die letzte Medizin tauge nichts. Und laß die verflixte

Frau, die immer herumschnüffelt, hier drinnen keinen Staub

mehr wischen. Sie hat alle meine Bücher durcheinandergebracht.

»

Als sie wieder draußen waren, fragte Lucy: «Ist Mr.

Crackenthorpe schon lange kränklich?»

Emma antwortete etwas ausweichend: «Seit Jahren

schon… Hier ist die Küche.> Die Küche war riesengroß und

ziemlich unordentlich.

41

Lucy fragte, wann gegessen würde, und warf einen Blick

in die Speisekammer. Dann sagte sie lächelnd zu Emma

Crackenthorpe:

«Jetzt weiß ich Bescheid. Seien Sie unbesorgt!

loberlassen Sie nur alles mir.»

Emma Crackenthorpe seufzte erleichtert, als sie an

diesem Abend zu Bett ging.

Lucy stand am nächsten Morgen um sechs Uhr auf. Sie

bestellte das Haus, bereitete das Gemüse für Mittag vor und

servierte das Frühstück. Gemeinsam mit Mrs. Kidder machte

sie die Betten, und um elf Uhr saßen sie beide in der Küche

und tranken starken Tee. Besänftigt durch die Tatsache, daß

Lucy < sich nichts einbildete», und auch unter der Wirkung des starken und süßen Tees, ließ sich Mrs. Kidder zu einem Schwätzchen herbei. Sie war eine kleine, magere Frau mit schmalen Lippen und strengem Blick. «Ein richtiger alter Knauser ist er! Was sie alles mit ihm durchzumachen hat! Aber sie läßt sich nicht unterkriegen. Wenn es sein muß, setzt sie ihren Kopf durch. Sooft die Herren herkommen, sorgt sie dafür, daß es etwas Ordentliches zu essen gibt.>

«Die Herren?»

«Ja. Es ist eine große Familie. Der Älteste, Mr. Edmund,

fiel im Krieg. Mr. Cedric lebt irgendwo im Ausland. Er ist

unverheiratet. Malt Bilder in fremden Ländern. Mr. Harold

wohnt in London; er hat die Tochter eines Grafen geheiratet.

Dann ist da noch Mr. Alfred, ein ganz sympathischer

Mensch, aber so etwas wie das schwarze Schaf der Familie.

Hat hin und wieder Dummheiten gemacht. Zur Familie

gehört außerdem Mrs. Ediths Gatte, Mr. Bryan. Sie selber

starb vor ein paar Jahren. Schlie ßlich ist da noch Master

Alexander, Mrs. Ediths Sohn. Er ist im Internat, verbringt

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aber immer einen Teil seiner Ferien hier. Miss Emma hängt

sehr an ihm.>

Lucy nahm alles in sich auf, was Mrs. Kidder ihr

berichtete, und nötigte sie immer wieder, noch eine Tasse

Tee zu trinken. Schließlich erhob sich Mrs. Kidder

widerstrebend.

«Ist heute morgen wohl allerlei zu tun», brummelte sie.

«Soll ich Ihnen beim Kartoffelschälen helfen?»

«Die sind schon geschält.»

«Sie legen aber tüchtig los!» bemerkte Mrs. Kidder

sichtlich befriedigt. «Kann ich dann gehen?»

Als Mrs. Kidder fort war, machte Lucy sich sofort daran,

den Küchentisch abzuschrubben. Eigentlich wäre das Mrs.

Kidders Arbeit gewesen, aber sie hatte die Frau nicht

brüskieren wollen. Dann reinigte sie das Silber, bis es in

Hochglanz erstrahlte. Sie kochte das Mittagessen, räumte ab,

wusch das Geschirr, und um halb drei Uhr war sie soweit,

daß sie mit den Nachforschungen beginnen konnte.

Sie machte zunächt einen Rundgang durch die Gärten.

Der Küchengarten sah kümmerlich aus. Es war nur spärlich

Gemüse gepflanzt. Die Treibhäuser waren verfallen, die

Wege überall von Unkraut überwuchert. Nur ein Streifen in

der Nähe des Hauses war frei von Unkraut und in

gepflegtem Zustand. Der Gärtner war ein uralter,

schwerhöriger Mann, der nur so tat, als arbeite er. Er wohnte

in einem Häuschen neben dem großen Stall.

Aus dem Hof mit den Nebengebäuden führte ein eingezäunter

Fahrweg durch den Park und mündete nach einer

Eisenbahnunterführung in einen schmalen Weg.

Alle paar Minuten donnerte ein Zug über die Unterführung

hinweg. Lucy beobachtete die Züge, die ihre Fahrt verlangsamten,

sobald sie in die langgezogene Kurve einbogen,

die Mr. Crackenthorpes Besitz einfaßte. Sie ging durch die

Unterführung und gelangte auf den Heckenweg, der nur

43

wenig benutzt zu werden schien. Auf der einen Seite befand

sich der Bahndamm, auf der andern eine hohe Mauer, die

einige Fabrikgebäude umschloß. Lucy ging bis zur Einmündung

einer Straße mit kleinen Häusern. Unweit hörte sie das

geschäftige Summen des Verkehrs einer Hauptstraße. Sie

blickte auf ihre Uhr. Eine Frau trat aus einem der Häuser.

Lucy sprach sie an:

«Entschuldigen Sie, aber könnten Sie mir sagen, ob man

hier irgendwo telefonieren kann?»

«Das Postamt befindet sich an der nächsten

Straßenecke.»

Lucy dankte und ging weiter, bis sie die Post fand, die

gleichzeitig ein Kaufladen war. In einer Ecke war eine Tele –

fonzelle. Lucy rief bei Miss Marple an. Eine weibliche

Summe sagte ziemlich grob:

«Sie ruht. Ich denke nicht daran, sie zu stören. Sie

braucht Ruhe. Wer sind Sie? Ich werde ihr ausrichten, daß

Sie angerufen haben.»

«Miss Eyelesbarrow. Sie brauchen sie nicht zu stören.

Sagen Sie nur, ich sei angekommen, alles liefe nach

Wunsch, und ich würde mich wieder melden, wenn es etwas

Neues gäbe.»

Lucy legte den Hörer auf und kehrte nach Rutherford

Hall zurück.

44

5

«Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich im Park

ein wenig Golf spiele?» fragte Lucy.

«Natürlich nicht. Spielen Sie gern Golf?»

«Ich spiele nicht sehr gut, aber ich möchte nicht aus der

Übung kommen. Es ist eine angenehmere Art, sich Bewegung

zu verschaffen, als wenn man lediglich spazierengeht.»

«Außerhalb meines Besitzes kann man nicht spazierengehen

», knurrte Mr. Crackenthorpe. «Nichts als Pflaster und

elende kleine Schachteln von Häusern. Möchten gern mein

Land haben und mehr von den Dingern bauen. Aber sie

bekommen es nicht, solange ich lebe. Und ich denke nicht

daran, zu sterben, um jemandem einen Gefallen zu tun.

Verstehen Sie? Keinem zu Gefallen sterbe ich!»

Emma Crackenthorpe sagte sanft: «Aber Vater!»

«Ich weiß, was sie denken – und worauf sie warten. Alle

miteinander. Cedric und der schlaue Fuchs Harold mit seiner

selbstzufriedenen Miene. Was Alfred betrifft, so wundere

ich mich, daß er noch keinen Versuch gemacht hat, mich um

die Ecke zu bringen. Bin übrigens nicht sicher, daß er es

nicht schon versucht hat. Zu Weihnachten. Hatte damals

diesen merkwürdigen Anfall. Der alte Quimper war sehr

verwundert. Er stellte mir allerlei merkwürdige Fragen.»

«Jeder bekommt hin und wieder einmal Verdauungsbeschwerden,

Vater.»

«Schon gut, schon gut! Sag nur offen heraus, ich hätte

zuviel gegessen! Das meinst du doch? Und warum habe ich

zuviel gegessen? Weil zuviel Essen auf dem Tisch stand,

viel zuviel. Verschwendung und Vergeudung! Nichts als

Ausschweifung. Da fällt mir ein, junge Frau, Sie haben uns

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zum Lunch fünf Kartoffeln serviert und obendrein große.

Zwei Kartoffeln genügen für jeden. Bringen Sie künftig also

nicht mehr als vier auf den Tisch. Die überzählige Kartoffel

heute wurde vergeudet.»

«Sie wurde nicht vergeudet, Mr. Crackenthorpe. Ich gedenke

sie heute abend für eine Spanische Omelette zu verwenden.

»

Als Lucy mit dem Tablett das Zimmer verließ, hörte sie

Mr. Crackenthorpe sagen: «Gerissene junge Frau. Weiß auf

alles eine Antwort. Kocht aber sehr gut und sieht nett aus.»

Lucy Eyelesbarrow nahm ein leichtes Eisen (sie hatte in

weiser Voraussicht einen Satz Golfschläger mitgebracht)

und ging in den Park.

Sie begann zu spielen. Nach etwa fünf Minuten landete

der Ball auf der Seite des Bahndamms. Lucy stieg hinauf

und suchte nach ihm. Von Zeit zu Zeit blickte sie zum Haus

zurück. Es war ziemlich weit entfernt, und niemand interessierte

sich im geringsten für ihr Treiben. Sie setzte also die

Suche fort. Hin und wieder schlug sie einen Ball von der

Böschung ins Gras. lm Laufe des Nachmittags durchforschte

sie etwa ein Drittel des Bahndammes. Sie konnte nichts Auffallendes

entdecken.

Aber am nächsten Tage wurde sie fündig. Ein

Dornbusch, der etwa auf halber Höhe des Bahndammes

wuchs, war eingeknickt. Abgerissene Zweige lagen verstreut

umher. Lucy untersuchte den Busch. Auf einem Dorn

aufgespießt, fand sie einen Pelzfetzen. Lucy betrachtete ihn

einen Augenblick, dann nahm sie eine Schere aus der Tasche

und schnitt ihn vorsichtig mittendurch. Die Hälfte, die sie

abgeschnitten hatte, steckte sie in einen Briefumschlag, den

sie bei sich trug.

Dann stieg sie langsam den ziemlich steilen Damm

hinunter und suchte weiter. Sie glaubte, auf dem harten

Rasen eine Art Spur zu entdecken, als wäre da jemand

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gegangen. Aber die Spur war sehr schwach, keineswegs so

deutlich wie die Spuren, die sie selber hinterlassen hatte. Sie

maßte daher schon ziemlich alt sein, und Lucy war nicht

einmal sicher, daß es nicht nur Einbildung war.

Nun begann sie sorgfältig in dem Gras am Fuße des

Dammes unterhalb des Dornbusches zu suchen. Schließlich

wurde ihre Mühe belohnt. Sie fand eine Puderdose, ein kleines

emailliertes billiges Ding. Sie umhüllte ihren Fund mit

einem Taschentuch und schob ihn in die Tasche. Dann setzte

sie ihre Suche fort, fand aber nichts mehr.

Am nächsten Nachmittag nahm sie ihren Wagen und fuhr

zu ihrer kranken Tante. Emma Crackenthorpe sagte freundlich:

Spitzengardinen, die Türschwelle schimmerte weiß, und die

Türklinke glä nzte. Eine große, grimmig aussehende Frau in

einem schwarzen Kleid öffnete. Sie betrachtete Lucy

argwöhnisch, als sie sie einließ.

Miss Marple bewohnte das nach hinten gelegene Wohnzimmer,

das fast übertrieben sauber und reich an Brücken

und Deckchen war. Miss Marple saß in einem großen Sessel

am Kamin und häkelte eifrig.

Lucy schloß hinter sich die Tür. Dann setzte sie sich Miss

Marple gegenüber auf einen Stuhl.

«Es sieht so aus, als hätten Sie recht», sagte sie.

Sie holte ihre Funde aus der Tasche und berichtete, wie

sie darauf gestoßen war.

Miss Marple errötete leicht.

47

«Vielleicht ist es nicht richtig», sagte sie, «aber man fühlt

sich doch eigentümlich befriedigt, wenn man einen Beweis

dafür erhält, daß man sich nicht geirrt hat.»

Sie befühlte den kleinen Fetzen Pelz. «Elsbeth sagte, die

Frau habe einen ziemlich hellen Pelzmantel getragen. Die

Puderdose, vermute ich, war in der Tasche des Mantels, fiel

aus irgendeinem Grund heraus und rollte den Damm hinunter.

Es läßt sich daraus wohl kaum viel schließen, aber es ist

doch immerhin etwas. Sie haben nicht den ganzen Pelzfetzen

genommen?»

«Nein, die andere Hälfte ließ ich auf dem Dorn.»

Miss Marple nickte beifällig.

«Ganz richtig. Sie sind sehr intelligent, meine Liebe. Die

Polizei wird Ihre Aussage überprüfen wollen.»

«Wollen Sie mit diesen Funden zur Polizei gehen?»

«Wohl noch nicht. . .» Miss Marple überlegte: «Ich

denke, es wäre besser, wir fänden zuerst die Leiche. Sind Sie

nicht auch der Meinung?»

«Schon; aber ist das nicht etwas viel verlangt? Ich meine,

vorausgesetzt natürlich, daß Ihre Vermutung richtig ist. Der

Mörder stieß den Körper aus dem Zug, dann verließ er den

Zug vermutlich in Brackhampton, und irgendwann – wahrscheinlich

noch in derselben Nacht – kehrte er zurück und

entfernte die Leiche. Aber was geschah dann? Er muß sie

doch irgendwohin gebracht haben.»

«Nicht irgendwohin», sagte Miss Marple. «Mir scheint,

Sie haben die Sache nicht logisch durchdacht, meine liebe

Miss Eyelesbarrow.»

«Nennen Sie mich Lucy. Weshalb nicht irgendwohin?»

«In dem Fall hätte er das Mädchen an einem einsamen

Ort getötet und die Leiche in seinem Wagen fortgeschafft.

Das wäre viel einfacher gewesen.»

Lucy unterbrach sie: «Wollen Sie damit sagen, es sei ein

geplantes Verbrechen gewesen?»

48

«Anfangs war ich nicht dieser Meinung», erwiderte Miss

Marple. «Ich kam gar nicht auf den Gedanken. Alles sah so

aus, als sei ein Streit vorausgegangen, als habe der Mann die

Beherrschung verloren, das Mädchen erdrosselt und sich

dann dem Problem gegenübergesehen, was er mit seinem

Opfer machen solle – einem Problem, das innerhalb weniger

Minuten gelöst werden mußte. Aber es wäre doch mehr als

ein Zufall gewesen, wenn er das Mädchen in einem

Wutanfall getötet, dann aus dem Fenster geblickt und die

Entdekkung gemacht hätte, daß in diesem Augenblick der

Zug in eine Kurve einbog und ihm so die Möglichkeit gab,

sich der Toten genau an der Stelle zu entledigen, wo er sie

nicht nur aus dem Zug befördern, sondern auch später

wiederfinden und entfernen konnte! Hätte er die Leiche rein

zufällig gerade dort hinausgeworfen, dann hätte er nichts

weiter getan, und sie wäre längst gefunden worden.»

Sie schwieg. Lucy starrte sie an. Nach einer kurzen Weile

fuhr Miss Marple nachdenklich fort:

«Ich muß gestehen, es war ein außerordentlich schlau geplantes

Verbrechen. Es muß sehr sorgfältig vorbereitet worden

sein. Ein Zug hat etwas Anonymes an sich. Hätte er die

Frau getötet, wo sie wohnte oder sich aufhielt, dann hätte

jemand ihn sehen können, als er kam oder ging. Wäre er mit

ihr irgendwohin aufs Land hinausgefahren, dann hätte sich

jemand die Nummer und den Typ des Wagens merken können.

Ein Zug aber ist voll von Fremden, die kommen und

gehen. In einem Wagen ohne Durchgang, allein mit ihr, war

die Sache ganz einfach – besonders, wenn man bedenkt, daß

er alles Weitere genau geplant hatte. Er kannte Rutherford

Hall. Er muß es gekannt haben. Er muß gewußt haben, daß

es merkwürdig isoliert liegt, gewissermaßen wie eine Insel,

eingeschlossen von Eisenbahnlinien.»

«Genauso ist es», sagte Lucy. «Rutherford Hall ist ein

Anachronismus. Reges städtisches Leben umbrandet es

49

ringsum, berührt es aber nicht. Die Lieferanten bringen am

frühen Morgen ihre Sachen, und das ist alles.»

«Wir nehmen also an, der Mörder kam noch in derselben

Nacht nach Rutherford Hall. Es war schon dunkel, als die

Tote aus dem Zug fiel, und es stand nicht zu befürchten, daß

sie vor dem nächsten Tag gefunden würde.»

«Nein, bestimmt nicht>, bekräftigte Lucy.

«Auf welche Weise ist der Mörder nun an den Schauplatz

des Verbrechens zurückgekehrt? In einem Wagen? Welchen

Weg könnte er dann benutzt haben?»

Lucy überlegte.

«An einer Fabrikmauer entlang führt ein Heckenweg, auf

dessen anderer Seite sich der Eisenbahndamm befindet.

Durch eine Unterführung gelangt man auf einen Fahrweg,

der zum Innenhof von Rutherford Hall führt. Er konnte am

Fuße des Bahndamms entlanggehen, die Leiche holen und

zum Wagen tragen.»

«Und dann», fuhr Miss Marple fort, «brachte er sie an

einen Ort, den er schon von vornherein dafür ausersehen

hatte. Es war alles genau geplant, und ich glaube nicht, daß

er die Tote von Rutherford Hall weggeschafft hat, oder doch

jedenfalls nicht sehr weit. Das Nächstliegende wäre, daß er

sie irgendwo vergraben hat.»

Sie blickte Lucy fragend an.

«Ja, es scheint so», erwiderte Lucy nachdenklich. «Aber

das wäre nicht so leicht gewesen, wie es klingt.»

Miss Marple stimmte zu.

«Er konnte sie nicht im Park begraben. Das würde zuviel

Arbeit machen und zu leicht bemerkt werden. Vielleicht irgendwo,

wo die Erde schon aufgeworfen war?»

«Möglicherweise im Küchengarten, aber der ist zu nahe

am Häuschen des Gärtners. Er ist zwar alt und ziemlich taub,

aber es wäre trotzdem zu riskant.»

«Ist ein Hund da?» fragte Miss Marple.

50

«Nein.»

«Dann kommt vielleicht ein Schuppen oder ein Nebengebäude

in Betracht.»

«Das wäre einfacher und ginge schneller… Es gibt eine

ganze Menge alter Gebäude, die nicht benutzt werden:

Ställe, Werkstätten, baufällige Schweinekoben, Geräteschuppen

und dergleichen.»

Miss Marple nickte:

«Ja, ich glaube, das ist sehr viel wahrscheinlicher.»

In dem Moment erschien Florence mit einem Tablett.

«Ich denke, meine Liebe», schloß Miss Marple, «wir

sprechen jetzt nicht mehr über den Mord, solange wir beim

Tee sitzen. Es ist ein zu unerfreuliches Thema.»

Nach dem Tee standen sie auf.

« Es fängt an, dunkel zu werden», sagte Lucy. «Wie ich

schon bemerkte, ist gegenwärtig niemand in Rutherford

Hall, der der Täter sein könnte, den wir suchen. Es wohnen

dort nur ein alter Mann, eine Frau in mittleren Jahren und

ein halbtauber Gärtner.»

«Ich sagte nic ht, daß er zur Zeit dort wohnen muß»,

berichtigte Miss Marple. «Ich meine nur, es muß jemand

sein, der Rutherford Hall sehr gut kennt. Aber darüber

können wir sprechen, wenn Sie die Leiche gefunden haben.»

«Sie scheinen voller Zuversicht zu sein, daß ich sie

finde», meinte Lucy. «Ich bin bei weitem nicht so

optimistisch.»

«Natürlich werden Sie sie finden, meine liebe Lucy. Sie

sind ja ein so tüchtiges Mädchen.»

«Vielleicht in mancher Hinsicht, aber im Finden von Leichen

habe ich wenig Erfahrung.»

«Man braucht sicher nichts anderes als gesunden Menschenverstand

dazu», versuchte Miss Marple sie aufzumuntern.

51

Am nächsten Nachmittag machte sich Lucy systematisch

an die Arbeit. Sie stöberte in den Nebengebäuden und

Schuppen herum, stocherte in den Dornbüschen, von denen

die alten Schweinekoben umgeben waren, und blickte in den

Kesselraum unter dem Gewächshaus. Als sie plötzlich ein

trockenes Hüsteln hörte, drehte sie sich um. Der alte Gärtner

Hillmann schaute ihr mißbilligend zu.

«Passen Sie auf, Miss, daß Sie nicht zu Schaden

kommen», warnte er sie. «Die Treppe ist nicht sicher. Sie

waren eben auf dem Speicher, und da ist der Fußboden auch

nicht sicher.»

Lucy hütete sich, verlegen auszusehen.

«Sie halten mich sicher für sehr neugierig», sagte sie lä –

chelnd. «Ich überlege gerade, ob sich aus diesem Raum hier

nichts machen ließe. Man könnte vielleicht Pilze züchten

oder dergleichen. Alles macht einen so vernachlässigten Eindruck.

»

«Das liegt am Herrn. Er will kein Geld ausgeben.»

«Aber wenn man etwas Geld in Reparaturen steckte,

würde es sich bald bezahlt machen.»

«Dazu ist alles schon viel zu verfallen. Man müßte eine

große Summe hineinstecken, und darauf würde sich der Herr

nie einlassen. Er denkt nur ans Sparen. Dabei weiß er ganz

genau, was geschehen wird, wenn er nicht mehr da ist: Die

jungen Herren werden den Besitz so schnell wie möglich

verkaufen. Sie warten nur darauf, daß er abkratzt. Kriegen

einen hübschen Batzen Geld, wenn er tot ist.»

«Er ist wohl sehr reich?» fragte Lucy.

«Crackenthorpes Galanteriewaren. Der alte Herr, Mr.

Crackenthorpes Vater, hat die Firma gegründet. Er verstand

seine Sache, machte ein Vermögen und baute dieses Haus.

Er war ungeheuer hinter dem Geld her, dabei aber nicht

knauserig. Wie man sagt, war er von seinen beiden Söhnen

enttäuscht. Gab ihnen eine gute Erziehung, ließ sie studie ren,

52

wollte richtige Gentlemen aus ihnen machen. Aber sie

hielten sich für zu fein, um in sein Geschäft einzutreten. Der

Jüngere heiratete eine Schauspielerin und verunglückte dann

mit seinem Wagen, als er mal betrunken war. Der Ältere, der

jetzige Besitzer, verstand sich mit seinem Vater nicht. War

viel im Ausland, kaufte eine Menge heidnische Statuen und

schickte sie nach Hause. War nicht so ein Geizkragen, als er

noch jung war. Das wurde er erst später. Nein, sie sollen sich

nicht verstanden haben, er und sein Vater.»

Lucy hörte ihm mit höflichem Interesse zu.

Der alte Mann lehnte sich bequem gegen die Wand und

zeigte große Neigung, sich noch weiter über die Geschichte

der Familie zu verbreiten. Das Reden gefiel ihm offenbar

besser als das Arbeiten.

«Der alte Herr starb vor dem Krieg. Er hatte ein

fürchterliches Temperament. Duldete keinen Widerspruch.»

«Und als er starb, kam der gegenwärtige Mr.

Crackenthorpe her, um hier zu wohnen?»

«Ja. Er und seine Familie. Die Kinder waren damals beinahe

erwachsen.»

«Ich will Sie nun nicht länger von Ihrer Arbeit abhalten»,

sagte Lucy.

«Kann doch nicht viel tun», sagte der alte Gärtner. «Das

Licht ist zu schlecht.»

Lucy kehrte ins Haus zurück. In der Halle traf sie Emma

Crackenthorpe mit einem Brief in der Hand. Die Nachmittagspost

war gerade gekommen.

«Mein Neffe wird morgen hier sein», verkündete sie. «Er

bringt einen Schulfreund mit. Alexanders Zimmer liegt über

der Vorhalle. Das Zimmer nebenan bekommt James Stoddart-

West. Sie benutzen das Badezimmer gegenüber.»

«Gut, Miss Crackenthorpe. Ich werde dafür sorgen, daß

die Zimmer bereit sind.»

53

«Sie werden vor dem Lunch eintreffen», fügte Emma zögernd

hinzu. «Ich glaube, sie werden sehr hungrig sein.»

«Das glaube ich auch», stimmte Lucy zu. «Wie wäre es

mit Roastbeef? Und vielleicht Siruptorte?»

«Alexander liebt Siruptorte.»

Die beiden Jungen kamen am nächsten Morgen an. Sie

hatten beide sorgfältig gebürstetes Haar, verdächtig engelhafte

Gesichter und ausgezeichnete Manieren. Alexander

Eastley war blond und hatte blaue Augen, Stoddart-West

war dunkel und trug eine Brille.

Während des Lunchs diskutierten sie ernsthaft über

Ereignisse in der Sportwelt. Sie machten dabei den

Eindruck, als seien sie beide würdige Professoren, die über

vorgeschichtliche Kulturen diskutierten. Lucy fühlte sich im

Vergleich zu ihnen ganz jung.

Nachdem Lucy abgeräumt und das Geschirr

abgewaschen hatte, ging sie ins Freie. Sie hörte die Jungen

sich auf der Rasenfläche tummeln. Sie selber ging die

Zufahrt hinunter. Dann bog sie vom Weg ab, um einige

dichte Rhododendronbüsche zu untersuchen. Sie schob die

Blätter beiseite und blickte hinein. So ging sie von einem

Gebüsch zum nächsten. Als sie wieder eines untersuchte und

dabei ihren Golfschläger zu Hilfe nahm, fuhr sie plötzlich

zusammen.

«Suchen Sie etwas, Miss Eyelesbarrow?» fragte

Alexander Eastley höflich.

«Einen Golfball», erwiderte Lucy sofort. «Mehrere Golfbälle,

um genau zu sein. Ich habe an den Nachmittagen

etwas geübt und dabei eine Menge Bälle verschlagen. Ich

dachte, heute müßte ich einmal anfangen, nach ihnen zu

suchen.»

«Wir werden Ihnen helfen», sagte Alexander.

«Das ist sehr freundlich von euch. Aber ich dachte, ihr

wolltet Fußball spielen?»

54

«Man kann nicht immer Fußball spie len», klärte

StoddartWest sie auf. «Man erhitzt sich zu sehr dabei.

Spielen Sie viel Golf?»

«Ich liebe diesen Sport sehr, habe aber wenig

Gelegenheit, ihn auszuüben.»

«Das kann ich mir denken. Sie haben sicher viel zu tun.

Sie kochen doch auch, nicht?»

«Ja.»

«Haben Sie heute den Lunch gemacht?»

«Ja. Hat’s dir geschmeckt?»

«Wirklich prima», erklärte Alexander mit Überzeugung.

«Ihr müßt mir sagen, was ihr am liebsten eßt.»

«Könnten wir mal Apfelbaiser haben? Das esse ich am

liebsten.»

«Natürlich.»

Alexander seufzte zufrieden.

«Unter der Treppe steht ein Satz Golfschläger», sagte er.

«Wir könnten auf dem Rasen ein paar Spielbahnen abstekken.

Was meinst du, Stoddart?»

«Fein!» erwiderte Stoddart-West.

Von Lucy ermuntert, gingen sie die Schläger holen. Als

Lucy später ins Haus zurückkehrte, waren sie eifrig damit

beschäftigt, auf dem Rasen die Spielbahnen abzustecken.

«Es ist bloß schade, daß die Nummernschilder so

verrostet sind. Man kann sie kaum sehen.»

«Sie brauchen etwas weiße Farbe», schlug Lucy vor.

«Vielleicht streicht ihr sie morgen an.»

«Guter Gedanke!» Alexanders Gesicht hellte sich auf.

«Ich glaube, im stehen ein paar alte

Farbtöpfe. Wollen wir mal nachsehen?»

«Was ist der ?» fragte Lucy.

Alexander zeigte auf ein langgestrecktes, niedriges Steingebäude,

das in der Nähe des hinteren Fahrwegs nicht sehr

weit entfernt vom Haus stand.

55

«Eigentlich ist es ja gar kein Schuppen», erklärte

Alexander. «Großvater sagt, das Gebäude stamme aus dem

16. Jahrhundert, aber das ist natürlich nur ein Märchen. Es

gehörte zu dem Gutshaus, das ursprünglich hier gestanden

hat, bis mein Urgroßvater es abriß und statt dessen das

schreckliche neue Haus baute.»

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:

«In dem sind viele von den Dingen

untergebracht, die Großvater im Ausland gesammelt und

nach Hause geschickt hat, als er noch jung war. Das meiste

ist wirklich fürchterliches Zeug. Kommen Sie doch mit und

sehen Sie es sich einmal an!»

Das tat Lucy nur zu gern. Das Gebäude hatte eine

schwere Eichentür. Alexander streckte den Arm aus nach

dem Schlüssel, der an einem von Efeu verdeckten Nagel

hing. Er schloß auf, und sie gingen alle drei hinein.

Der erste Eindruck, den Lucy hatte, als sie sich

umblickte, war der eines erstaunlich schlechten Museums.

Die Marmorköpfe von zwei römischen Kaisern glotzten sie

aus steinernen Augen an. An der einen Wand stand ein

großer Sarkophag aus der griechisch-römischen Spätzeit,

daneben eine Venus auf einem Sockel. Außer diesen

Kunstwerken sah man aufgestapelte Stühle und Tische und

allerlei Krimskrams, wie eine verrostete Handnähmaschine,

zwei alte Eimer, ein paar von den Motten zerfressene

Wagenkissen, eine grüngestrichene eiserne Gartenbank, die

ein Bein verloren hatte.

«Mir ist, als hätte ich die Farbe dort hinten in der Ecke

gesehen», meinte Alexander. Er zog einen zerfetzten Vorhang

beiseite.

Tatsächlich fanden sich dort ein paar Farbtöpfe und

Pinsel, die ganz trocken und steif waren.

«Um die Pinsel wieder brauchbar zu machen, müßte man

Terpentin haben», sagte Lucy.

56

Sie fanden aber kein Terpentin, und Lucy ermunterte die

Jungen, welches zu besorgen. Vielleicht würde das Anstreichen

der Golfnummern sie für eine Weile beschäftigen.

«Hier müßte einmal gründlich aufgeräumt werden», murmelte

Lucy.

«Ich würde mir darum keine Gedanken machen», meinte

Alexander. «Wenn der Schuppen für irgend etwas gebraucht

werden soll, ist es immer noch früh genug.»

«Soll ich den Schlüssel wieder draußen an den Nagel

hängen? Hängt er immer da?»

«Ja. Hier ist ja nichts, das zu stehlen lohnte. Wer interessiert

sich schon für diese schrecklichen Marmordinger? Außerdem

wiegen sie sicher viele Zentner.»

Lucy gab ihm recht. Sie konnte unmöglich Mr.

Crackenthorpes Geschmack bewundern. Er schien mit einem

unfehlbaren Instinkt die schlechtesten «Kunstwerke», die

sich auftreiben ließen, gewählt zu haben.

Als die Jungen gegangen waren, blickte Lucy sinnend auf

den Sarkophag.

Auf einmal fiel ihr auf, wie muffig es in diesem

«Museum» roch. Man hatte hier offenbar lange nicht

gelüftet.

Sie betrachtete den Sarkophag aus der Nähe. Ein

schwerer Deckel verschloß ihn. Lucy wurde nachdenklich.

Schließlich kam sie zu einem Entschluß. Sie ging in die

Küche und holte ein schweres Brecheisen.

Es war keine leichte Aufgabe, aber Lucy bemühte sich

verbissen, den Deckel etwas hochzustemmen, was ihr endlich

auch gelang. Als der Spalt breit genug war, blickte Lucy

in das Innere des Sarkophags und sah, was er barg…

57

6

Wenige Minuten später verließ Lucy, sehr blaß

geworden, den «Langen Schuppen», verschloß die Tür und

hängte den Schlüssel wieder an den Nagel.

Sie eilte zum Stall, holte ihren Wagen, fuhr zur Post und

rief Miss Marple an.

«Ich möchte mit Miss Marple sprechen.»

«Sie ruht gerade, Miss. Ist dort Miss Eyelesbarrow?»

«Ja.»

«Ich kann sie nicht stören, Miss. Ausgeschlossen. Die

alte Dame hat ihre Ruhe nötig.»

«Sie müssen sie stören. Es ist dringend.»

«Ich denke nicht -»

«Bitte, tun Sie sofort, was ich sage.»

Wenn sie wollte, konnte Lucy ihrer Stimme einen stählernen

Klang geben. Florence beugte sich ihrer Autorität.

Plötzlich sprach Miss Marples Stimme:

«Ja, Lucy?»

«Sie hatten ganz recht», sagte Lucy. «Ich habe sie gefunden.

»

«Die Leiche einer Frau?»

«Ja. Die Leiche einer Frau in einem Pelzmantel. Sie liegt

in einem steinernen Sarkophag in einem Schuppen, der als

eine Art Museum und Abstellraum zugleich dient. Ganz in

der Nähe des Hauses. Was soll ich jetzt tun? Ich muß wohl

die Polizei unterrichten?»

«Ja. Sofort.»

«Aber was soll ich sagen? Das erste, was sie mich fragen

werden, ist, warum ich einen steinernen zentnerschweren

58

Sarkophagdeckel hochgehoben habe. Soll ich einen Grund

erfinden?»

«Nein, das beste wird sein – oder vielmehr das einzig

richtige -, daß Sie die Wahrheit sagen», erwiderte Miss

Marple.

«Auch über Sie?»

«Natürlich.»

Lucy mußte wider Willen lächeln.

«Für mich ist das sehr einfach», sagte sie. «Aber ich

denke, der Polizei wird es nicht leichtfallen, es zu glauben.»

Sie hängte den Hörer auf, wartete einen Augenblick und

wählte dann die Nummer der Polizeiwache.

«Ich habe in Rutherford Hall soeben eine Leiche

entdeckt. Sie liegt in einem Sarkophag im sogenannten

steht.»

Emma Crackenthorpe starrte sie ungläubig an.

«Im Sarkophag? Eine ermordete Frau? Das ist doch ganz

unmöglich!»

«Ich fürchte, es ist die Wahrheit. Ich habe bei der Polizei

angerufen. Die Beamten müssen jeden Augenblick kommen.

»

In Emmas Wangen stieg eine leichte Röte.

«Sie hätten es zuerst mir sagen sollen, bevor Sie die

Polizei anriefen.»

«Entschuldigen Sie», erwiderte Lucy.

«Ich habe nicht gehört, wie Sie telefonierten.» Emmas

Blick wanderte zum Telefon, das auf dem Tisch in der Halle

stand.

«Ich habe von der Post aus angerufen.»

«Wie merkwürdig! Warum nicht von hier?»

Lucy überlegte schnell.

«Ich fürchtete, die Jungen könnten in der Nähe sein und

es hören. Darum wollte ich nicht von der Halle aus anrufen.»

«ja, so… gewiß… ich verstehe… Sie kommen? Ich meine –

die Leute von der Polizei?»

«Sie sind schon da», erwiderte Lucy, denn in diesem Augenblick

hielt vor dem Haupteingang ein Wagen mit quietschenden

Bremsen, und gleich darauf schrillte die Klingel

durchs Haus.

60

«Entschuldigen Sie… ich bedauere sehr, daß ich das von

Ihnen habe verlangen müssen», sagte Inspektor Bacon.

Er stützte Emma Crackenthorpe leicht, als sie zusammen

den «Langen Schuppen» verließen. Emmas Gesicht war

ganz weiß. Sie sah krank aus. Aber sie ging aufrecht.

«Ich bin ganz sicher, daß ich die Frau nie in meinem

Leben gesehen habe.»

«Wir sind Ihnen sehr dankbar, Miss Crackenthorpe. Das

ist alles, was ich wissen wollte. Vielleicht möchten Sie sich

etwas hinlegen?»

«Ich muß zu meinem Vater gehen. Ich rief gleich bei Dr.

Quimper an, als ich von dieser Sache hörte. Der Arzt ist jetzt

bei ihm.»

Dr. Quimper kam aus der Bibliothek, als sie durch die

Halle gingen. Er war ein großer, sehr gesund aussehender

Mann mit einem lässigen, ungezwungenen Wesen, das seine

Patienten sehr an ihm schätzten.

Er und der Inspektor begrüßten einander mit einem Kopfnicken.

«Miss Crackenthorpe hat eine unangenehme Pflicht

tapfer erfüllt>, sagte Bacon.

«Brav von Ihnen, Miss Emma», lobte der Arzt, ihr einen

Augenblick die Hand leicht auf die Schulter legend. «Sie

können etwas vertragen, das habe ich immer gewußt.»

Emma lächelte dankbar und ging in die Bibliothek.

«Diese Frau ist das Salz der Erde», bemerkte der Doktor,

ihr nachblickend. «Ein Jammer, daß sie nicht geheiratet hat.

Sie büßt dafür, daß sie das einzige weibliche Wesen in einer

Familie von lauter Männern ist. Dabei würde sie eine vortreffliche

Gattin und Mutter abgeben.»

«Sie hängt zu sehr an ihrem Vater», sagte Inspektor Bacon.

«Sie hängt nicht übermäßig an ihm. Sie sieht, daß ihr Vater

Vergnügen daran findet, den Kranken zu spielen. Darum

61

läßt sie ihm seinen Spaß und behandelt ihn wie einen Kranken.

Auch ihre Brüder weiß sie gut zu nehmen; sie legen alle

großen Wert auf ihr Urteil. O ja, sie ist eine kluge Frau.

Doch sagen Sie, Inspektor, brauchen Sie mich? Soll ich mir

die Leiche ebenfalls ansehen, da Johnstone doch mit ihr

fertigist?» Johnstone war der Polizeiarzt.) «Vielleicht war

sie meine Patientin!»

«Ja, ich möchte Sie bitten, sich die Tote anzusehen,

Doktor. Wir wollen natürlich alles versuchen, um sie zu

identifizieren. Es ist wohl ausgeschlossen, daß wir den alten

Mr. Crackenthorpe bemühen? Wäre es für ihn eine zu große

Belastung?»

«Belastung? Im Gegenteil! Er würde es weder Ihnen

noch mir jemals verzeihen, wenn wir ihn nicht einen Blick in

den Sarkophag werfen ließen. Er ist ganz wild darauf. Es ist

die aufregendste Geschichte, die ihm seit fünfzehn oder

mehr Jahren passiert ist – und sie kostet ihn nichts.»

«Er ist also eigentlich nicht ernstlich krank?»

«Er ist zweiundsiebzig», erwiderte der Doktor. «Das ist

tatsächlich alles, was ihm fehlt. Er hat gelegentlich etwas

Rheuma. Aber wer hat das nicht? Er nennt es Gelenkentzündung.

Nach dem Essen bekommt er manchmal Herzklopfen

-was ja schließlich kein Wunder ist -, und darum behauptet

er, er habe ein krankes Herz. Aber kommen Sie! Wir wollen

uns die Leiche ansehen. Unerfreulicher Anblick, vermute

ich?»

«Johnstone schätzt, daß die Frau schon zwei bis drei Wochen

tot ist.»

«Also sehr unerfreulich. »

Der Arzt stand am Sarkophag und blickte mit beruflicher

Neugierde hinein. Was er einen «unerfreulichen Anblick»

nannte, schien ihn nicht sonderlich zu erregen.

«Hab sie noch nie gesehen. Keine Patientin von mir.

Erinneremich auch nicht, ihr jemals in Brackhampton

62

begegnet zu sein. Sie muß einmal sehr gut ausgesehen

haben.»

Sie gingen wieder ins Freie. Dr. Quimper betrachtete den

«Langen Schuppen».

«Hier also hat man sie gefunden. In einem Sarkophag!

Phantastischer Gedanke! Wer hat sie entdeckt?»

«Miss Lucy Eyelesbarrow.»

«Die neueste Haushälterin? Wie kam die denn darauf, in

Sarkophagen herumzustöbern?»

«Gerade danach gedenke ich sie zu fragen», erwiderte

Inspektor Bacon grimmig. «Doch um auf Mr. Crackenthorpe

zurückzukommen: Wollen Sie . . .?»

«Ich werde ihn holen.»

Mr. Crackenthorpe kam in Begleitung des Doktors ziemlich

schnellen Schritts herbei.

«Schändlich!» knurrte er. «Einfach schändlich! Ich habe

den Sarkophag aus Florenz mitgebracht. Es muß 1908 oder

igog gewesen sein.»

«Seien Sie vorsichtig!» warnte der Doktor. «Was Ihnen

bevorsteht, ist nicht angenehm.»

«Wie krank ich auch bin, muß ich doch meine Pflicht tun,

nicht wahr?»

Ein sehr kurzer Besuch im «Langen Schuppen» genügte

ihm indessen. Mit bemerkenswerter Eile verließ er den unheimlichen

Ort wieder.

«Hab sie nie in meinem Leben gesehen!» sagte er.

«Einfach schändlich!»

Sie kehrten zusammen ins Haus zurück.

Nachdem Lucy die Polizei in den «Langen Schuppen»

geführt und kurz über ihren Fund berichtet hatte, war sie zunächst

in den Hintergrund getreten. Sie gab sich aber keineswegs

der Illusion hin, daß für sie die Sache damit erledigt

63

sei. Die Polizei war selbstverständlich noch keineswegs mit

ihr fertig.

Sie hatte gerade die Vorbereitungen fürs Essen fast be –

endet, als ihr gemeldet wurde, Inspektor Bacon wünsche sie

zu sprechen. Sie stellte die große Schüssel mit Salzwasser, in

dem die Kartoffelscheiben lagen, beiseite und folgte dem

Polizisten, der sie zu Inspektor Bacon führte. Auf seine Aufforderung

hin nahm sie Platz und beantwortete ruhig seine

Fragen.

Sie nannte ihren Namen, gab ihre Adresse in London an

und fügte von sich aus hinzu:

«Ich werde Ihnen einige Namen und Adressen geben,

damit Sie sich über mich erkundigen können, wenn Sie Näheres

wissen wollen.»

Bacon war recht beeindruckt von diesen Namen; ein

Admiral war darunter, ein Collegevorsteher aus Oxford und

eine Hofdame.

«Also, Miss Eyelesbarrow, Sie gingen in den

sogenannten , um etwas Farbe zu holen.

Ist das richtig? Und als Sie die Farbe geholt hatten, gingen

Sie in die Küche und holten ein Brecheisen, stemmten den

Deckel des Sarkophags auf und fanden die Leiche. Was

suchten Sie in dem Sarkophag?»

«Eine Leiche», erwiderte Lucy.

«Sie suchten eine Leiche – und fanden eine. Ist das nicht

eine ganz erstaunliche Geschichte?»

«O ja, es ist eine erstaunliche Geschichte. Vielleicht darf

ich Ihnen die Sache erklären.»

«Ich bitte darum.»

Lucy gab einen genauen Bericht über die Vorgänge, die

zu ihrer aufsehenerregenden Entdeckung geführt hatten.

Der Inspektor sagte einigermaßen empört:

64

«Sie wurden also von einer älteren Dame engagiert und

erhielten den Auftrag, eine Stellung hier im Haus anzunehmen,

um nach einer Leiche zu suchen? Ist das richtig?»

«Ja.»

«Wer ist diese ältere Dame?»

«Miss Jane Marple. Sie wohnt gegenwärtig in

Brackhampton, Madison Road Nr. 2..»

Der Inspektor notierte.

«Und Sie erwarten, daß ich diese Geschichte glaube?»

Lucy sagte sanft:

«Eigentlich nicht, solange Sie nicht Miss Marple gesprochen

und von ihr eine Bestätigung erhalten haben.»

«Natürlich werde ich mit ihr sprechen. Sie muß verrückt

sein.»

Lucy versagte es sich, darauf aufmerksam zu machen,

daß es eigentlich kein Beweis geistiger

Unzurechnungsfähigkeit sei, wenn sich herausstellte, daß

man recht gehabt hatte. Statt dessen sagte sie:

«Was gedenken Sie Miss Crackenthorpe zu sagen? Ich

meine über mich?»

«Warum fragen Sie?»

«Soweit es Miss Marple betrifft, so habe ich ihren

Auftrag ausgeführt, denn ich habe die Leiche gefunden, nach

der ich auf ihren Wunsch hin gesucht habe. Ich bin aber

immer noch in Stellung bei Miss Crackenthorpe, und es sind

zwei hungrige Jungen im Hause, und wahrscheinlich werden

bald noch mehr Familienmitglieder erscheinen, nachdem das

hier passiert ist. Sie braucht eine Haushälterin. Wenn Sie ihr

nun erzählen, ich habe die Stellung nur angenommen, weil

ich nach einer Leiche suchen wollte, wird sie mich

wahrschein lich rauswerfen. Erzählen Sie es ihr nicht, dann

kann ich meine Pflichten weiterhin erfüllen und mich

nützlich machen.»

Der Inspektor blickte sie scharf an.

65

«Vorläufig sage ich zu niemandem irgend etwas von der

ganzen Geschichte. Ich habe Ihre Aussage schließlich noch

gar nicht überprüft. Natürlich muß ich damit rechnen, daß

Sie das alles nur erfunden haben.»

Lucy stand auf.

«Ich danke Ihnen. Dann gehe ich jetzt also in die Küche

zurück und arbeite weiter, als wäre nichts geschehen.»

66

7

«Das beste wird sein, wir ziehen Scotland Yard hinzu.

Was meinen Sie, Bacon?»

Der Polizeichef blickte Inspektor Bacon fragend an.

«Die Frau stammt nicht aus der Gegend hier, Sir», erwiderte

dieser. «Wir haben einigen Grind zu glauben – ihre

Unterwäsche spricht dafür -, daß sie vielleicht eine Ausländerin

ist. Natürlich», fügte er schnell hinzu, «lasse ich davon

vorläufig nichts verlauten. Wir behalten es bis nach der Leichenschau

für uns.»

Der Polizeichef nickte.

«Für wann ist sie angesetzt?»

«Für morgen. Wie ich höre, werden die übrigen

Mitglieder der Familie Crackenthorpe zur Leichenschau

erscheinen. Es könnte immerhin möglich sein, daß einer von

ihnen die Tote identifizieren kann. Sie werden also alle hier

sein.»

Er blickte auf eine Liste, die er in der Hand hielt.

«Harold Crackenthorpe, der, wie ich höre, in London eine

gewisse Rolle spielt. Alfred – ich weiß nicht genau, was er

eigentlich treibt. Cedric – der einzige von der Familie, der im

Ausland lebt. Er malt!» Der Inspektor verriet deutlich seine

Mißbilligung, als er dieses Wort aussprach. Der Polizeichef

lächelte leicht.

«Es besteht doch kein Grund zu der Annahme, die

Familie Crackenthorpe könnte etwas mit dem Verbrechen zu

tun haben, nicht wahr?» fragte er.

«Nein, abgesehen von der Tatsache, daß die Leiche auf

ihrem Grund und Boden gefunden wurde», erwiderte Inspektor

Bacon. «Natürlich besteht durchaus die Möglichkeit,

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daß das veranlagte Familienmitglied die Tote

zu identifizieren vermag. Aber was soll man zu diesem törichten

Gerede über die angeblichen Vorgänge in dem

Eisenbahnabteil sagen?»

«Ja, richtig. Sie haben doch mit der alten Dame

gesprochen – wie heißt sie doch?!» Er warf einen flüchtigen

Blick auf die Liste, die vor ihm lag. «Miss Marple?»

«Jawohl, Sir. Und sie hält beharrlich an der Sache fest.

Ob sie übergeschnappt ist, weiß ich nicht, aber sie behauptet

ernsthaft, ihre Freundin habe alles genau gesehen. Und eins

jedenfalls scheint völlig klar: Sie hat tatsächlich die junge

Frau, die hier als Haushälterin engagiert ist, damit beauftragt,

nach einer Leiche zu suchen.»

«Und sie hat tatsächlich eine Leiche gefunden», bemerkte

der Polizeichef. «Wirklich, eine ganz ungewöhnliche Geschichte.

Marple, Miss Jane Marple – der Name kommt mir

irgendwie bekannt vor . . . Jedenfalls werde ich mich mit

dem Yard in Verbindung setzen. Ich glaube, Sie haben recht

mit Ihrer Annahme, daß es sich um keinen Fall handelt, der

ausschließlich die Lokalbehörden angeht. Wir wollen das

aber noch nicht bekanntwerden lassen. Einstweilen wollen

wir der Presse sowenig wie möglich sagen.»

Die Leichenschau war reine Formsache. Es fand sich nie –

mand, der die Tote hätte identifizieren können. Lucy mußte

berichten, wie sie die Leiche gefunden hatte, und das

medizinische Gutachten lautete: Tod durch Erdrosseln.

Draufhin wurde das Verfahren vertagt.

Es war ein kalter, windiger Tag. Die Familie Crackenthorpe

verließ die Halle, in der die Leichenschau stattgefunden

hatte. Es waren ihrer im ganzen fünf: Emma, Cedric,

Harold, Alfred und Bryan Eastley, der Gatte der verstorbenen

Tochter Edith. Dann war da noch Mr. Wienborne, der

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Seniorteilhaber der Anwaltsfirma, die die Rechtsangelegenheiten

der Familie Crackenthorpe erledigte. Er hatte sich die

Mühe gemacht, von London herzukommen, bloß um der

Leichenschau beizuwohnen. Die kleine Gesellschaft stand

einen Augenblick lang fröstelnd auf dem Bürgersteig. Es

hatte sich eine nicht unbeträchtliche Menschenmenge angesammelt,

denn über die pikanten Einzelheiten der Geschichte

von der «Leiche im Sarkophag» war in der Presse

ausführlich berichtet worden.

Ein Murmeln ging durch die Reihen: «Da sind sie . . .»

Emma sagte ungeduldig: «Wir wollen machen, daß wir

von hier fortkommen.»

Der große Mietwagen fuhr vor. Emma stieg ein und

winkte Lucy. Mr. Wienborne, Cedric und Harold folgten.

Bryan Eastley sagte: «Ich nehme Alfred in meinem Wagen

mit.» Der Chauffeur schloß die Wagentür, und der Daimler

wollte gerade anfahren.

«Halt!» rief Emma. «Da sind ja die Jungen!»

Die beiden waren ungeachtet ihres empörten Protestes in

Rutherford Hall zurückgelassen worden. Und nun tauchten

sie plötzlich hier auf und grinsten über das ganze Gesicht.

«Wir sind auf unseren Rädern hergefahren», erklärte

Stoddart-West. «Der Polizist war sehr freundlich. Er ließ uns

in die Halle rein, wir mußten nur hinten bleiben. Ich hoffe,

Sie sind nicht böse, Miss Crackenthorpe», fügte er höflich

hinzu.

«Sie ist nicht böse», antwortete Cedric für seine

Schwester. «Man ist nur einmal jung. Wohl eure erste

Leichenschau?»

«War ziemlich enttäuschend», erklärte Alexander. «Ging

alles zu schnell vorüber.»

«Wir können hier nicht rumstehen und schwatzen», sagte

Harold ärgerlich. «Es haben sich eine Menge Leute

angesammelt. Und dann die Fotografen!»

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Er sagte ein paar Worte zu dem Chauffeur, und der

Wagen setzte sich in Bewegung. Die Jungen winkten.

«Ging alles zu schnell vorüber!» sagte Cedric. «Diese ahnungslosen

Jungen! Jetzt fängt alles erst an.»

«Es ist alles sehr unangenehm. Äußerst unangenehm»,

bemerkte Harold. «Ich vermute -»

Er blickte Mr. Wimborne an, der seine dünnen Lippen

zusammenpreßte und angewidert den Kopf schüttelte.

«Ich hoffe», sagte er gemessen, «die ganze Geschichte

wird bald eine befriedigende Aufklärung finden. Allerdings

muß auch ich gestehen, daß es eine höchst unglückliche

Sache ist.»

Er sah, während er sprach, Lucy an. In seinem Blick war

deutlich Mißbilligung zu lesen.

«Wenn diese junge Frau nicht herumgestöbert hätte, wo

sie nichts zu suchen hatte, wäre das alles nicht geschehen»,

schien er sagen zu wollen.

Harold Crackenthorpe verlieh diesem Gefühl, oder doch

einem sehr ähnlichen, Ausdruck:

«Übrigens – Miss – hm – Miss Eyelesbarrow, was veranlaßte

Sie eigentlich, in den Sarkophag zu blicken?»

Lucy hatte sich im stillen schon gewundert, daß noch keiner

von der Familie daraufgekommen war, sie danach zu

fragen. Sie hatte gewußt, daß es die erste Frage der Polizei

sein würde.

Cedric, Emma, Harold und Mr. Wienborne, alle richteten

die Augen auf sie. Natürlich hatte sie seit langem ihre Antwort

vorbereitet.

«Wirklich», sagte sie etwas zögernd, «ich weiß es

eigentlich selber nicht… Ich hatte das Gefühl, daß das

Museum, oder wie ich es nennen soll, einmal gründlich

aufgeräumt und gesäubert werden müsse. Und da spürte ich

plötzlich» – sie machte eine kurze Pause -, «da spürte ich

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einen sehr eigenartigen und höchst unangenehmen

Geruch…»

Sie hatte richtig spekuliert. Alle zuckten zusammen, als

sie das hörten.

Mr. Wienborne murmelte: «Ja, ja, natürlich… drei Wochen,

sagte der Polizeiarzt . . . Ich glaube, wir tun gut daran,

nicht über die Einzelheiten nachzudenken.» Er blickte

Emma, die sehr blaß geworden war, aufmunternd an. «Vergessen

Sie nicht», sagte er, «daß diese unglückselige junge

Frau mit keinem von uns etwas zu tun hatte.»

«Wie können Sie dessen so sicher sein?» fragte Cedric.

Lucy Eyelesbarrow blickte ihn interessiert an. Die Unterschiede

zwischen den drei Brüdern waren auffallend. Cedric

hatte ein vom Wetter gegerbtes, gefurchtes Gesicht und ungepflegtes

dunkles Haar. Er war unrasiert vom Flughafen

gekommen, und wenn er sich auch zur Leichenschau rasiert

hatte, so trug er doch noch immer die Kleider, in denen er

eingetroffen war und die die einzigen zu sein schienen, die

er besaß: eine alte graue Flanellhose und eine geflickte und

ziemlich abgetragene, ausgebeulte Jacke. Er sah so aus, wie

ein braver Bürger sich einen Bohemien vorstellt.

Sein Bruder Harold war im Gegensatz zu ihm der

Prototyp eines City-Gentlemans und Direktors einer

bedeutenden Handelsgesellschaft. Er war groß und fiel durch

eine sehr korrekte Haltung auf. Sein dunkles Haar begann

sich an den Schläfen etwas zu lichten. Gekleidet war er in

einen tadellos sitzenden dunklen Anzug, zu dem er einen

perlgrauen Schlips trug – ganz der kluge, erfolgreiche

Geschäftsmann vom Scheitel bis zur Sohle. Er bemerkte

jetzt steif:

«Wirklich, Cedric, das scheint mir eine höchst

unpassende Bemerkung zu sein.»

71

«Ich wüßte nicht, warum. Die Tote wurde doch in

unserem Schuppen gefunden. Wie ist sie dahin gekommen?»

Mr. Wienborne hüstelte.

«Möglicherweise zu einem Stelldichein», meinte er.

«Wie ich höre, ist es allgemein bekannt, daß der Schlüssel

neben der Tür an einem Nagel hing.»

In seinem Ton drückte sich deutlich die Mißbilligung

eines solchen Leichtsinns aus. Das war so klar, daß Emma

entschuldigend sagte:

«Da sich im nichts befand, was zum

Diebstahl hätte verführen können, ließen wir den Schlüssel

am Nagel hängen. Wir fanden das bequemer und sahen nicht

ein, warum wir an dieser Gewohnheit etwas hätten ändern

sollen.»

Sie hatte mechanisch gesprochen, als seien ihre

Gedanken ganz woanders.

Cedric fragte verwundert:

«Was ist los, Schwesterherz? Quält dich etwas?»

Harold machte ein verzweifeltes Gesicht: «Wie kannst du

nur fragen, Cedric!»

«Gewiß. Eine uns fremde junge Frau wurde im getötet, und Emma bekam begreiflicherweise

einen Schock, als sie davon hörte. Aber da sie immer ein

vernünftiges Mädchen gewesen ist, begreife ich nicht recht,

warum sie sich imnmer noch so darüber aufregt. Man gewöhnt

sich schließlich an alles.»

«Bei manchen Menschen dauert es eben etwas länger, bis

sie sich an einen Mord gewöhnen, als es bei dir der Fall zu

sein scheint», erwiderte Harold säuerlich. «Ich vermute, ein

Mord ist an der Tagesordnung auf Mallorca, und -»

«Ibiza, nicht Mallorca.»

«Das ist dasselbe.»

«Durchaus nicht. Es ist eine ganz andere Insel.»

Harold fuhr unbeirrt fort:

72

«Worauf es ankommt, ist, daß es für dich, der du unter

heißblütigen Südländern lebst, etwas Alltägliches sein mag,

während wir hier in England diese Dinge ernst nehmen. Im

übrigen, was ich noch sagen wollte – daß du bei einer

öffentlichen Leichenschau in einem solchen Aufzug

erscheinst -»

«Was ist los mit meinen Sachen? Sie sind bequem.»

«Sie sind unpassend.»

«Nun, jedenfalls sind es die einzigen, die ich mitgebracht

habe. Ich bin Maler, und Maler schätzen bequeme Kleidung.

»

«Du versuchst also immer noch zu malen?»

«Hör mal, Harold. Wenn du sagst, ich versuche zu

malen…

Mr. Wienborne räusperte sich energisch.

«Dies ist eine unfruchtbare Diskussion», unterbrach er

die Brüder vorwurfsvoll. «Kann ich vielleicht noch irgend

etwas für Sie tun, bevor ich nach London zurückkehre?»

Emma Crackenthorpe erwiderte schnell:

«Es war außerordentlich freundlich von Ihnen, daß Sie

hergekommen sind.»

«Nicht der Rede wert. Ich zweifle nicht daran, daß diese

betrübliche Sache bald aufgeklärt sein wird. Es scheint mir

ziemlich klar, wie alles vor sich gegangen ist. Der Schlüssel

vom hing draußen neben der Tür. Das

dürften viele Menschen gewußt haben. Höchstwahrscheinlich

wurde dieser Raum in den Wintermonaten gelegentlich

von Liebespaaren als Treffpunkt gewählt. Da ist es dann zu

einem Streit gekommen, und irgendein junger Mann hat die

Beherrschung verloren. Er war entsetzt, als er sah, was er

getan hatte, und als dann sein Blick auf den Sarkophag fiel,

ist ihm offenbar der Gedanke gekommen, er eigne sich

ausgezeichnet zum Verbergen der Leiche.»

Lucy dachte im stillen: Ja, das klingt sehr einleuchtend.

73

Cedric folgerte: «Wenn es ein Liebespaar aus der

Nachbarschaft war, dann erscheint es doch sonderbar, daß

niemand von den Leuten, die bei der Leichenschau zugegen

waren, das Mädchen hat identifizieren können.»

«Wir stehen erst am Anfang der Untersuchung. Es wird

sicher nicht mehr lange dauern, bis die Tote identif iziert

werden wird. Natürlich ist es möglich, daß der Täter in der

Gegend hier lebte, das Mädchen aber von woanders

herkam.»

«Wenn ich ein Mädchen wäre, das mit einem jungen

Mann ein Stelldichein vereinbart, dann würde ich mich nicht

bereit finden, in einen so bitterlich kalten Schuppen zu

kommen», wandte Cedric ein. «Ich würde mich für ein

gemütliches Beisammensein in einem Kino entscheiden.

Würden Sie das nicht auch vorziehen, Miss Eyelesbarrow?»

«Müssen wir denn durchaus all diese Einzelheiten erörtern?

» fragte Harold mit klagender Stimme.

Der Wagen hielt vor dem Haupteingang von Rutherford

Hall, und sie stiegen alle aus.

74

8

Als Mr. Wienborne in die Bibliothek trat, machte er ein

etwas verwundertes Gesicht. Außer Inspektor Bacon, den er

nun schon kannte, war noch ein gutaussehender, blonder

Fremder zugegen.

Inspektor Bacon übernahm die Vorstellung.

«Dies ist Inspektor Craddock von New Scotland Yard»,

sagte er.

«New Scotland Yard? Hm!» Mr. Wimbornes

Augenbrauen stiegen in die Höhe.

Dermot Craddock, ein Mann von ausgezeichneten Manie –

ren, ergriff das Wort.

«Man hat es für richtig gehalten, uns hinzuzuziehen, Mr.

Wimborne. Da Sie die Familie Crackenthorpe vertreten,

scheint es mir nur recht und billig, daß wir Ihnen eine gewisse

vertrauliche Mitteilung machen.»

Niemand hätte es wohl besser verstanden, ein kleines

Stück Wahrheit anzubieten und dabei den Eindruck zu erwecken,

als wolle er die ganze Wahrheit enthüllen, als Inspektor

Craddock.

«Inspektor Bacon wird wohl nichts dagegen haben, denke

ich?» fuhr er mit einem Blick auf seinen Kollegen fort.

Feierlich erklärte sich Inspektor Bacon einverstanden,

und niemand merkte, daß die beiden Beamten alles vorher

abgesprochen hatten.

«Die Sache liegt so», begann Craddock. «Wir haben allen

Grund zu glauben, daß die Tote nicht aus der Gegend hier

ist, daß sie vielmehr von London herreiste und davor aus

dem Ausland kam. Wahrscheinlich – wir sind uns dessen

nicht ganz sicher – aus Frankreich.»

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«Da es so ist», erklärte Inspektor Bacon, «hielt der

Polizeichef es für besser, wenn Scotland Yard die

Nachforschungen in die Hand nähme.»

«Ich kann nur hoffen», sagte Mr. Wimborne, «daß die

Sache recht bald aufgeklärt wird. Es wird Ihnen zweifellos

klar sein, daß dies alles für die Familie viel Verdruß mit sich

bringt. Wenn die Angelegenheit sie auch nicht persönlich in

irgendeiner Weise berührt, so -»

Er stockte, aber Inspektor Craddock fuhr fort:

«So ist es doch keineswegs angenehm zu erfahren, daß

eine ermordete Frau auf dem eigenen Grund und Boden

gefunden wurde. Ich stimme Ihnen durchaus zu. Ich würde

nun gern mit den verschiedenen Mitgliedern der Familie

einzeln ein paar Worte wechseln -»

«Ich sehe wirklich nicht -»

«Was sie mir sagen könnten? Wahrscheinlich nichts von

Interesse – aber man weiß ja nie. Sicherlich kann ich das

meiste von Ihnen erfahren, Mr. Wimborne. Sie werden uns

sicher über dieses Haus und die Familie einiges sagen können.

»

«Was kann denn das mit der Tatsache zu tun haben, daß

eine junge Frau aus dem Ausland kommt und sich hier töten

läßt?»

«Das ist es ja eben», erwiderte Craddock. «Weshalb ist

sie hergekommen? Hatte sie früher einmal irgendwelche

Beziehungen zu diesem Haus? Stand sie zum Beispiel

irgendwann einmal in Diensten der Familie? Oder kam sie

her, weil sie einen früheren Besitzer von Rutherford Hall

hatte treffen wollen?»

Mr. Wimborne bemerkte kühl, Rutherford Hall sei seit

dem Jahre 1884, in dem Josiah Crackenthorpe es baute, stets

im Besitz der Familie Crackenthorpe gewesen.

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«Und der gegenwärtige Besitzer, Mr. Luther Crackenthorpe,

hat niemals daran gedacht, Rutherford Hall zu verkaufen?

»

«Er hatte nicht die Möglichkeit dazu», erwiderte der Anwalt

trocken. «Die testamentarischen Bestimmungen verbie –

ten es.»

«Vielleicht erzählen Sie mir etwas über das Testament

seines Vaters?»

«Warum denn das?»

Inspektor Craddock lächelte:

«Um mir die Mühe zu ersparen, mir auf amtlichem Wege

Einblick zu verschaffen.»

Widerstrebend und gequält lächelnd erfüllte Mr. Wimborne

den Wunsch des Inspektors.

«Das Testament, das der Vater des gegenwärtigen

Besitzers von Rutherford Hall, Mr. Josiah Crackenthorpe,

hinterließ, ist kein Geheimnis. Sein sehr bedeutendes

Vermögen wird von einer Treuhandgesellschaft verwaltet.

Die Zinsen erhält der Sohn des Erblassers, Luther, auf

Lebenszeit. Nach seinem Tod soll das Kapital zu gleichen

Teilen an Luthers Kinder, Edmund, Cedric, Harold, Alfred,

Emma und Edith, fallen. Da Edmund im Krieg gefallen ist

und Edith vor vier Jahren starb, wird das Geld nach Luther

Crackenthorpes Tod zwischen Cedric, Harold, Alfred,

Emma und Ediths Sohn Alexander Eastley aufgeteilt

werden. »

«Und das Haus?»

«Das fällt an Luther Crackenthorpes ältesten Sohn, falls

er dann noch lebt, oder an seine Nachkommen.»

«War Edmund Crackenthorpe verheiratet?»

«Nein.»

«Rutherford Hall wird also fallen an -?»

«Den nächstältesten Sohn – Cedric.»

77

«Und Mr. Luther Crackenthorpe selber kann nicht

darüber verfügen?»

«Nein.»

«Ist das nicht ziemlich ungewöhnlich?» fragte Inspektor

Craddock. «Ich nehme an, sein Vater schätzte ihn nicht

sehr.»

«Da haben Sie durchaus recht>, erwiderte Mr.

Wimborne. «Der alte Josiah war von seinem ältesten Sohn

enttäuscht, weil der keinerlei Interesse für die Familie oder

irgendwelche Geschäfte zeigte. Luther verbrachte seine Zeit

mit Auslandsreisen und dem Sammeln von

Kunstgegenständen. Der alte Josiah hatte dafür kein

Verständnis. Darum hinterließ er sein Geld der nächsten

Generation.»

«Einstweilen aber haben die Angehörigen der nächsten

Generation keinerlei Einkommen, es sei denn, sie verdienen

selber etwas oder ihr Vater läßt ihnen etwas zukommen. Ihr

Vater andererseits hat ein ganz beträchtliches Einkommen,

kann aber nicht über das Kapital verfügen. Ist das richtig

so?»

«Völlig richtig. Was das aber mit der Ermordung der

unbekannten jungen Frau aus dem Ausland zu tun haben

soll, ist mir schleierhaft.»

«Es scheint damit nichts zu tun zu haben», räumte

Inspektor Craddock ein. «Ich wollte mich nur über den

Tatbestand unterrichten.»

Mr. Wimborne musterte ihn scharf. Anscheinend befrie –

digt, stand er auf.

«Ich würde jetzt gern nach London zurückkehren», erklärte

er. «Oder möchten Sie noch etwas wissen?»

Inspektor Craddock schüttelte den Kopf.

«Nein, danke, Mr. Wimborne. Das wäre alles.»

Gemessenen Schrittes verließ er die Bibliothek.

78

Lucy war nach der Rückkehr von der Leichenschau

sofort in die Küche gegangen, um den Lunch herzurichten.

Plötzlich schaute Bryan Eastley herein.

«Kann ich Ihnen irgendwie helfen?» erkundigte er sich.

Lucy blickte ihn nachdenklich an. Er war mit seinem

eigenen Wagen zur Leichenschau gefahren, und sie hatte

noch nicht viel Zeit gehabt, sich ein Bild von ihm zu

machen.

Er gefiel ihr eigentlich recht gut. Er mochte in den

Dreißigern sein, hatte braunes Haar, ziemlich traurig

blickende Augen und einen gestutzten Schnurrbart.

«Es ist nett hier», sagte er und seufzte.

Da Lucy im Augenblick nichts Dringliches mehr zu tun

hatte, betrachtete sie ihn aufmerksamer.

«Was ist nett? Diese Küche?»

«Ja. Sie erinnert mich an unsere Küche zu Hause – als ich

noch ein Kind war. »

Es fiel Lucy auf, daß Bryan Eastley etwas Verlorenes,

Hoffnungsloses an sich hatte. Als sie ihn jetzt genauer

betrachtete, merkte sie, daß er älter war, als sie zuerst

gedacht hatte. Er mußte an die Vierzig sein. Es war

schwierig, sich ihn als Alexanders Vater vorzustellen. Er

erinnerte sie an zahllose junge Piloten, die sie während des

Krieges kennengelernt hatte, und ihr schien, als habe Bryan

sich nicht weiterentwickelt, als sei er von den Jahren

unberührt geblieben.

Seine nächsten Worte bestätigten diesen Eindruck. Er

hatte sich auf der Ecke des Küchentischs niedergelassen.

«Es ist eine schwierige Welt», sagte er. «Finden Sie nicht

auch? Ich meine, es ist schwierig, sich in sie hineinzufinden.

Man ist nun einmal nicht dafür erzogen worden.»

Lucy erinnerte sich an das, was sie von Emma gehört

hatte.

79

«Sie waren Kampfflieger, nicht wahr?» sagte sie. «Und

Sie haben eine hohe Auszeichnung bekommen.»

«Das ist es ja eben. Man hat eine Auszeichnung bekommen,

und darum bemühen sich die Leute, es einem bequem

zu machen, einem eine Stellung zu geben und so weiter.

Sehr nett von ihnen. Aber es sind alles Stellungen, wo man

im Büro zu sitzen hat, und dafür ist man eben nicht geeignet.

Hätte ich nur etwas Kapital -»

Er brach ab und grübelte. Da Lucy nichts sagte, fuhr er

fort:

«Sie haben Edie, meine Frau, wohl nicht gekannt? Nein,

natürlich nicht. Sie war ganz anders als die Familie, als ihre

Brüder. Erstens einmal war sie viel jünger. Sie sagte immer,

der alte Mann sei ein Geizkragen. Ist er auch wirklich.

Verteufelt hinter dem Geld her. Und dabei kann er es doch

gar nicht mit sich nehmen, wenn er stirbt. Es wird unter

seinen Kindern aufgeteilt. Edies Anteil geht natürlich an

Alexander. Aber er wird warten müssen, bis er

einundzwanzig ist. Eher kämmt er an das Geld nicht ran.»

In diesem Augenblick kamen Alexander und Stoddart

West mit geröteten Gesichtern und ziemlich atemlos hereingestürmt.

«Hallo, Dad!» rief Alexander. «Hier steckst du also. Seid

ihr aber fleißig! Machen Sie Yorkshire-Pudding, Miss

Eyelesbarrow?»

«Ja.»

«Fein!» Stoddart-West strahlte.

«Sie kocht prima», rühmte Alexander.

«Können wir Ihnen helfen, Miss Eyelesbarrow?» fragte

Stoddart-West höflich.

«Ja, ihr könnt mir helfen die Gerichte ins Speisezimmer

zu tragen. Würden Sie den Braten übernehmen, Mr. Eastley?

Ich bringe die Kartoffeln und den Yorkshire-Pudding.»

80

Mr. Wimborne stand in der Halle und zog sich die Handschuhe

an, als Emma schnell die Treppe herunterkam.

«Möchten Sie wirklich nicht zum Lunch bleiben, Mr.

Wienborne? Wir wollen gerade essen.»

«Nein, danke. Ich habe eine wichtige Verabredung in

London. Der Zug führt einen Speisewagen.»

«Es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie gekommen

sind», sagte Emma noch einmal dankbar.

Die beiden Polizeibeamten traten aus der Bibliothek.

Mr. Wienborne ergriff Emmas Hand.

«Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Miss Crackenthorpe

», redete er ihr gut zu. «Das hier ist Inspektor

Craddock von New Scotland Yard, der den Fall übernehmen

wird. Er kommt nachher wieder und möchte dann einige

Fragen an Sie richten. Vielleicht erhält er dadurch

Anhaltspunkte für seine Untersuchung. Aber, wie gesagt, Sie

brauchen sich keine Sorgen zu machen.» Er blickte

Craddock fragend an: «Darf ich Miss Crackenthorpe

gegenüber wiederholen, was Sie mir gesagt haben?»

«Selbstverständlich.»

«Inspektor Craddock meinte, es handle sich beinahe

sicher um ein Verbrechen, das außerhalb der Kompetenz der

Ortspolizei liegt. Die ermordete Frau soll aus London

gekommen sein und war wahrscheinlich eine Ausländerin.»

Emma Crackenthorpe fragte schnell:

«Eine Ausländerin? Eine Französin?»

Mr. Wimborne hatte seine Bemerkung nur gemacht, um

Emma zu beruhigen. Die Reaktion überraschte ihn deshalb.

Craddock warf einen schnellen Blick auf Emmas Gesicht.

Erfragte sich, wie sie plötzlich zu dem Schluß gelangt

sein könnte, die Ermordete sei eine Französin gewesen, und

warum dieser Gedanke sie beunruhigte.

81

9

Die einzigen, die Lucys ausgezeichnetes Essen wirklich

zu würdigen wußten und tüchtig zulangten, waren die beiden

Jungen und Cedric Crackenthorpe, den die Umstände, die

seine Rückkehr nach England veranlaßt hatten, nicht zu berühren

schienen. Er machte den Eindruck, als nehme er die

ganze Sache nicht richtig ernst.

Diese Haltung, dachte Lucy, war seinem Bruder Harold

offenbar höchst zuwider. Er selber schien den Mord als eine

Art persönliche Beleidigung der Familie Crackenthorpe aufzufassen

und war darüber so empört, daß er kaum etwas aß.

Auch Emma aß nur sehr wenig. Sie schien besorgt und unglücklich

zu sein. Alfred war in Gedanken versunken und

sprach sehr wenig. Er sah recht gut aus, hatte ein schmales,

dunkles Gesicht und ziemlich engstehende Augen.

Nach dem Lunch kamen die Polizeibeamten zurück und

fragten höflich, ob sie mit Mr. Cedric Crackenthorpe sprechen

könnten.

Inspektor Craddock forderte ihn auf, Platz zu nehmen.

«Wie ich höre, Mr. Crackenthorpe, sind Sie gerade von

den Balearen- zurückgekehrt?» begann er. «Sie leben dort,

nicht wahr?»

«Ja. Seit sechs Jahren. Auf Ibiza. Gefällt mir besser als

dieses trübsinnige Land.»

«Zweifellos haben Sie dort sehr viel mehr Sonnenschein

als wir hier», sagte Inspektor Craddock zustimmend. «Wie

ich höre, sind Sie unlängst schon einmal in der Heimat

gewesen. Genauer gesagt: zu Weihnachten. Warum hielten

Sie es für notwendig, nach so kurzer Zeit abermals die doch

ziemlich weite Reise zu machen?»

82

«Ich bekam ein Telegramm von meiner Schwester

Emma», erwiderte Cedric. «Wir haben hier noch nie einen

Mord gehabt. Ich wollte nicht gern etwas versäumen.

Deshalb kam ich.»

«Interessen Sie sich für Kriminologie?»

«Wozu diese hochtrabende Bezeichnung? Ich interessiere

mich ganz einfach für Mordgeschichten mit dem Problem

und allem, was damit zusammenhängt. Als

ich nun hörte, es sei sozusagen vor der Haustür der Familie

etwas dergleichen passiert, da sagte ich mir, eine solche

Chance würde ich wahrscheinlich im ganzen Leben nicht

wieder kriegen. Übrigens dachte ich auch, daß die arme

Emma vielleicht etwas Hilfe brauche, wo sie jetzt nicht bloß

für den alten Mann zu sorgen hat, sondern auch noch mit der

Polizei und all dem übrigen fertig werden muß.»

«Ich verstehe. Sie witterten Nahrung für Ihre Sensationslust

und fühlten gleichzeitig ihren Familiensinn angesprochen.

Sicher wird Ihre Schwester Ihnen sehr dankbar sein,

obwohl ja auch Ihre beiden andern Brüder gekommen sind,

um ihr zur Seite zu stehen.»

«Die werden sie wenig aufheitern und trösten können»,

wandte Cedric ein. «Harold ist ganz außer Fassung. Sich mit

der Ermordung eines zweifelhaften Frauenzimmers befassen

zu müssen ist nichts für einen Gentleman, der in der City

eine Rolle spielt.»

Craddock zog leicht die Augenbrauen hoch.

«War sie ein zweifelhaftes Frauenzimmer?»

«Nun, das vermögen Sie besser zu beurteilen. In Anbetracht

der Tatsachen hielt ich es wahrscheinlich.»

«Ich dachte, Sie hätten vielleicht eine Vermutung, wer

die Tote sein könnte?»

Cedric schüttelte den Kopf.

«Sie klopfen da auf den falschen Busch. Ich habe nicht

die leiseste Ahnung. Vergessen Sie nicht, daß keiner von uns

83

hier wohnt. Die einzigen Leute im Haus waren eine Frau und

ein alter Mann. Sie glauben doch nicht im Ernst, sie wäre

hergekommen, weil sie mit meinem hochverehrten Herrn

Vater ein Stelldichein hatte?»

«Wir halten es für denkbar – Inspektor Bacon ist derselben

Meinung wie ich -, daß die Frau einmal irgendwie eine

Verbindung zu dem Haus gehabt hat. Das mag lange Zeit her

sein. Überlegen Sie doch einmal, Mr. Crackenthorpe, ob das

nicht so sein könnte?»

Cedric dachte kurz nach und schüttelte den Kopf.

«Wir haben natürlich hin und wieder auch ausländische

Angestellte gehabt – wie fast jedermann. Aber mehr kann ich

dazu auch nicht sagen. Fragen Sie lieber die andern. Sie

wissen sicher mehr als ich.»

«Natürlich werden wir sie fragen.»

Craddock lehnte sich in seinen Stuhl zurück und fuhr

fort:

«Wie Sie bei der Leichenschau gehört haben, hat die ärztliche

Untersuchung ergeben, daß sich die Todeszeit der Frau

nicht genau angeben läßt. Es muß mehr als zwei Wochen her

sein und weniger als vier. Wir nehmen also an, daß die Frau

um Weihnachten herum ermordet wurde. Sie haben mir

gesagt, Sie seien zu Weihnachten hiergewesen. Wann kamen

Sie in England an, und wann verließen Sie es wieder?»

Cedric dachte nach.

«Lassen Sie mich überlegen. Ich bin geflogen. Ich kam

am… Samstag vor Weihnachten – also am 21.»

«Sind Sie direkt von Mallorca hergeflogen?»

«Ja. Ich flog um fünf Uhr ab und kam mittags an.»

«Und wann verließen Sie England wieder?»

«Ich flog am folgenden Freitag, also am 27., wieder ab.»

«Ich danke Ihnen.»

Cedric grinste.

84

«Danach gehöre ich also bedauerlicherweise zum Kreis

der Verdächtigen. Aber wirklich, Inspektor, die

Erdrosselung junger Frauen ist nicht die Art von

Weihnachtsbelustigung, die ich bevorzuge.»

«Hoffentlich nicht, Mr. Crackenthorpe. Also, ich danke

Ihnen. Das wäre alles.»

Als Cedric die Tür hinter sich geschlossen hatte, wandte

Craddock sich an Bacon:

«Was halten Sie von ihm?»

«Dem ist alles zuzutrauen», erwiderte Bacon. «Ich

persönlich schätze diesen Typ nicht. Eine lockere Bande,

diese Künstler. Und stets geneigt, sich mit zweifelhaften

Frauenzimmern einzulassen.»

Craddock lächelte.

«Mir gefällt auch nicht, wie er sich kleidet», fuhr Bacon

fort. «Kein Empfinden für das, was sich schickt. Wie kann

man so zu einer Leichenschau gehen! Die dreckigste Hose,

die ich seit langem gesehen habe. Und haben Sie auf seinen

Schlips geachtet? Sah aus wie eine gefärbte Schnur. Wenn

Sie mich fragen: Ich traue ihm ohne weiteres zu, daß er eine

Frau erdrosselt, als wäre es gar nichts. »

«Nun, diese Frau jedenfalls hat er nicht erdrosselt,

vorausgesetzt, er hat Mallorca nicht vor dem 21. verlassen.

Das aber können wir leicht nachprüfen.»

Bacon blickte ihn forschend an.

«Ich habe wohl bemerkt, daß Sie keinerlei Angaben über

das genaue Datum des Verbrechens gemacht haben.»

«Nein, wir wollen das vorläufig im dunkeln lassen. Im

Anfangsstadium einer Untersuchung behalte ich gern etwas

für mich.»

Bacon nickte.

«Es ist immer am besten, man rückt erst im richtigen Augenblick

damit heraus.»

85

, sagte Craddock, «wollen wir sehen, was

unser korrekter City-Gentleman über die Sache zu sagen

hat.»

Harold Crackenthorpe hatte sehr wenig darüber zu sagen.

Es war widerwärtig, ein höchst bedauerlicher Vorfall. Er

fürchte, die Zeitungen… Reporter hatten, wie er hörte, bereits

um Interviews gebeten…

Harolds nicht zu Ende geführte Sätze brachen völlig ab.

Er lehnte sich mit dem Ausdruck eines Mannes, der sich mit

einem sehr üblen Geruch abzufinden hat, in seinen Stuhl

zurück.

Der Versuch des Inspektors, irgend etwas aus ihm

herauszuholen, blieb ohne Erfolg. Nein, er hatte keine

Ahnung, wer die Frau sei oder wer sie sein könnte. Ja, er war

zu Weihnachten in Rutherford Hall gewesen. Er hatte erst

am Weihnachtsabend kommen können, war aber übers

Wochenende geblie ben.

«Das wäre alles», sagte Inspektor Craddock, ohne noch

weitere Fragen zu stellen. Er war sich schon bald darüber

klargeworden, daß von Harold Crackenthorpe nicht viel zu

erwarten war.

Jetzt nahm er sich Alfred vor, der mit etwas übertriebener

Lässigkeit die Bibliothek betrat.

Craddock hatte, als er ihn betrachtete, das vage Gefühl, er

müsse ihn irgendwo schon einmal gesehen haben. Aber wo

nur? War es vielleicht nur ein Bild in der Zeitung gewesen?

Jedenfalls war es keine angenehme Erinnerung. Er fragte

Alfred nach seinem Beruf.

«Ich bin momentan im Versicherungsgeschäft tätig. Vor

kurzem interessierte ich mich für die Lancierung eines neuen

Sprechmaschinentyps. Eine umwälzende Erfindung. Habe

sehr gut daran verdient.»

Inspektor Craddock hörte ihm verständnisvoll zu, jedenfalls

schien es so. Niemand hätte ahnen können, daß er

86

aufmerksam den anscheinend eleganten Anzug Alfreds betrachtete

und ziemlich genau abschätzte, wie wenig er gekostet

hatte. Cedrics Sachen waren abgetragen gewesen, aber

von erstklassigem Material und ursprünglich gut geschnit ten.

Hier aber sah man eine billige Eleganz, die für sich selber

sprach. Craddock ging zu den routinemäßigen Fragen über.

Alfred schien interessiert zu sein, vielleicht sogar etwas

amüsiert.

«Es ist durchaus möglich, daß die Frau hier einmal

beschäftigt gewesen ist – nicht als Kammerjungfer, denn ich

bezweifle, daß meine Schwester jemals etwas dergleichen

gehabt hat. Vielleicht ist das heute überhaupt nicht mehr

üblich. Aber natürlich gibt es eine Menge Hausarbeit, bei der

fremde Hilfe benötigt wird. Da aber Emma die Frau nicht

wiedererkannt hat, dürfte diese Annahme nicht mehr in

Frage kommen, Inspektor, denn Emma hat ein sehr gutes

Gedächtnis für Gesichter. Wenn diese Frau aus London kam

. . . weshalb vermuten Sie übrigens, daß das der Fall war?»

Er flocht diese Frage ganz beiläufig ein, seine Augen

aber verrieten, daß ihn die Antwort sehr interessierte.

Inspektor Craddock schüttelte lächelnd den Kopf.

Alfred blickte ihn scharf an.

«Sie wollen es wohl nicht sagen? Vielleicht befand sich

eine Rückfahrkarte in ihrer Tasche. Ist es das?»

«Es könnte sein, Mr. Crackenthorpe.»

«Nun, nehmen wir an, sie kam aus London, dann hat der

Mann, den sie hatte treffen wollen, vielleicht gedacht, der

eigne sich eigentlich vortrefflich für

einen Mord, bei dem man natürlich jedes Aufsehen

vermeiden möchte. Offenbar weiß er hier gut Bescheid. Ich

an Ihrer Stelle, Inspektor, würde nach ihm Ausschau halten.»

«Das tun wir ja», erwiderte Inspektor Craddock ruhig. Er

dankte Alfred und entließ ihn.

87

«Wissen Sie», sagte er zu Bacon, «ich habe diesen Mann

schon irgendwo gesehen . . .»

Inspektor Bacon äußerte seine Meinung:

«Ein scharfer Hund – so scharf, daß er sich manchmal ins

eigene Fleisch schneidet.»

«Ich glaube zwar nicht, daß Sie mich zu sehen

wünschen», sagte Bryan Eastley entschuldigend, indem er

unschlüssig in der Tür zur Bibliothek stehenblieb, «ich

gehöre nämlich im Grunde genommen nicht zur Familie. . .»

«Sie sind doch, wenn ich nicht irre, Mr. Bryan Eastley,

der Gatte der verstorbenen Edith Crackenthorpe?»

«Ganz recht.»

«Es ist sehr freundlich von Ihnen, daß Sie von sich aus

kommen, Mr. Eastley. Ich nehme an, Sie wissen etwas und

können uns in irgendeiner Weise helfen?»

«Leider nicht. Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen. Die

ganze Geschichte ist verflixt merkwürdig, finden Sie nicht

auch? Die Frau kommt hierher und trifft sic h, mitten im

Winter, mit irgend jemandem in diesem zugigen Schuppen.

Wäre nicht mein Geschmack.»

«Ja, das ist wirklich merkwürdig», stimmte Inspektor

Craddock zu.

«Ist es wahr, daß sie eine Ausländerin war? Ich habe so

etwas gehört.»

«Bringt diese Tatsache Sie auf eine bestimmte Vermutung?

»

Der Inspektor beobachtete ihn scharf. Bryan aber zuckte

nur liebenswürdig lächelnd die Schultern.

«Nein», erwiderte er. «Könnte ich nicht sagen.»

«Vielleicht war sie eine Französin», bemerkte Inspektor

Bacon mit düsterer Stimme, als käme ihm das besonders

verdächtig vor.

Bryan machte ein interessiertes Gesicht.

88

«Wirklich? Aus Paris?» Er schüttelte den Kopf.

«Eigentlich wird dann alles noch unwahrscheinlicher.

Finden Sie nicht? Ich meine, daß sie dann in dem Schuppen

ein Rendezvous gehabt haben sollte. Hatten Sie übrigens

schon einmal einen ähnlichen Fall, wo ein Mörder sein

Opfer in einem Sarkophag versteckte? Vielleicht ist es ein

Mensch mit einem anormalen Triebleben? Er könnte einen

Komplex haben, hält sich vielleicht für Caligula oder so

was?»

Inspektor Craddock ging auf diesen Punkt nicht weiter

ein. Statt dessen fuhr er wie beiläufig fort:

«Es hat wohl niemand von der Familie Beziehungen nach

Frankreich? Oder leben dort Verwandte, die Sie kennen?»

«Nicht daß ich wußte», sagte Bryan. «Harold ist ehrbar

verheiratet mit der Tochter eines verarmten Peers. Alfred

macht sich, soviel ich weiß, nicht viel aus Frauen. Tut nichts

anderes als dunkle Geschäfte betreiben, die für gewöhnlich

schieflaufen. Und Cedric? Ich vermute, er hat auf Ibiza ein

paar spanische Senoritas, die sich von ihm um den Finger

wickeln lassen. Die Frauen sind meistens ganz vernarrt in

Cedric. Dabei rasiert er sich selten und sieht so aus, als

würde er sich nie waschen. Ich weiß nicht, was die Frauen

Anziehendes an ihm finden, aber es ist nun mal so. Was ich

Ihnen da erzähle, nützt Ihnen wohl nicht viel? Ich glaube,

Alexander könnte Ihnen eher helfen als ich. Er und James

Stoddart-West jagen in großem Stil nach Fingerabdrücken

und Spuren. Möchte wetten, sie finden auch was.»

Inspektor Craddock sagte, es würde ihn freuen. Dann

dankte er Bryan Eastley und bat ihn, Miss Emma Crackenthorpe

hereinzuschicken.

Inspektor Craddock betrachtete Emma Crackenthorpe

jetzt mit größerer Aufmerksamkeit, als er es zuvor getan

hatte. Er machte sich noch immer Gedanken über den

89

Ausdruck, den er vor dem Lunch auf ihrem Gesicht entdeckt

hatte.

Eine stille Frau, nicht dumm, aber auch nicht brillant.

Eins von jenen angenehmen weiblichen Wesen, die es

verstehen, ein Haus in ein Heim zu verwandeln und eine

Atmosphäre stiller Harmonie zu schaffen, ohne bei den

Männern dafür Anerkennung zu finden.

Frauen wie sie wurden oft unterschätzt. Hinter ihrem

ruhigen Äußeren verbarg sich eine Charakterstärke, mit der

man rechnen mußte. Vielleicht, dachte Craddock, lag der

Schlüssel zudem Geheimnis der toten Frau in dem

Sarkophag in irgendeinem Winkel von Emmas Gehirn.

Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen,

stellte er einige unwichtige Fragen.

«Ich glaube nicht, daß es noch viel gibt, was Sie nicht

bereits Inspektor Bacon erzählt haben», sagte er.

«Ichbrauche Sie also nicht mit unnötigen Fragen zu plagen.»

«Bitte, fragen Sie mich, soviel Sie wollen.»

«Wie Mr. Wimborne Ihnen sagte, sind wir zu dem Schluß

gekommen, daß die tote Frau nicht aus dieser Gegend

stammt. Das mag für Sie ein Trost sein, aber ihre

Identifizierung, an der uns viel gelegen sein muß, wird

dadurch sehr erschwert.»

«Hatte sie denn nichts bei sich? Keine Handtasche?

Keine Papiere?»

Craddock schüttelte den Kopf.

«Keine Handtasche, nichts in den Taschen ihrer Kleidung.

»

«Und Sie haben keine Ahnung, woher sie kam? Wie sie

heißt?»

Craddock dachte bei sich: Sie möchte es wissen – es liegt

ihr sehr viel daran zu wissen, wer die Frau ist. Lag ihr schon

immer soviel daran? Ich bezweifle es. Bacon hatte offenbar

nicht diesen Eindruck, und er ist ein scharfer Beobachter…

90

«Wir wissen nichts von ihr», erwiderte er. «Deshalb hofften

wir, einer von Ihnen könnte uns weiterhelfen. Sind Sie

sicher, daß Sie es nicht können? Selbst wenn Sie die Frau

nicht wiedererkannten, wäre es doch möglich, daß Sie sich

denken könnten, wer sie ist.»

Er glaubte zu bemerken, daß sie einen Augenblick

zögerte, bevor sie antwortete.

«Ich habe nicht die geringste Ahnung», sagte sie.

Unmerklich änderte sich Inspektor Craddocks Haltung.

Nur seine etwas schärfer klingende Stimme deutete es an.

«Als Mr. Wimborne Ihnen sagte, die Frau sei eine

Ausländerin, warum nahmen Sie da an, sie sei eine

Französin?»

Emma ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Sie hob

nur leicht ihre Augenbrauen.

«Nahm ich das an? Ja, es war wohl so. Warum, weiß ich

tatsächlich nicht, aber man ist doch immer geneigt zu glauben,

Ausländer müßten Franzosen sein, solange man ihre

wirkliche Nationalität nicht kennt. Die meisten Fremden hier

im Land sind doch Franzosen, nicht wahr?»

«Das möchte ich nicht behaupten, Miss Crackenthorpe.

Heutzutage jedenfalls stimmt das nicht mehr. Wir haben hier

so viele fremde Nationalitäten: Italiener, Deutsche, Österreicher

und dann die vielen Skandinavier -»

«Ja, Sie haben wohl recht.»

«Hatten Sie nicht einen ganz besonderen Grund, zu glauben,

diese Frau sei wahrscheinlich eine Französin?»

Sie hatte es nicht eilig, seiner Annahme zu

widersprechen. Sie überlegte und schüttelte dann, fast

bedauernd, den Kopf.

«Nein», antwortete sie. «Ich glaube wirklich nicht, daß

ich einen besonderen Grund hatte.»

Ihr Blick begegnete seinem ruhig, ohne auszuweichen.

Craddock sah zu Inspektor Bacon hinüber. Dieser beugte

91

sich vor und legte eine kleine emaillierte Puderdose auf den

Tisch.

«Kennen Sie diese Puderdose, Miss Crackenthorpe?»

Sie nahm sie in die Hand und betrachtete sie.

«Nein. Mir gehört sie sicherlich nicht.»

«Und Sie haben keine Ahnung, wem sie gehört?»

«Nein.»

«Dann brauchen wir Sie für den Augenblick nicht länger

zu bemühen.»

Sie lächelte flüchtig, stand auf und verließ die Bibliothek.

Wieder hatte Craddock den Eindruck – vielleicht war es auch

diesmal bloß Einbildung -, daß sie sich ziemlich schnell entfernte,

als atme sie erleichtert auf, als suche sie, sich möglichst

rasch in Sicherheit zu bringen und weiteren Fragen zu

entrinnen.

«Glauben Sie, sie weiß etwas?» fragte Bacon.

Inspektor Craddock zuckte die Achseln:

«In einem gewissen Stadium der Untersuchung ist man

geneigt zu glauben, jeder wisse mehr, als er gewillt sei,

einem zu erzählen.»

«Für gewöhnlich wissen sie auch mehr», meinte Bacon

aufgrund seiner Erfahrungen. «Nur», fügte er hinzu, «hat es

selten etwas mit dem Fall zu tun. Meistens handelt es sich

um kleine Verfehlungen innerhalb der Familie oder um

irgendwelche Dinge, die die Leute zu verbergen trachten und

von denen sie nicht wünschen, daß sie an die Öffentlichkeit

gelangen.»

«Ja, ich weiß. Nun, jedenfalls -»

Was Inspektor Craddock noch hatte sagen wollen, wird

man nie erfahren, denn die Tür wurde aufgerissen, und ein

höchst entrüsteter Mr. Crackenthorpe schlurfte in die Bibliothek.

«Ein schöner Zustand das!» knurrte er. «Scotland Yard

kommt hierher und hält es nicht einmal für nötig, sich zuerst

92

und vor allem an das Oberhaupt der Familie zu wenden!

Wer ist hier der Herr im Hause? Wollen Sie mir das sagen?

Wer ist der Herr hier?»

«Sie natürlich, Mr. Crackenthorpe», versuchte Mr.

Craddock ihn zu beruhigen und stand auf. «Aber wir hörten,

Sie hätten Inspektor Bacon bereits alles erzählt, was Sie

wissen, und da, wie man uns sagte, Ihre Gesundheit nicht die

beste ist, wollten wir Ihnen nicht zuviel zumuten. Dr.

Quimper meinte -»

«Gewiß – gewiß – meine Gesundheit ist nicht die beste.

Aber was Dr. Quimper betrifft, so ist er ein richtiges altes

Weib – ein ausgezeichneter Arzt, der meinen Fall versteht -,

aber er möchte mich am liebsten in Watte packen. Hat eine

fixe Idee, wenn es ums Essen geht. Was hat er mich nicht

alles zu Weihnachten gefragt, als mir etwas schlecht war.

Was ich gegessen hätte, wollte er wissen und dann, wer es

gekocht hätte und wer es mir gebracht hätte. Lauter dummes

Zeug! Wenn ich auch nicht gerade ein völlig gesunder Mann

bin, so bin ich doch gesund genug, um Ihnen helfen zu

können, soweit es in meiner Macht steht. Ein Mord in

meinem eige nen Hause! Oder jedenfalls auf meinem Grund

und Boden! Der ist übrigens ein

interessantes Gebäude. Elisabethanisch. Der Architekt hier

im Ort bestreitet das zwar, aber er weiß nicht, was er redet.

Spätestens 1580 gebaut. Aber davon sprechen wir jetzt nicht.

Was wünschen Sie von mir zu wissen? Welche Theorie

haben Sie?»

«Es ist noch ein wenig zu früh, um bereits Theorien zu

entwickeln, Mr. Crackenthorpe. Wir bemühen uns noch herauszufinden,

wer die Frau war.»

«Eine Ausländerin, vermuten Sie?»

«ja.»

«Feindliche Spionin?»

«Unwahrscheinlich, möchte ich sagen.»

93

«Möchten Sie sagen! Unsinn! Sie sind überall, diese

Leute. Infiltration. Warum die Regierung sie ins Land läßt,

geht über meinen Verstand. Wahrscheinlich war sie hinter

Industrie geheimnissen her. Sicherlich.»

«In Brackhampton?»

«Fabriken gibt es überall. Selbst in der Nähe meines

Grundstücks, hinter dem Bahndamm.»

Craddock warf Bacon einen fragenden Blick zu. Dieser

antwortete:

«Blechdosen.»

«Wie können Sie wissen, was die in Wirklichkeit

machen? Man darf nicht einfach alles glauben, was die

Leute einem erzählen. Aber gut. Wenn sie keine Spionin

war, wer war sie dann? Glauben Sie etwa, sie hatte ein

Verhältnis mit einem meiner werten Söhne? Käme höchstens

Alfred in Frage. Harold nicht. Der ist zu vorsichtig. Und

Cedric geruht nicht, in diesem Lande zu leben. All right,

vielleicht war es die Schürze, hinter der Alfred her war. Da

wird sie wohl irgend so ein gewalttätiger Typ verfolgt

haben, weil er glaubte, sie habe mit Alfred ein Stelldichein,

und dann hat er sie umgebracht. Was meinen Sie dazu?»

Inspektor Craddock erwiderte diplomatisch, das sei tatsächlich

eine Theorie, die man in Erwägung ziehen müsse.

Er betonte aber, Mr. Alfred Crackenthorpe habe sie nicht

wiedererkannt.

«Pah! Angst! Weiter nichts! Alfred war immer ein

Feigling. Er lügt, lügt das Blaue vom Himmel herunter.

Keiner meiner Söhne taugt etwas – nichts als Geier, die bloß

auf meinen Tod warten. Das ist der einzige Inhalt ihres

Lebens.» Er kicherte. «Aber sie können warten. Ich denke

nicht daran zu sterben, um ihnen einen Gefallen zu tun. Das

ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe… Ich bin müde. Muß

mich hinlegen.»

Er schlurfte wieder aus der Bibliothek.

94

«Alfreds Verhältnis?» sagte Bacon, den Kopf schüttelnd.

«Meiner Meinung nach hat der alte Mann das glatt erfunden.

Ich persönlich halte es für ausgeschlossen. Alfred ist vielleicht

in mancher Hinsicht ein unzuverlässiger Kunde. Aber

er ist nicht der Mann, den wir suchen. Ich denke mehr an

den von der Air Force.»

«Bryan Eastley?»

«Ja. Ich habe hin und wieder Gelegenheit, diesen Typ

kennenzulernen. Diese Menschen sind sozusagen heimatlos

in der Welt, haben zu früh in ihrem Leben Tod und

Abenteuer kennengelernt. Jetzt finden sie das Leben zu

zahm und daher unbefriedigend. Wir sind nicht ganz

unschuldig daran, ha ben sie nicht behandelt, wie wir es

hätten tun sollen. Ich weiß allerdings nicht, woran wir es

haben fehlen lassen. Sie sind nun einmal da – lauter

Vergangenheit und keine Zukunft sozusagen. Leute, denen

es nicht darauf ankommt, etwas zu riskieren. Der

Durchschnittsmensch ist aus Instinkt auf seine Sicherheit

bedacht – weniger aus moralischer Gesinnung denn aus

Klugheit. Aber diese Leute haben keine Angst. Das Wort

Sicherheit existiert nicht in ihrem Wortschatz. Wenn Eastley

mit einer Frau ein Verhältnis hatte und sie loswerden wollte .

. .» Er brach ab und zuckte ratlos die Achseln. «Aber warum

sollte er den Wunsch gehabt haben, sie loszuwerden, sie zu

töten? Und wenn man schon eine Frau tötet, dann legt man

sie doch nicht gerade in den Sarkophag des Schwiegervaters?

Nein, wenn Sie mich fragen: Keiner von ihnen allen

hat mit dem Mord etwas zu tun. Hätten sie etwas damit zu

tun, dann würden sie sich nicht die Mühe gemacht haben,

die Leiche sozusagen vor die Hintertürschwelle ihres Hauses

zu legen. Haben Sie sonst noch etwas zu tun hier?»

Craddock verneinte, worauf Bacon vorschlug,

gemeinsam nach Brackhampton zurückzufahren und bei ihm

eine Tasse Tee zu trinken.

95

Inspektor Craddock lehnte die Einladung ab mit der

Erklä rung, er wolle noch eine alte Bekannte aufsuchen.

96

10

Miss Marple blickte Inspektor Dermot Craddock

zufrieden lächelnd in die Augen.

«Ich freue mich so», meinte sie, «daß man gerade Sie mit

diesem Fall beauftragt hat. Ich habe es gehofft.»

«Als ich Ihren Brief bekam», erwiderte Craddock, «ging

ich damit sofort zum Chef. Zufälligerweise hatte er gerade

davon gehört, daß die Leute in Brackhampton unsere Hilfe

wünschten, da sie offenbar der Meinung waren, es handle

sich nicht um ein Verbrechen, das nur die lokalen Behörden

anginge. Der Chef hörte mit Interesse, was ich ihm über Sie

erzählte. Er hatte, wenn ich recht verstehe, von meinem

Paten schon dies oder das über Sie gehört.»

«Der gute Sir Henry!» murmelte Miss Marple liebevoll.

«Er sagte, da es sich um eine ganz verrückte Geschichte

in Verbindung mit zwei alten Damen handle und da ich eine

von diesen alten Damen bereits kennen würde, möchte er

den Fall mir übertragen. Und so bin ich also hier. Nun,

meine liebe Miss Marple, wie Sie sehen, habe ic h keinen

meiner Leute mitgebracht. Sie werden daraus mit Recht

schließen, daß es sich um keinen offiziellen Besuch handelt.

Wir wollen nur einmal gemütlich miteinander plaudern.

Miss Marple lächelte.

«Was hat man Ihnen denn bereits erzählt?»

«Ich denke: alles. Ich kenne die ursprüngliche Vernehmung

Ihrer Freundin Mrs. McGillicuddy durch die Polizei in

St. Mary Mead. Ich kenne die Aussage des Schaffners und

auch die Botschaft, die Ihre Freundin dem Bahnhofsvorsteher

in Brackhampton zukommen ließ. Alle erforderlichen

Nachforschungen wurden in die Wege geleitet, sowohl von

97

den Eisenbahnern wie von der Polizei. Aber es besteht kein

Zweifel, daß Sie alle mit Ihrer geradezu phantastischen Geschichte

im Raten übertrumpft haben.»

«Nicht im Raten», verwahrte sich Miss Marple.

«Übrigens hatte ich einen sehr großen Vorteil. Niemand

außer mir kannte Elsbeth McGillicuddy. Es gab niemanden,

der ihre Geschichte hätte bestätigen können. Und da keine

Vermißtenmeldung eingegangen war, mußte man natürlich

annehmen, es handle sich um die phantasievoll

ausgeschmückte Geschichte einer älteren Dame. Aber ich

kenne Mrs. McGillicuddy!»

«Ich hoffe, daß ich sie ebenfalls kennenlernen werde»,

erwiderte der Inspektor. «Ich wünschte, sie wäre nicht nach

Ceylon gereist. Übrigens haben wir veranlaßt daß sie dort

befragt wird.»

«Mein Gedankengang war übrigens gar nicht originell»,

nahm Miss Marple das Gespräch wieder auf. «Es findet sich

alles bei Mark Twain; Sie kennen doch die Geschichte von

dem Jungen, der das Pferd fand? Er sagte sic h, er brauche

nur dahin zu gehen, wo er, wäre er ein Pferd, selber

hingegangen wäre. Er tat es, ging hin und fand das Pferd.»

«Sie fragten sich also, was Sie tun würden, nachdem Sie

einen grausamen und kaltblütigen Mord begangen hätten?»

Craddock betrachtete nachdenklich das leicht gerötete

Gesicht der zerbrechlich aussehenden alten Dame.

«Wirklich, Ihr Geist -»

«, pflegte mein Neffe Raymond

zu sagen», ergänzte Miss Marple, lebhaft nickend. «Aber ich

erwiderte ihm immer, es lasse sich nicht bestreiten, daß ein

Küchenausguß eine notwendige häusliche Bequemlichkeit

darstelle und sehr hygienisch sei.»

«Vielleicht könnten Sie noch etwas weitergehen? Versetzen

Sie sich an die Stelle des Mörders, und sagen Sie mir,

wo er jetzt ist.»

98

Miss Marple seufzte.

«Ich wünschte, ich könnte es. Ich habe keine Ahnung

-absolut keine Ahnung. Aber es muß jemand sein, der in

Rutherford Hall gelebt hat oder es doch sehr genau kennt.»

«Da gebe ich Ihnen recht. Aber das eröffnet ein sehr

weites Feld. Eine ganze Reihe von Frauen haben,

aushilfsweise, dort gearbeitet. Aber auch sonst sind viele

Leute aus und ein gegangen. Sie alle kannten den , und es war kein Geheimnis, daß der Schlüssel

neben der Tür hing. Sicher wußten auch viele, daß sich darin

eine Art Museum befand, und kannten vielleicht sogar den

Sarkophag. Jeder, der davon gehört hatte, konnte auf den

Gedanken kommen, ihn als Versteck für eine Leiche zu

wählen.»

«Zweifellos. Ich sehe durchaus Ihre Schwierigkeiten.»

Craddock erklärte:

«Wir kommen nicht weiter, bevor wir nicht die Identität

der Toten festgestellt haben.»

«Und auch das dürfte schwierig sein.»

«Aber es wird uns gelingen, wenn es auch eine Weile

dauern mag. Wir überprüfen alle Meldungen, die das Verschwinden

einer Frau etwa ihres Alters betreffen. Bisher ist

keine darunter, auf die die Beschreibung zuträfe. Ihr Pelzmantel

war sehr billig und stammte aus einem Londoner

Warenhaus. Hunderte solcher Mäntel wurden in den letzten

drei Monaten verkauft. Keine Verkäuferin kann die Tote

nach der Fotografie wiedererkennen, und das ist ja auch kein

Wunder, zumal wenn der Mantel kurz vor Weihnachten

gekauft wurde. Ihre übrigen Kleidungsstücke stammen aus

dem Ausland. Zumeist aus Paris. Wir haben uns mit Paris in

Verbindung gesetzt, und auch dort stellt man Nachforschungen

an. Früher oder später wird sich schon jemand

melden und Anzeige erstatten, daß eine Verwandte oder

99

Untermieterin verschwunden ist. Man muß nur warten können.

»

«Die Puderdose hat also nichts genützt?»

«Leider nein. Es ist eine Dose, die zu Hunderten in der

Rue de Rivoli verkauft wird. Sie ist sehr billig. Nebenbei

bemerkt, Sie hätten sie eigentlich sofort der Polizei

übergeben sollen -oder vielmehr Miss Eyelesbarrow hätte es

tun müssen.»

Miss Marple schüttelte den Kopf.

«In jenem Augenblick war noch gar nicht die Rede von

einem Verbrechen», bemerkte sie. «Wenn eine junge Dame,

die zu ihrer Übung etwas Golf spielt, im hohen Gras eine

alte Puderdose von geringem Wert findet, braucht sie doch

wohl nicht sofort damit zur Polizei zu rennen, nicht wahr?»

Miss Marple machte eine kurze Pause und fügte dann mit

fester Stimme hinzu: «Ich hielt es für viel klüger, erst die

Tote zu finden.»

Inspektor Craddock war etwas betroffen.

«Sie scheinen nie auch nur im geringsten daran

gezweifelt zu haben, daß die Leiche gefunden werden

würde?»

«Ich war sicher, daß Lucy Eyelesbarrow sie finden

würde. Sie ist außerordentlich tüchtig und sehr intelligent.»

«ja, wahrhaftig, das ist sie? Ich habe direkt Angst vor ihr,

so verheerend tüchtig ist sie. Kein Mann wird es jemals

wagen, sie zu heiraten.»

«Wissen Sie, ich würde das nicht so ohne weiteres

behaupten. Es müßte natürlich ein Mann ganz besonderer

Art sein.»

Miss Marple verfolgte diesen Gedanken einen

Augenblick.

«Wie wird sie mit den Leuten in Rutherford Hall fertig?»

fragte sie.

100

«Soviel ich sehe, fressen ihr alle aus der Hand – buchstäblich,

könnte man sagen. Nebenbei: Die wissen nichts davon,

daß Miss Eyelesbarrow mit Ihnen in Verbindung steht. Wir

haben das für uns behalten.»

«Jetzt steht sie nicht mehr mit mir in Verbindung. Sie hat

den Auftrag, den ich ihr erteilt habe, ausgeführt.»

«Sie könnte also ohne weiteres kündigen?»

«Ja.»

«Aber sie bleibt. Warum?»

«Sie hat mir ihre Gründe nicht genannt. Sie ist ein sehr

intelligentes Mädchen. Ich vermute, sie bleibt aus Interesse.»

«An dem Problem? Oder an der Familie?»

«Vielleicht», bemerkte Miss Marple nachdenklich, «ist

das eine vom andern schwer zu trennen.»

Craddock blickte sie scharf an.

«Denken Sie an etwas Bestimmtes?»

«O nein – wirklich nicht.»

Dermot Craddock seufzte:

«Dann kann ich also nichts tun, als den Fall

weiterzuverfolgen, wie man zu sagen pflegt. Das Leben

eines Polizeimannes ist höchst langweilig.»

«Ich bin sicher, daß Sie Erfolg haben werden.»

«Fingerzeige für mich? Noch mehr Inspirationen?»

«Ich dachte an so etwas wie fahrende Leute», erwiderte

Miss Marple etwas vage. «Ich meine Artisten, Schauspieler

und dergleichen, die von Ort zu Ort ziehen und keine festen

Bindungen an eine Heimat haben. Das Verschwinden einer

solchen Frau könnte leicht unbemerkt bleiben.»

«Ich verstehe. Vielleicht ist etwas daran. Wir werden die

Sache einmal von diesem Gesichtspunkt aus betrachten.»

Dann fügte er hinzu: «Worüber lächeln Sie?»

«Ich mußte gerade daran denken», erwiderte Miss

Marple, «was für ein Gesicht Elsbeth McGillicuddy machen

wird, wenn sie hört, daß die Leiche gefunden wurde.»

101

«Wahrhaftig!» rief Mrs. McGillicuddy aus.

«Wahrhaftig!»

Sie fand keine Worte. Stumm blickte sie bald auf den

netten jungen Mann, der mit einem amtlichen Ausweis zu

ihr gekommen war, bald auf die Fotografien, die er

mitgebracht hatte.

«Wahrhaftig, das ist sie! Ja, das ist sie! Das arme Ding!

Ich muß gestehen, ich freue mich, daß man ihre Leiche

gefunden hat. Niemand hat mir ein Wort geglaubt, als ich es

meldete; weder die Polizei noch die Leute von der

Eisenbahn, noch sonst jemand. Es ärgert einen, wenn man

keinen Glauben findet. Jedenfalls kann niemand behaupten,

ich hätte nicht alles getan, was in meiner Macht stand.»

Der junge Mann nickte anerkennend.

«Wo, sagen Sie, wurde die Leiche gefunden?» wollte

Mrs. McGillicuddy wissen.

«In einem Schuppen des außerhalb von Brackhampton

gelegenen Landsitzes Rutherford Hall.»

«Nie davon gehört. Wie ist sie denn dahin gelangt?»

Der junge Mann antwortete nicht.

«Ich bin sicher, Jane Marple hat sie gefunden. Auf Jane

kann man sich verlassen.»

«Die Leiche», berichtigte der junge Mann, indem er auf

seine Notizen blickte, «wurde von einer Miss Lucy

Eyelesbarrow gefunden.»

«Von der habe ich noch nie gehört», erklärte Mrs.

McGillicuddy. «Ich bin noch immer der Ansicht, Jane

Marple müsse etwas damit zu tun haben. »

«Jedenfalls, Mrs. McGillicuddy, können Sie mit aller Bestimmtheit

die Frau auf dieser Fotografie identifizieren? Sie

sind sicher, daß es dieselbe Frau ist, die Sie in jenem Zug

gesehen haben?»

102

«Die Frau, die von einem Mann erdrosselt wurde:

jawohl.»

«Können Sie diesen Mann beschreiben?»

«Er war groß», erwiderte Mrs. McGillicuddy.

«Ja? Und weiter?»

«Er hatte dunkles Haar. »

«Ja? Und?»

«Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann», erwiderte Mrs.

McGillicuddy. «Er kehrte mir den Rücken zu. Ich habe sein

Gesicht nicht gesehen.»

«Würden Sie ihn wiedererkennen, wenn Sie ihn sähen?»

«Natürlich nicht! Ich sage doch, er kehrte mir den

Rücken zu. Sein Gesicht habe ich nicht gesehen.»

«Haben Sie eine Ahnung, wie alt er etwa war?»

Mrs. McGillicuddy überlegte.

«Nein. Eigentlich nicht. Ich meine, ich weiß es nicht…

aber ich bin fast sicher, daß er nicht mehr ganz jung war.

Seine Schultern sahen… sehr kräftig aus, wenn Sie

verstehen, was ich meine.»

Der junge Mann nickte.

< Dreißig oder darüber. Mehr kann ich nicht sagen. Ich sah ja nicht auf ihn. Ich blickte auf sie - auf diese Hände, die sich um ihre Kehle spannten, auf ihr Gesicht... es war ganz blau . . . Wissen Sie, manchmal träume ich noch jetzt davon... » « Es muß ein schreckliches Erlebnis gewesen sein», sagte der junge Mann verständnisvoll. Er schloß sein Notizbuch und fragte: «Wann kehren Sie nach England zurück?» «Frühestens in drei Wochen - das heißt, wenn es nicht vorher notwendig ist?» Er beruhigte sie schnell. 103 «O nein. Im Moment könnten Sie doch nichts tun. Aber natürlich, wenn wir eine Verhaftung vornehmen -» Er zuckte die Achseln. Die Post brachte einen Brief von Miss Marple an ihre Freundin mit einem ausführlichen Bericht, und Mrs. McGillicuddy verschlang jedes Wort voller Befriedigung. 104 11 «Ich werde aus Ihnen nicht klug», stellte Cedric Crackenthorpe fest. Er betrachtete Lucy Eyelesbarrow prüfend. «Inwiefern?» «Ich begreife nicht, was Sie hier tun.» «Ich verdiene mir meinen Lebensunterhalt.» «Als Dienstmädchen?» fragte er verächtlich. «Sie sind altmodisch!» erwiderte Lucy. « gibt es heutzutage nicht mehr. Ich bin

von Beruf Hausgehilfin oder Haushälterin.»

«Aber die Arbeit, die Sie zu verrichten haben, kann Ihnen

doch unmöglich Spaß machen.»

«Vielleicht nicht gerade jede Arbeit, aber das Kochen

entspricht meinen kreativen Ambitionen, und ich habe in mir

einen Trieb, aufzuräumen, dessen Befriedigung mir wirklich

Freude bereitet.»

«Bei mir herrscht ständig Unordnung», sagte Cedric.

«Und ich habe das gern», fügte er herausfordernd hinzu.

«Ja, das sieht man Ihnen an. »

«In meinem Häuschen auf Ibiza ist alles ganz einfach:

drei Teller, zwei Tassen mit Untertassen, ein Bett, ein Tisch

und zwei Stühle. Überall lie gt Staub, und überall finden sich

Farbflecken und Steinbrocken – ich bildhauere ebenso gern,

wie ich male -, und niemand darf etwas anrühren. Ich will

keine Frau im Hause haben.»

«In keiner Eigenschaft?»

«Was meinen Sie damit?»

«Ich nahm an, ein Künstler führe zumindest irgendeine

Art von Liebesleben.»

105

«Mein Liebesleben, wie Sie es nennen, ist eine andere

Sache», erwiderte Cedric mit Würde. «Was ich nicht haben

will, ist eine Frau in ihrer aufräumenden, in alles die Nase

steckenden, tyrannisierenden Eigenschaft.»

«Oh, wie gern würde ich Ihr Häuschen einmal in meine

Obhut nehmen», sagte Lucy lachend. «Das wäre wirklich

eine Abwechslung.»

«Diese Gelegenheit werden Sie nie haben.»

Lucy wechselte das Thema.

«Warum hat man hier eigentlich alles so verfallen lassen?

Es kann doch nicht nur der Krieg daran schuld sein?»

«Sie hätten wohl Lust, hier aufzuräumen? Wie unternehmungslustig

Sie doch sind! Jetzt begreife ich auch, warum

ausgerechnet Sie eine Leiche entdecken mußten. Sie konnten

nicht einmal einen alten Sarkophag in Ruhe lassen.»

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:

«Nein, es ist nicht nur der Krieg. Es ist mein Vater. Was

halten Sie übrigens von ihm?»

«Ich habe noch nicht viel Zeit gehabt, darüber

nachzudenken.»

«Weichen Sie nicht aus! Er ist ein Teufel – und meiner

Meinung nach auch etwas verrückt. Natürlich haßt er uns

alle – vielleicht mit Ausnahme von Emma -, und das nur

wegen des Testaments meines Großvaters.»

Lucy blickte ihn fragend an.

«Mein Großvater war ein richtiger Geschäftemacher.

Eines Tages entdeckte mein Vater, daß er für dergleichen zu

gut sei. Er bereiste Italien, den Balkan und Griechenland und

pfuschte dabei in der Kunst herum. Da schnappte mein

Großvater ein. Er stellte fest, sein Sohn sei kein Geschäftsmann

und verstehe auch herzlich wenig von Kunst (in

beiden Fällen hatte er recht), und hinterließ daher sein Geld

den Enkelkindern. Er übergab es einer Treuhandgesellschaft.

Vater sollte auf Lebenszeit die Zinsen bekommen, aber an

106

das Kapital kam er nicht heran. Wissen Sie, was er da tat! Er

hörte auf, Geld auszugeben. Er zog hierher und fing an zu

sparen. Meiner Meinung nach muß er mittlerweile ein

beinahe ebenso großes Vermögen angehäuft haben, wie

mein Großvater hinterlassen hat. Inzwischen haben wir alle,

Harold, ich selbst, Alfred und Emma, nicht einen Penny von

Großvaters Geld bekommen. Ich bin ein abgebrannter Maler.

Harold wurde Geschäftsmann und spielt jetzt in der City

eine Rolle. Er ist der einzige, der Talent fürs Geldmachen

hat; allerdings habe ich kürzlich allerlei Gerede gehört,

wonach er nicht mehr so fest im Sattel sitzt. Alfred

schließlich – ist das schwarze Schaf der Familie -»

«Wieso?»

«Er ist zwar noch nie im Gefängnis gewesen, aber er war

manchmal nahe daran. Während des Krieges war er im

Ministerium für Truppenversorgung, schied aber plötzlich

unter etwas undurchsichtigen Umständen aus. Dann machte

er dunkle Geschäfte mit Fruchtkonserven, und es gab einen

Skandal wegen einer Eiergeschichte.»

«Ist es nicht etwas unklug, einer Fremden das alles zu

erzählen?»

«Warum? Spionieren Sie für die Polizei?»

«Ich könnte es tun.»

«Das glaube ich nicht. Sie haben hier schon geschuftet,

als die Polizei sich noch gar nicht für uns interessierte. Ich

sollte meinen -»

Er brach ab, da er seine Schwester Emma kommen sah.

«Hallo, Ein! Macht dir etwas Sorgen?»

«Ja. Ich möchte mit dir sprechen, Cedric.»

«Ich muß jetzt ins Haus zurück», erklärte Lucy taktvoll.

«Bleiben Sie!» sagte Cedric. «Durch die Mordgeschichte

sind Sie zu einem Mitglied der Familie geworden.»

«Ich habe eine Menge zu tun», sagte Lucy.

Sie zog sich schnell zurück.

107

Cedrics Augen folgten ihr.

«Sie sieht gut aus», sagte er. «Wer ist sie eigentlich?»

«Oh, sie ist sehr bekannt>, antwortete Emma. «Sie hat

aus dieser Art von Beschäftigung eine Spezialität gemacht.

Aber lassen wir Lucy Eyelesbarrow! Ich bin sehr beunruhigt,

Cedric. Anscheinend vermutet die Polizei, die tote Frau sei

eine Ausländerin, vielleicht eine Französin. Cedric, hältst du

es für möglich, daß es – Martine ist?»

Cedric starrte sie einige Sekunden lang an, als verstünde

er sie nicht.«Martine? Aber wer – ach so, du meinst

Martine?»

«Ja, glaubst du -»

«Warum um alles in der Welt sollte es Martine sein?»

«Das Telegramm, das sie schickte, war doch recht merkwürdig,

wenn man darüber nachdenkt. Es muß ungefähr zur

selben Zeit gewesen sein… Glaubst du, sie ist bierhergekommen

und -»

«Unsinn! Warum sollte Martine hierhergekommen sein?

Und was soll sie im gesucht haben? Ich

finde diese Idee absurd.»

«Meinst du nicht, ich sollte es Inspektor Bacon oder dem

andern sagen?»

«Was sagen?»

«Über Martine. Wegen des Briefs.»

«Bring bloß die Dinge nicht noch mehr durcheinander,

Schwesterherz, und erzähl der Polizei nicht allerlei belangloses

Zeug, das mit der Sache gar nichts zu tun hat. Ich habe

übrigens nie recht an Martines Brief geglaubt.»

«Aber ich.»

«Du warst von jeher geneigt, immer unmögliche Dinge

zu glauben. Mein Rat ist: halt deinen Mund. Es ist Sache der

Polizei, die Leiche zu identifizieren. Ich wette, Harold würde

dasselbe sagen, wenn du ihn fragtest.»

108

«Natürlich würde Harold dasselbe sagen. Alfred auch.

Aber ich bin verwirrt, Cedric, ich mache mir wirklich

Gedanken, und ich weiß nicht, was ich tun soll.»

«Nichts», erwiderte Cedric sofort.

Emma Crackenthorpe seufzte. Sie kehrte langsam zum

Haus zurück. Man sah ihr an, daß etwas sie quälte. Als sie

das Haus beinahe erreicht hatte, kam Dr. Quimper heraus

und öffnete die Tür seines alten Austin. Als er sie sah,

machte er die Tür wieder zu und ging ihr entgegen.

«Das Befinden Ihres Vaters, Miss Emma, ist erstaunlich

gut», sagte er. «Mord scheint ihm zu bekommen. Er nimmt

jetzt doppelten Anteil am Leben. Ich muß diese Medizin

auch anderen unter meinen Patienten empfehlen.»

Emma lächelte mechanisch.

Dr. Quimper merkte sofort, daß etwas los war mit ihr.

«Quält Sie etwas?» fragte er.

Emma blickte zu ihm auf. Sie hatte sich daran gewöhnt,

seine Freundlichkeit und Sympathie als trostreich zu empfinden.

Er war ein Freund geworden, auf den man sich stützen

konnte, nicht nur ein ärztlicher Ratgeber. Seine Barschheit

täuschte sie nicht. Sie wußte, daß sich hinter der rauhen

Außenseite ein gutes Herz verbarg.

«ja, es quält mich etwas», räumte sie ein.

«Wollen Sie es mir nicht erzählen? Natürlich nur, wenn

Sie wollen.»

«Ich möchte es Ihnen gern erzählen. Zum Teil wissen Sie

es schon. Die Frage ist nur, was ich tun soll.»

«Mir scheint, Ihr Urteil war meistens recht sicher. Wo

liegt die Schwierigkeit?»

«Sie erinnern sich – oder vielleicht erinnern Sie sich nicht

-, daß ich Ihnen einmal etwas über meinen Bruder erzählt

habe – den Bruder, der im Krieg fiel.»

109

«Sie meinen, daß er sich verheiratet hatte – oder verheiraten

wollte. Handelte es sich nicht um ein französisches Mädchen?

»

«ja. Fast unmittelbar, nachdem ich seinen Brief erhalten

hatte, fiel er. Wir haben nie mehr etwas von dem Mädchen

oder über sie gehört. Alles, was wir von ihr wußten, war ihr

Vorname. Wir erwarteten immer, daß sie schreiben oder herkommen

würde. Aber sie tat es nicht. Kein Lebenszeichen

von ihr – bis vor etwa einem Monat, unmittelbar vor Weihnachten.

»

«Ich erinnere mich. Sie bekamen damals einen Brief,

nicht wahr?»

«Ja. Darin hieß es, sie sei in England und würde uns gern

besuchen. Wir richteten uns darauf ein, aber in letzter

Minute schickte sie ein Telegramm: Sie müsse

unerwarteterweise nach Frankreich zurück.»

«Und?»

«Die Polizei glaubt, die ermordete Frau sei eine

Französin.»

«So? Glaubt sie das? Ich hatte eher den Eindruck, sie

müsse eine Engländerin sein, aber man kann ja schlecht

urteilen. Was Sie beunruhigt, ist also die Möglichkeit, daß

die tote Frau die Verlobte Ihres Bruders sein könnte?»

«Ja.»

«Ich halte das zwar für äußerst unwahrscheinlich», erwiderte

Dr. Quimper, «aber trotzdem kann ich Ihre Skrupel gut

verstehen.»

«Ich frage mich, ob ich nicht der Polizei alles erzählen

sollte. Cedric und die andern halten es für ganz überflüssig.

Wie denken Sie darüber?»

«Hm.»

Dr. Quimper schürzte die Lippen. Er schwieg eine Weile

und dachte angestrengt nach. Schließlich sagte er zögernd:

110

«Es ist natürlich viel einfacher, wenn Sie nichts sagen.

Ich kann Ihre Brüder verstehen. Dennoch -»

Quimper blickte sie an – fast liebevoll.

«Ich würde mir ein Herz fassen und es ihnen erzählen»,

sagte er. «Tun Sie es nicht, dann werden Sie Ihre Unruhe

nicht los. Ich kenne Sie.»

Emma errötete leicht.

«Vielleicht bin ich töricht.»

«Tun Sie, was Sie für richtig halten, meine Liebe. Ich

halte mehr von Ihrer Urteilsfähigkeit als von der irgendeines

andern der ganzen Familie.»

111

12

«He! Kommen Sie doch mal rein!»

Lucy wandte überrascht den Kopf.

Der alte Mr. Crackenthorpe blickte durch den Spalt einer

Tür und winkte ihr heftig.

«Wünschen Sie etwas, Mr. Crackenthorpe?»

«Reden Sie nicht soviel! Kommen Sie rein!»

Lucy gehorchte.

Der Alte packte sie am Arm, zog sie ins Zimmer und

schloß hinter ihr die Tür.

«Ich möchte Ihnen was zeigen», sagte er.

Lucy blickte sich um. Sie befand sich in einem kleinen

Zimmer, das offensichtlich als Arbeitszimmer dienen sollte,

aber ebenso offensichtlich schon seit sehr langer Zeit nicht

mehr diesem Zweck gedient hatte. Auf dem Schreibtisch

befanden sich ganze Stöße von verstaubten Papieren, und

Spinnweben hingen in Girlanden von der Decke herunter

und in den Ecken. Die Luft roch modrig.

«Wollen Sie, daß ich dieses Zimmer säubere?» fragte sie.

Der alte Mr. Crackenthorpe schüttelte energisch den

Kopf.

«Nein, ganz und gar nicht! Ich halte dieses Zimmer verschlossen.

Emma möchte hier gern herumfuhrwerken, aber

ich erlaube es ihr nicht. Es ist mein Zimmer. Sehen Sie diese

Steine? Es sind geologische Gesteinsproben.»

Lucy blickte auf eine Sammlu ng von zwölf bis vierzehn

Felsbrocken, zum Teil mit glatter Oberfläche, zum Teil rauh.

«Hübsch», sagte sie freundlich. «Sehr interessant.»

112

«Sie haben ganz recht. Sie sind interessant. Ein

gescheites Mädchen! Ich zeige diese Steine nicht jedermann.

Aber ich werde Ihnen gleich noch mehr zeigen.»

«Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich muß jetzt

eigentlich wieder an die Arbeit gehen. Es sind sechs Menschen

im Haus -»

«Und die bringen mich mit ihrer Gefräßigkeit um Haus

und Heim. Immer wollen sie essen! Weiter tun sie nichts,

wenn sie hier sind. Und sie denken nicht daran, für das

Essen zu bezahlen. Die reinen Blutsauger sind das. Sie

warten alle bloß darauf, daß ich sterbe – aber ich bin zäher,

als selbst Emma weiß!»

«Sicher sind Sie das.»

«Ich bin auch gar nicht so alt. Emma tut so, als sei ich ein

alter Mann, und sie behandelt mich entsprechend. Finden Sie

auch, ich sei alt?»

«Natürlich nicht>, sagte Lucy.

«Ein vernünftiges Mädchen! Sehen Sie sich das mal an!»

Er zeigte auf eine große verblichene Karte, die an der

Wand hing. Bei näherer Betrachtung sah Lucy, daß es ein

Stammbaum war. Manche Namen waren so fein

geschrieben, daß man sie nur mit Hilfe eines

Vergrößerungsglases hätte entzif fern können. Die Namen

der entfernten Vorfahren aber waren deutlich zu lesen, und

über ihren Namen waren Kronen angebracht.

«Stammen von Königen ab», sagte Mr. Crackenthorpe.

«Es ist der Stammbaum meiner Mutter – nicht der meines

Vaters. Er war ein Plebejer, ein ordinärer alter Mann! Er

mochte mich nicht, weil ich ihm immer überlegen war. Ich

hatte ein ange borenes Gefühl für Kunst, während er, der

dumme alte Narr, nichts daran finden konnte. Ich erinnere

mich nicht an meine Mutter. Sie starb, als ich zwei Jahre alt

war, als Letzte ihrer Familie. Ihr Besitz wurde gepfändet,

und sie heiratete meinen Vater. Aber sehen Sie hier: Eduard

113

der Bekenner – Ethelred der Unberatene – und viele andere

aus der Zeit, bevor die Normannen kamen. Vor den

Normannen – das ist etwas, nicht wahr?»

«Ja, das ist etwas.»

«Jetzt werde ich Ihnen noch etwas anderes zeigen.» Er

führte sie durch das Zimmer, und Lucy fühlte zu ihrem

Unbehagen, wie stark seine Finger waren, die ihren Arm

umspannten. Wirklich, an dem alten Mr. Crackenthorpe war

keine Schwäche zu entdecken. Vor einem alten dunklen Eichenmöbel

blieb er stehen.

«Sehen Sie das? Stammt aus Lushington, dem

Familiensitz meiner Mutter. Möchten Sie sehen, was ich

darin aufbewahre?»

«Zeigen Sie es mir», sagte Lucy.

«Neugierig? Alle Frauen sind neugierig. »

Er nahm einen Schlüssel aus der Tasche und schloß die

Tür des unteren Teils auf. Er nahm eine überraschend neu

aussehende Kassette heraus. Auch diese schloß er auf.

«Sehen Sie sich das einmal an.»

Er hob eine kleine, in Papier gewickelte Rolle hoch und

schob das Papier an dem einen Ende beiseite. Da rollten

Goldmünzen in seine hohle Hand.

«Sehen Sie sich das einmal an, junge Frau! Sehen Sie

sich die Münzen an! Nehmen Sie sie in die Hand. Befühlen

Sie sie. Wissen Sie, was das ist? Möchte wetten, Sie wissen

es nicht. Sie sind zu jung. Sovereigns sind das. Gute,

goldene Sovereigns. Sie wurden als Zahlungsmittel benutzt,

bevor alle diese dreckigen Scheine Mode wurden. Sind eine

Menge mehr wert, als die lächerlichen Papierdinger. Habe

sie vor langer Zeit gesammelt. Ich habe in dieser Kassette

noch eine Menge anderer Dinge. Emma weiß nichts davon.

Niemand weiß es. Es ist unser Geheimnis! Verstehen Sie,

114

Mädchen? Wissen Sie auch, warum ich Ihnen davon erzähle

und warum ich Ihnen das alles zeige?»

«Warum?»

«Weil Sie nicht glauben sollen, ich sei ein erle digter,

kranker alter Mann. Meine Frau war ein harmloses,

unbegabtes Geschöpf. Sie aber sind nicht unbegabt. Sie sind

ein nettes junges Ding. Ich gebe Ihnen einen Rat: Werfen Sie

sich nicht an einen jungen Mann weg! Junge Männer sind

Narren. Denken Sie an Ihre Zukunft. Warten Sie ab . . .»

Seine Finger gruben sich in Lucys Arm. Er näherte seinen

Mund ihrem Ohr. «Mehr sage ich nicht. Warten Sie ab! Die

Dummköpfe glauben, ich würde bald sterben, aber sie

täuschen sich. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich sie

alle miteinander überlebte. Dann werden wir sehen! Harold

hat keine Kinder. Cedric und Alfred sind nicht verheiratet.

Emma – wird nicht mehr heiraten. Sie hat ein Auge auf

Quimper geworfen, aber Quimper wird nie daran denken,

Emma zu heiraten. Dann ist da noch Alexander. Ja,

Alexander… Aber wissen Sie, ich habe Alexander gern. Es

ist komisch, aber ich mag ihn gut leiden.»

Er schwieg einen Augenblick und runzelte die Stirn.

Schließlich sagte er:

«Nun, Mädchen, wie ist es? Wie denken Sie darüber?»

«Miss Eyelesbarrow…»

Emmas Stimme drang gedämpft durch die geschlossene

Tür.

Lucy ergriff dankbar die Gelegenheit.

«Miss Crackenthorpe ruft mich. Ich muß gehen. Vielen

Dank, daß Sie mir das alles gezeigt haben. . .»

«Vergessen Sie nicht… unser Geheimnis-»

«Ich werde es nicht vergessen», erwiderte Lucy. Sie eilte

aus dem Zimmer und fragte sich, ob sie soeben einen

bedingten Heiratsantrag erhalten habe…

115

Dermot Craddock saß in seinem Arbeitszimmer am

Schreib tisch. Er saß etwas seitwärts geneigt und sprach ins

Telefon, während er den Ellbogen auf den Tisch stützte. Er

sprach französisch – eine Sprache, die er recht gut

beherrschte.

«Es war nur so ein Gedanke, verstehen Sie.»

«Gewiß», kam die Antwort von Paris. «Ich habe in den

entsprechenden Kreisen schon Nachforschaungen anstellen

lassen. Wie ich höre, sind sie nicht ganz ergebnislos verlaufen.

Es heißt, Frauen dieser Art verschwänden sehr leicht,

wenn sie nicht eine Familie oder einen festen Freund besäßen.

Sie gehen auf eine Tournee, oder es taucht ein neuer

Liebhaber auf, und niemand stellt Nachforschungen an,

wenn sie plötzlich nicht mehr da sind. Es ist schade, daß

man die Frau nach der Fotografie, die sie mir geschickt

haben, schwer wiedererkennen kann. Die Strangulierung

verändert das Aussehen natürlich sehr. Ich werde die letzten

Berichte meiner Leute studieren. Vielleicht findet sich da

etwas. Au revoir, mon cher. »

Während Craddock sich höflich von seinem Kollegen in

Paris verabschiedete, wurde ihm ein Papier auf den Schreibtisch

gelegt. Er las:

«Miss Emma Crackenthorpe möchte Inspektor Craddock

sprechen, in Sachen Rutherford Hall.«

Er legte den Hörer auf die Gabel und sagte zu dem Beamten:

«Führen Sie Miss Crackenthorpe herauf.»

Offenbar hatte er sich also nicht getäuscht. Emma

Crackenthorpe wußte etwas. Vielleicht nicht viel, aber doch

etwas, und sie hatte sich entschlossen, es ihm zu sagen.

Als sie eintrat, stand er auf, reichte ihr die Hand und bat

sie, Platz zu nehmen.

«Sie sind gekommen, um mir etwas zu erzählen, Miss

Crackenthorpe, nicht wahr? Sie sind beunruhigt. Stimmt es?

116

Vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit, und Sie denken, sie

habe wahrscheinlich mit der Sache nichts zu tun, sind aber

doch der Meinung, es sei besser, Sie sprächen darüber.

Deshalb sind Sie gekommen. Habe ich nicht recht? Ich

vermute, es hat mit der Identität der toten Frau zu tun. Sie

glauben zu wissen, wer sie ist. Stimmt das?»

«Nein, nein, nicht ganz. Ich halte es für höchst unwahrscheinlich.

Aber -»

«Aber es besteht doch eine Möglichkeit, und das beunruhigt

sie. Es wird das beste sein, sie erzählen mir alles, vielleicht

können wir Ihnen dann Ihre Unruhe nehmen.»

Emma zögerte einen Augenblick. Dann sagte sie:

«Sie haben drei von meinen Brüdern kennengelernt. Ich

hatte noch einen vierten Bruder, Edmund, der im Krieg

gefallen ist. Kurz bevor er fiel, schrieb er mir aus

Frankreich.»

Sie öffnete ihre Handtasche und nahm einen verblaßten

und zerknitterten Brief heraus. Sie las daraus vor:

Ich hoffe, Du wirst keinen Schreck bekommen, Emmie,

aber ich muß Dir sagen, daß ich heiraten werde. Eine

Französin. Es kam alles ganz plötzlich, aber ich weiß, Du

wirst Martine gern haben und Dich ihrer annehmen,

wenn mir etwas zustoßen sollte. In meinem nächsten Brief

werde ich Dir Genaueres berichten. Dann werde ich

verheiratet sein. Bring es dem alten Mann vorsichtig bei,

ja? Er wird sich wahrscheinlich fürchterlich aufregen.

Inspektor Craddock streckte seine Hand aus. Emma legte

zögernd den Brief hinein. Sie fuhr schnell fort:

«Zwei Tage nach Eintreffen dieses Briefes erhielten wir

ein Telegramm, in dem es hieß, Edmund sei vermißt, wahrscheinlich

gefallen. Später wurde endgültig bestätigt, daß er

gefallen war – unmittelbar vor Dünkirchen, zu einer Zeit

117

also, da große Verwirrung herrschte. Es findet sich in

keinem militärischen Aktenstück ein Hinweis, aus dem sich

ersehen ließe, daß er geheiratet hatte. Ich habe nie etwas von

dem Mädchen gehört. Nach Kriegsende versuchte ich

Nachforschungen anzustellen, aber da ich nur ihren

Vornamen kannte, kam man mit den Ermittlungen nicht sehr

weit. Schließlich nahm ich an, die Heirat habe niemals

stattgefunden oder das Mädchen sei auch gestorben. »

Inspektor Craddock nickte.

Emma fuhr fort:

«Stellen Sie sich daher meine Überraschung vor, als ich

vor einem Monat einen Brief erhielt, der von einer Martine

Crackenthorpe unterzeichnet war.»

«Haben Sie diesen Brief?»

Emma nahm den Brief aus ihrer Handtasche und reichte

ihn dem Inspektor, der ihn mit Interesse las. Die Handschrift

war offenbar die einer gebildeten Frau.

Mademoiselle!

Ich hoffe, Sie werden nicht erschrecken, wenn Sie

diesen Brief lesen. Ich weiß nicht einmal, ob Ihr Bruder

Edmund Ihnen mitgeteilt hat, daß wir geheiratet haben.

Er sagte, er wolle es tun. Nur wenige Tage nach unserer

Heirat fiel er, und zur selben Zeit besetzten die

Deutschen unser Dorf. Nach Kriegsende beschloß ich,

nicht an Sie zu schreiben oder an Sie heranzutreten,

obwohl Edmund mir gesagt hatte, ich solle es tun. Aber

ich hatte inzwischen ein neues Leben begonnen, und ich

bedurfte Ihrer Hilfe nicht. Jetzt aber haben die Dinge

sich geändert. Um meines Sohnes willen schreibe ich

diesen Brief. Er ist ja auch der Sohn Ihres Bruders, und

ich kann ihm nicht länger das Leben bieten, auf das er

Anspruch hat. Anfang nächster Woche komme ich nach

England. Wollen Sie mich wissen lassen, ob ich Sie

118

besuchen darf? Meine Adresse für Briefe lautet: 126

Elvers Crescent, N.10.

Ich verbleibe mit der Versicherung meiner größten

Hochachtung

Martine Crackenthorpe

Craddock schwieg einige Augenblicke. Er las den Brief

sorgfältig noch einmal und faltete ihn wieder zusammen,

bevor er ihn zurückreichte.

«Was taten Sie, nachdem Sie diesen Brief erhalten hatten,

Miss Crackenthorpe?>

«Mein Schwager Bryan Eastley war zu der Zeit zufällig

bei uns. Ich sprach mit ihm über den Brief. Dann rief ich

meinen Bruder Harold in London an und fragte ihn nach

seiner Meinung. Harold war sehr skeptisch und riet zu

äußerster Vorsicht. Er meinte, wir müßten sehr genau

prüfen, ob die Briefschreiberin wirklich mit unserem Bruder

verheiratet gewesen sei.»

Emma machte eine kurze Pause und fuhr dann fort:

«Das war natürlich durchaus vernünftig, und ich stimmte

ihm bei. Wenn dieses Mädchen – oder vielmehr diese Frau

-wirklich jene Martine war, von der Edmund mir

geschrieben hatte, dann mußten wir sie freundlich

aufnehmen. Ich schrieb ihr daher an die angegebene Adresse

und lud sie ein, nach Rutherford Hall zu kommen. Ein paar

Tage später erhielt ich ein Telegramm aus London. Dann kam kein Brief mehr, und

wir hörten auch nichts weiter von ihr.»

«Und wann geschah das alles?»

«Es war kurz vor Weihnachten. Ich hatte ihr eigentlich

vorschlagen wollen, das Fest bei uns zu verbringen. Da mein

Vater aber nichts davon wissen wollte, sollte sie am

119

Wochenende nach Weihnachten kommen, solange die

Familie noch beisammen war. »

«Und Sie sind sich wirklich sicher, daß die Frau, deren

Leiche in dem Sarkophag gefunden wurde, diese Martine

ist?»

«Als Sie sagten, es sei wahrscheinlich eine Ausländerin,

da wurde ich doch etwas unruhig. Wenn sie am Ende . . .»

Die Stimme versagte ihr.

«Sie haben recht getan, daß Sie zu mir kamen und es mir

erzählten. Wir werden Nachforschungen anstellen. Ich bin

überzeugt, die Frau, die Ihnen schrieb, kehrte wirklich nach

Frankreich zurück, lebt, und alles ist in Ordnung. Andererseits

machen die Daten einen etwas stutzig, wie Sie selber ja

bereits erkannt haben. Wie Sie bei der Leichenschau hörten,

muß, laut Befund des Polizeiarztes, der Tod der im

Sarkophag gefundenen Frau vor drei bis vier Wochen erfolgt

sein. Aber machen Sie sich keine Gedanken, Miss

Crackenthorpe. Überlassen Sie die Sache uns.» Er fügte

beiläufig hinzu: «Sie haben sich mit Mr. Harold besprochen;

nicht auch mit Ihrem Vater und Ihren andern Brüdern?»

«Natürlich mußte ich es meinem Vater erzählen. Er regte

sich fürchterlich auf.» Sie lächelte schwach. «Er war

überzeugt, es handle sich um einen aufgelegten Schwindel,

durch den man Geld aus uns herauspressen wolle. Wenn es

um Geld geht, regt mein Vater sich immer auf. Er glaubt –

oder tut so, als ob er es glaube -, daß er ein bettelarmer

Mann sei. In Wirklichkeit hat er ein sehr großes

Einkommen, und er gibt kaum ein Viertel davon aus. Sicher

hat er ansehnliche Ersparnisse beiseite gebracht.» Sie

überlegte einen Augenblick und fuhr dann fort: «Ich habe es

auch meinen beiden anderen Brüdern erzählt. Alfred schien

es als einen Scherz aufzufassen, aber er meinte, es sei so gut

wie sicher ein Betrugsmanöver. Cedric interessierte sich

nicht weiter für die Sache, er ist eigentlich nur an sich selber

120

interessiert. Wir beschlossen, Martine zu empfangen, und

unser Rechtsberater, Mr. Wimborne, sollte gebeten werden,

bei dem Zusammentreffen dabeizusein.»

«Wie dachte Mr. Wimborne über das Ganze?»

«Wir wollten gerade mit ihm sprechen, als Martines

Telegramm eintraf.»

«Und Sie haben keine weiteren Schritte unternommen?»

«Doch. Ich schrieb an die Londoner Adresse und

vermerkte auf dem Umschlag: Aber ich

bekam keinerlei Antwort.»

«Eine merkwürdige Sache… Hm . . . »

Er blickte sie durchdringend an.

«Wie denken Sie selber darüber?»

«Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.»

«Und wie nahmen Sie die Sache damals? Glaubten Sie,

der Brief sei echt? Oder waren Sie derselben Meinung wie

Ihr Vater und Ihre Brüder? Wie äußerte sich übrigens Ihr

Schwager? Was dachte er?»

«Bryan hielt den Brief für echt.»

«Und Sie selber?»

«Ich war meiner Sache nicht ganz sicher.»

«Und wie waren Ihre Gefühle? Angenommen nun, diese

Frau war wirklich die Witwe Ihres Bruders Edmund?»

Emmas Gesichtszüge entspannten sich.

«Ich habe sehr an Edmund gehangen. Er war mein

Lieblingsbruder. Mir schien, genau so einen Brief würde ein

Mädchen wie Martine unter den gegebenen Umständen

schreiben. Es klang alles ganz natürlich. Ich nahm an, bei

Kriegsende habe sie entweder wieder geheiratet oder sie lebe

mit einem Mann zusammen, der für sie und das Kind sorgte.

Dann war dieser Mann vielleicht gestorben, oder er hatte sie

verlassen. Da hielt sie es für richtig, sich an Edmunds

Familie zu wenden – wie er selber es gewünscht hatte. Mir

erschien der Brief echt und natürlich, aber Harold machte

121

mich darauf aufmerksam, daß der Brief auch von einer Frau

stammen könnte, die Martine gut gekannt hatte und

infolgedessen imstande war, einen durchaus echt klingenden

Brief zu schreiben. Ich mußte ihm da recht geben… aber

trotz allem . . .»

Sie verstummte.

«Sie wünschten, daß er echt ist, nicht wahr?» fragte

Craddock freundlich.

Sie blickte ihn dankbar an.

«Ja. Ich hätte mich so gefreut, wenn Edmund einen Sohn

hinterlassen hätte.»

Craddock nickte.

«Wie Sie sagen, macht der Brief bei oberflächlicher

Betrachtung den Eindruck, als sei er echt. Überraschend aber

ist, was dann folgte: Martines plötzliche Rückkehr nach

Paris und die Tatsache, daß Sie seitdem nie mehr von ihr

hörten. Sie hatten ihr freundlich geantwortet und waren

bereit, sie willkommen zu heißen. Warum hat sie dann,

selbst wenn sie nach Frankreich zurückkehren mußte, nicht

mehr geschrieben? Das verblüfft, sobald man annimmt, daß

ihre Behauptung, Edmund habe sie geheiratet, stimmt. War

sie hingegen eine Betrügerin, dann ist ihr Verhalten natürlich

leichter zu erklären. Ich dachte, vielleicht hätten Sie Mr.

Wienborne um Rat gefragt, und er habe daraufhin

Nachforschungen angestellt und die Frau erschreckt. Sie

sagen, dem sei nicht so. Es ist aber immer noch möglich, daß

einer Ihrer Brüder etwas dergleichen getan hat. Vielleicht

hatte diese Martine ein dunkles Vorleben, das bei

Nachforschungen ans Tageslicht gekommen wäre. Sie mag

angenommen haben, sie habe es nur mit Edmunds

gefühlvoller Schwester zu tun, nicht mit argwöhnischen Geschäftsleuten.

Vielleicht hoffte sie, von Ihnen für das Kind

Geld zu bekommen, ohne daß viele Fragen gestellt würden.

Statt dessen machte sie die Entdeckung, daß sie mit ganz

122

anderen Schwierigkeiten zu rechnen hatte. Schließlich hätten

sich gravierende Folgen gesetzlicher Art ergeben. Hatte Edmund

Crackenthorpe einen ehelichen Sohn hinterlassen,

wäre dieser doch einer der Erben des Vermögens Ihres

Großvaters.»

Emma nickte.

«Außerdem würde er, wenn ich recht unterrichtet bin, zu

gegebener Zeit Rutherford Hall und den Grund und Boden,

der als Bauland hohen Wert besitzt, ebenfalls erben.»

Emma schien leicht erschrocken.

«Ja. Daran habe ich noch gar nicht gedacht.»

«Nun, ich würde mir weiter keine Gedanken machen»,

sagte Inspektor Craddock. «Es ist gut, daß Sie zu mir

gekommen sind. Ich werde Nachforschungen anstellen

lassen, aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß

zwischen der Frau, die den Brief schrieb – vielleicht in

betrügerischer Absicht -, und der Frau, die als Leiche im

Sarkophag gefunden wurde, keinerlei Zusammenhang

besteht.»

Emma stand mit einem Seufzer der Erleichterung auf.

«Ich bin froh, daß ich es Ihnen erzählt habe.»

Craddock begleitete sie zur Tür.

Dann ließ er Sergeant Wetherall kommen.

«Bob, ich habe Arbeit für Sie. Gehen Sie zu 126 Elvers

Crescent, Nr. zo. Nehmen Sie Fotografien von der Frau mit,

die im Sarkophag gefunden wurde. Sehen Sie zu, was Sie

über eine Frau erfahren können, die sich Mrs. Martine

Crackenthorpe nennt und die dort entweder gewohnt oder in

der Zeit vom 15. Dezember bis Ende des Monats ihre Briefe

abgeholt hat.»

«Jawohl, Sir.»

Craddock wandte sich verschiedenen Papieren zu, die auf

seinem Schreibtisch lagen. Am Nachmittag besuchte er

einen Freund, der eine Theateragentur hatte. Seine

123

Nachforschungen verliefen ergebnislos. Als er in sein Büro

zurückkehrte, fand er ein Telegramm aus Paris auf seinem

Schreibtisch vor:

Ihre Beschreibung könnte auf Anna Strawinska vom

Ballett Maritski passen. Schlage vor, Sie kommen her.

Dessin,

Prefecture.

Craddock atmete auf, und seine Stirn glättete sich.

Er beschloß, die Nachtfähre nach Paris zu nehmen.

124

13

«Es ist sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mich zum Tee

eingeladen haben», sagte Miss Marple zu Emma Crackenthorpe.

Miss Marple war die typische reizende alte Dame. Sie

strahlte über das ganze Gesicht, während sie sich umblickte.

Sie betrachtete lächelnd Harold Crackenthorpe in seinem

tadellos dunklen Anzug, nickte mit einem bezaubernden

Lächeln Alfred zu, als er ihr die belegten Brote anbot, und

ließ ihren Blick beifällig auf Cedric ruhen, der mit finsterer

Miene in seiner schäbigen Jacke am Kamin stand.

«Wir freuen uns sehr, daß Sie kommen konnten», meinte

Emma höflich.

Nichts erinnerte an die Szene, die sich nach dem Lunch

abgespielt hatte, als Emma plötzlich sagte: «Ach, du meine

Güte! Ich habe ja Miss Eyelesbarrow erlaubt, ihre alte Tante

heute zum Tee mitzubringen.»

«Schieb sie ab!» hatte Harold grob gesagt. «Wir haben

noch eine Menge zu besprechen. Wir können hier keine

Fremden gebrauchen.»

«Laß sie nur kommen!» meinte Cedric. «Wir können sie

etwas über das Wundermädchen Lucy ausholen. Offen gestanden,

würde ich gern etwas mehr über diese Eyelesbarrow

wissen. Ich traue ihr nicht recht. Sie ist viel zu schlau.»

«Sie hat sehr gute Beziehungen», widersprach Harold.

«Ich habe Erkundigungen über sie eingezogen. Man muß

doch wissen, woran man mit ihr ist, wo sie doch hier herumstöberte

und die Leiche fand. Irgendwie merkwürdig.»

«Wenn wir nur wüßten, wer diese verflixte Frau war»,

sagte Alfred.

125

«Ich muß schon sagen, Emma, du wußtest offenbar nicht,

was du tatest, als du zur Polizei gingst und ihr einredetest,

die tote Frau sei vielleicht Edmunds französische Freundin

gewesen. Die werden nun wahrscheinlich überzeugt sein,

daß einer von uns sie umgebracht habe.»

«Harold hat ganz recht», erklärte Alfred. «Ich weiß wirklich

nicht, was dir da in den Sinn gekommen ist. Seither

habe ich das Gefühl, daß ich überall von Kriminalbeamten

Überwacht werde.»

«Ich sagte, sie solle nicht zur Polizei gehen», versicherte

Cedric. «Aber Quimper hat sie aufgehetzt.»

«Das geht ihn gar nichts an», rief Harold zornig. «Der

soll bei seinen Pillen und Pulvern bleiben.»

«Hört doch auf, euch zu zanken!» sagte Emma müde.

«Ich freue mich wirklich, daß die alte Miss Sowieso zum

Tee kommt. Es wird uns allen guttun, eine Fremde hier bei

uns zu haben, denn dann können wir nicht immer wieder

dieselben Dinge erörtern. Ich muß jetzt gehen und mich

etwas zurechtmachen.»

Sie verließ das Zimmer.

«Diese Lucy Eyelesbarrow», begann Harold und brach

dann ab, fuhr aber gleich darauf fort: «Was mag sie

veranlaßt haben, in dem Schuppen herumzustöbem und

einen Sarkophag zu öffnen? Eine Arbeit übrigens, die eines

Herkules würdig gewesen wäre. Vielleicht sollten wir

Schritte unternehmen. Ich fand, ihr Benehmen beim Lunch

war ziemlich feindselig -»

«Überlaßt sie mir», unterbrach Alfred ihn. «Ich werde

bald herausbekommen, was mit ihr los ist.»

«Vielleicht ist sie in Wirklichkeit gar nicht die Lucy

Eyelesbarrow», meinte Cedric.

«Aber was für einen Zweck könnte sie verfolgen?»

Harold schien ganz außer Fassung zu sein. «Verflucht noch

mal!»

126

Sie blickten einander mit bekümmerten Gesichtern an.

«Und nun kommt auch noch diese alte Frau zum Tee!

Gerade jetzt, wo wir soviel zu besprechen haben!»

«Wir werden uns heute abend unterhalten», schlug Alfred

vor. «Inzwischen werden wir die alte Tante über Lucy aushorchen.

»

Miss Marple war also verabredetermaßen von Lucy

geholt worden, saß nun am Kamin und lächelte wohlwollend

Alfred an, als er ihr die belegten Brote reichte.

«Oh, vielen, vielen Dank! Dürfte ich wohl . . .? Oh, Ei

und Sardinen! Ich fürchte, ich bin immer etwas gierig beim

Tee. Wenn man älter wird, wissen Sie… Aber abends

natürlich nur ein sehr leichtes Essen . . .» Sie wandte sich

wieder an die Gastgeberin. «Was für ein schönes Haus Sie

haben! Und so viele schöne Dinge darin! Diese Bronzen da

zum Beispiel. Die erinnern mich an Bronzen, die mein Vater

auf der Pariser Weltausstellung kaufte. – Und wie nett ist es,

daß Sie Ihre Brüder um sich haben! Nur zu oft leben die

einzelnen Mitglie der einer Familie weit zerstreut.»

«Zwei meiner Brüder wohnen in London.»

«Das ist doch sehr schön für Sie.»

«Mein Bruder Cedric ist Maler. Er lebt auf Ibiza.»

«Die Maler lieben die Inseln», erklärte Miss Marple. «Ist

es nicht so? Zum Beispiel Gauguin. ..»

«Erzählen Sie uns etwas von Lucy, wie sie als Kind war,

Miss Marple», unterbrach Cedric sie.

Sie strahlte ihn an.

«Lucy war immer so klug», sagte sie. «ja, das warst du,

meine Liebe – unterbrich mich nicht. Bemerkenswert begabt

für Arithmetik. Sie konnte glänzend rechnen. Ich erinnere

mich noch, als der Schlachter mir für das Fleisch zuviel

abverlangt hatte . . .»

127

Miss Marple schwelgte in Erinnerungen an Lucys

Kindheit und ging dann zu Erfahrungen über, die sie in

ihrem eigenen Dorfleben gemacht hatte.

Ihr Redefluß wurde unterbrochen, als Bryan eintrat.

Mit ihm kamen die beiden Jungen, die auf ihrer Jagd

nach Indizien ziemlich maß und schmutzig geworden waren.

Gleich darauf folgte Dr. Quimper, der, als er mit der alten

Dame bekannt gemacht wurde, etwas verwundert schien.

«Ich hoffe, Ihr Vater leidet nicht unter dem Wetter, Miss

Emma?»

«O nein – das heißt, er fühlte sich heute nachmittag etwas

müde -»

«Er sieht Besucher nicht gern, vermute ich», ließ Miss

Marple sich vernehmen.

«Er nimmt seinen Tee immer im Arbeitszimmer, wenn

seine lieben Söhne kommen», erklärte Cedric. «Psychologisch

kann das ja nicht überraschen. Nicht wahr, Dr. Quimper?

»

Dr. Quimper, der mit der Miene eines Mannes, dem für

gewöhnlich wenig Zeit zum Essen bleibt, herzhaft zulangte,

entgegnete:

«Psychologie ist schon recht, wenn man sie den

Psychologen überläßt. Schlimm ist nur, daß heutzutage

jedermann den Amateurpsychologen spielt. Meine Patienten

berichten mir ganz genau, an welchen Komplexen und

Neurosen sie leiden, und nehmen mir so jede Möglichkeit, es

ihnen selbst zu sagen. Danke, Miss Emma, ich trinke gern

noch eine Tasse. Hatte heute noch keine Zeit zu essen.»

«Ich stelle mir das Leben eines Arztes sehr edel und

entsagungsvoll vor», bemerkte Miss Marple.

«Dann kennen Sie wohl nicht viele Ärzte», erwiderte Dr.

Quimper. «Blutsauger werden sie genannt, und oft sind sie

es auch. Nun, heutzutage bekommen wir wenigstens unser

Honorar. Dafür sorgt der Staat. Wir brauchen keine Rech-

128

nungen mehr auszustellen, von denen wir wissen, daß sie nie

beglichen werden. Unerfreulich ist nur, daß alle Patienten

entschlossen scheinen, soviel wie möglich aus der Regierung

, und die Folge ist, daß für jeden unbedeutenden

Husten und jede leichte Verdauungsstörung der Arzt

mitten in der Nacht aus den Federn muß. Nun, da ist nichts

zu machen. – Ausgezeichneter Kuchen, Miss Emma. Sie

verstehen es, zu backen.»

«Miss Eyelesbarrow hat ihn gebacken, nicht ich.»

«Sie backen ebenso gut», erwiderte Quimper höflich.

«Wollen Sie mit mir zu Vater gehen und nach ihm

sehen?»

Sie stand auf, und der Doktor folgte ihr. Miss Marple

blickte ihnen nach, als sie zusammen das Zimmer verließen.

«Miss Crackenthorpe ist eine sehr liebevolle Tochter, wie

ich sehe», bemerkte sie.

«Ich wundere mich selber, daß sie es bei dem alten Mann

aushält>, erwiderte Cedric.

«Sie hat hier ein angenehmes Heim, und Vater hängt sehr

an ihr», warf Harold schnell ein.

«Emma ist schon recht», meinte Cedric. «Sie ist zur alten

Jungfer geboren.»

Miss Marple blinzelte leicht, während sie sagte:

«Wirklich? Glauben Sie das? Ich bin nicht überzeugt, daß

Miss Crackenthorpe eine alte Jungfer wird. Sie gehört zu

jenen Frauen, die spät im Leben heiraten und gute Ehefrauen

werden.»

«Das ist nicht sehr wahrscheinlich, solange sie hier in

Rutherford Hall lebt», wandte Cedric ein. «Sie sieht

niemanden, den sie heiraten könnte.»

Miss Marples Blinzeln wurde noch deutlicher als zuvor.

«Es gibt überall Geistliche – und Ärzte.»

Ihre etwas mutwilligen Augen wanderten vom einen zum

andern.

129

Es war klar, daß sie einen Gedanken ausgesprochen hatte,

auf den die Brüder noch nie gekommen waren, und der

ihnen wenig gefiel.

Miss Marple stand auf.

«Es war sehr nett, daß Sie mich eingeladen haben. Ich

habe nun eine Vorstellung von Ihrem Haus und der

Umgebung gewonnen, in der Lucy lebt.»

«Ein gemütliches Heim – und ein Mord als Zugabe»,

sagte Cedric.

«Cedric!» rief Harold zornig.

Miss Marple lächelte Cedric zu.

«Wissen Sie, an wen Sie mich erinnern? An den jungen

Thomas Eade, den Sohn unseres Bankdirektors. Er nutzt

jede Gelegenheit, um die Leute zu schockieren, und er

verstand es immer besser, Geld auszugeben, als welches zu

verdie nen.»

Lucy brachte Miss Marple nach Hause. Auf dem

Rückweg trat plötzlich eine Gestalt aus der Dunkelheit und

erschien im Licht der Scheinwerfer, als sie gerade im Begriff

war, in den Heckenweg einzubiegen. Lucy erkannte Alfred

Crackenthorpe, der die Hand hob, um sie zum Halten zu

veranlassen.

«Fein!» sagte er, als er einstieg. «Brrr, ist das kalt! Ich

wollte eigentlich einen kleinen Spaziergang machen, so ungemütlich

hatte ich’s mir nicht vorgestellt. Ist die alte Dame

heil zu Hause angekommen?»

«ja. Es hat ihr hier gut gefallen.»

«Man merkte es ihr an. Komisch, diese alten Damen. Etwas

Langweiligeres als Rutherford Hall kann es gar nicht

geben. Länger als zwei Tage halte ich es hier nicht aus. Wie

mögen Sie bloß immer noch hierbleiben, Miss Lucy? Sie

nehmen es mir doch nicht übel, wenn ich Sie Lucy nenne?»

130

«Durchaus nicht. Ich finde es in Rutherford Hall nicht

langweilig. Natürlich ist es bei mir etwas anderes, weil ich ja

nicht dauernd hier lebe.»

«Ich habe Sie beobachtet, Miss Lucy. Sie sind ein

tüchtiges Mädchen. Zu tüchtig, um Ihre Zeit mit Kochen und

Reinemachen zu vergeuden.»

«Ich danke Ihnen, aber Kochen und Reinemachen sagt

mir mehr zu, als in einem Büro zu sitzen.»

«Mir auch. Aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten.

Sie könnten eine freie Tätigkeit ausüben.»

«Das tue ich ja.»

«Ich meine nicht in dieser Art. Ich meine, Sie könnten für

sich selber arbeiten, Ihren Verstand einsetzen gegen -»

«Wogegen?»

«Gegen die herrschenden Mächte, gegen alle diese

schikanösen Vorschriften und Bestimmungen, die einen

überall einengen. Glücklicherweise findet sich immer ein

Weg, sie zu umgehen, wenn man schlau genug ist, ihn zu

finden, und Sie sind schlau. Nun? Gefällt Ihnen dieser

Gedanke?»

«Möglich.»

Lucy lenkte den Wagen in den Hof.

«Sie wollen sich nicht festlegen?»

«Ich müßte erst mehr darüber hören.»

«Offen gestanden, meine liebe Miss Lucy, ich könnte Sie

gebrauchen. Sie haben eine Art, sich zu geben, die Vertrauen

erweckt.»

«Soll ich Ihnen helfen, Goldbaren zu verkaufen?»

«Nichts so Riskantes. Ein wenig Hilfe bei der Umgehung

der Gesetze. Das ist alles.» Seine Hand glitt an ihrem Arm

hoch. «Sie sind ein verflucht anziehendes Mädchen, Lucy.

Ich hätte Sie gern als Teilhaberin.»

«Ich fühle mich geschmeichelt.»

131

«Soll das heißen, da sei nichts zu machen? Überlegen Sie

es sich, denken Sie daran, welchen Spaß, welches

Vergnügen es Ihnen machen würde, alle diese Hohlköpfe zu

überlisten. Das Dumme ist nur, man braucht Kapital.»

«Ich fürchte, ich habe keins.»

«Oh, so habe ich es nicht gemeint! Ich werde in nicht

allzu ferner Zeit Geld in die Finger bekommen. Der Alte

kann schließlich nicht ewig leben. Wenn er abkratzt,

bekomme ich eine ganz hübsche Summe in die Hand. Nun?

Was meinen Sie, Lucy?»

«Und die Bedingungen?»

«Heirat, wenn Sie wollen. Frauen scheinen Wert darauf

zu legen, mögen sie noch so klug und selbständig sein. Das

hat auch den Vorteil, daß Ehefrauen nicht gezwungen

werden können, gegen ihre Männer auszusagen.»

«Nicht gerade schmeichelhaft!»

«Stellen Sie sich nicht so dumm, Lucy! Merken Sie denn

nicht, daß ich mich in Sie verliebt habe?»

Sie lachte und machte sich von seinem Arm frei, den er

um sie gelegt hatte.

Sie gingen ins Haus, und Lucy eilte in die Küche. Zu

ihrer Überraschung wurde sie beim Vorbereiten des Essens

von Harold Crackenthorpe gestört.

«Miss Eyelesbarrow, könnte ich mit Ihnen etwas besprechen?

»

«Ginge es nicht später, Mr. Crackenthorpe? Ich bin mit

meiner Arbeit zurück.»

«Gewiß. Also nach dem Dinner?»

«Ja, das wäre mir lieber.»

Das Dinner wurde aufgetragen und rief allgemeine Anerkennung

hervor. Als Lucy den Abwasch erledigt hatte und in

die Halle trat, wartete dort schon Harold Crackenthorpe auf

sie.

«Ja, Mr. Crackenthorpe?»

132

«Wollen wir hier hineingehen?»

Er öffnete die Tür des Wohnzimmers, ging voran und

schloß die Tür hinter sich.

«Ich werde Rutherford Hall morgen früh verlassen», begann

er. «Vorher möchte ich Ihnen aber noch sagen, welch

großen Eindruck Ihre Tüchtigkeit auf mich gemacht hat.»

«Ich danke Ihnen», sagte Lucy etwas überrascht.

«Ich habe das Gefühl, daß Ihre Talente hier vergeudet

werden – einfach vergeudet.»

«Meinen Sie? Ich kann das nic ht finden.»

Er jedenfalls kann mich nicht heiraten wollen, dachte

Lucy. Er hat schon eine Frau.

«Ich schlage vor, nachdem Sie uns geholfen haben, diese

bedauernswerte Krise zu überwinden, suchen Sie mich in

London auf. Das beste wäre, Sie riefen an, damit wir einen

Termin vereinbaren können. Ich werde meiner Sekretärin

Anweisung geben. Die Wahrheit ist, wir könnten jemanden

von Ihrer ungewöhnlichen Tüchtigkeit in der Firma gebrauchen.

Wir sollten uns eingehend darüber unterhalten, auf

welchem Gebiet Ihre Talente am besten eingesetzt werden

könnten. Ich kann Ihnen, Miss Eyelesbarrow, ein sehr gutes

Gehalt und glänzende Aussichten bieten. Ich denke, Sie werden

angenehm überrascht sein.»

Er lächelte großmütig.

Lucy antwortete ernst: «Ich danke Ihnen, Mr. Crackenthorpe.

Ich werde es mir Überlegen.»

«Überlegen Sie nicht zu lange. Eine junge Frau, die es in

der Welt zu etwas bringen will, darf eine solche Gelegenheit

nicht ungenutzt lassen. Also gute Nacht, Miss Eyelesbarrow.

Angenehme Ruhe!»

Wahrhaftig! sagte Lucy zu sich selber. Das ist alles

höchst interessant…

133

Auf dem Weg in ihr Zimmer begegnete Lucy auf der

Treppe Cedric.

«Hören Sie, Miss Lucy, ich möchte Sie etwas fragen.»

«Wollen Sie mich heiraten? Soll ich nach Ibiza

mitkommen und für Sie sorgen?»

Cedric machte ein verdutztes Gesicht.

«An etwas dergleichen habe ich nie gedacht.»

«Entschuldigen Sie. Dann habe ich mich geirrt.»

«Ich wollte Sie nur fragen, ob wir hier irgendwo ein

Kursbuch haben?»

«Ist das alles? Es liegt eines auf dem Tisch in der Halle.»

«Wissen Sie», Cedric musterte sie vorwurfsvoll, «Sie

sollten nicht glauben, jeder wolle Sie heiraten. Sie sehen gut

aus, aber so toll nun auch wieder nicht. Wenn man sich

einmal so etwas einbildet, wird es immer schlimmer. Die

Wahrheit ist, Sie sind das letzte Mädchen auf der Welt, das

ich heiraten möchte. Das letzte.»

«Wirklich?» sagte Lucy. «Sie brauchen mir das nicht so

unter die Nase zu reiben. Vielleicht würden Sie mich als

Stiefmutter vorziehen?»

«Was sagen Sie da?»

Cedric starrte sie verblüfft an.

«Haben Sie es nicht gehört?» gab Lucy zur Antwort, ging

in ihr Zimmer und schloß die Tür.

134

14

«Es ist nur so eine Idee», sagte Dessin. «Ich habe hier ein

Foto von dem Ballett. Sie ist die vierte von links. Erkennen

Sie sie?»

Eine erdrosselte junge Frau ist nicht leicht

wiederzuerkennen, und auf dem Foto waren alle jungen

Frauen geschminkt und trugen einen riesigen Kopfputz aus

Federn.

«Sie könnte es sein», erwiderte Craddock. «Mehr kann

ich wirklich nicht sagen. Wer war sie? Was wissen Sie von

ihr?»

«Fast weniger als nichts», erwiderte sein französischer

Kollege. «Sie spielt keine große Rolle, und das Ballett

Maritski ist auch nicht sehr bedeutend. Es tritt in

Vorstadttheatern auf und geht auf Tournee, es besitzt keine

Stars, keine berühmten Tänzerinnen. Aber ich werde Sie mit

Madame Joliet bekannt machen.»

Madame Johet war eine geschäftstüchtige Französin mit

scharfen Augen, einem kleinen Bärtchen und reichlich viel

Fettgewebe.

«Was ist mit Anna Strawinska?»fragte Madame

vorsichtig.

«Ist sie Russin?» fragte Inspektor Craddock.

«Nein. Sie meinen wohl wegen ihres Namens? Diese

Mädchen nehmen alle irgendeinen Namen an. Die

Strawinska war nicht bedeutend, sie tanzte nicht gut und sah

auch nicht besonders gut aus. Elle dtait assez bien, c’est tout.

Sie tanzte im Corps de ballet gut genug, aber keine Solos.»

«War sie Französin?»

135

«Vielleicht. Sie hatte einen französischen Paß. Aber sie

erzählte mir einmal, sie habe einen englischen Gatten.»

«Sie erzählte Ihnen, sie habe einen englischen Gatten?

Einen lebenden, oder war er schon tot?»

Madame Joliet zuckte die Achseln.

«Entweder war er tot, oder er hatte sie verlassen. Wie

kann ich das wissen? Diese Mädchen – sie haben immer

Verdruß mit den Männern -»

«Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?»

«Ich ging mit meiner Truppe sechs Wochen nach

London. Wir traten in Torquay, Bournemouth, Eastbourne

und schließlich in Hammersmith auf. Dann kehrten wir nach

Frankreich zurück, aber Anna kam nicht. Sie schickte eine

Nachricht, daß sie die Truppe verlasse, da sie bei der Familie

ihres Mannes leben werde oder etwas dergleichen. Ich

glaubte es nicht, sondern hielt es für wahrscheinlicher, daß

sie einen Mann kennengelernt hatte. Sie verstehen wohl?»

Inspektor Craddock ruckte.

«Und es war kein Verlustfür mich. Ich konnte ebenso

gute, ja bessere Mädchen bekommen.»

«Wann war das?»

«Unsere Rückkehr nach Frankreich? Das war – ja – am

Sonntag vor Weihnachten. Und Anna hat uns zwei oder drei

Tage vorher verlassen. Ich erinnere mich nicht mehr genau .

. . Aber am Wochenende in Hammersmith mußten wir ohne

sie auftreten.»

Madame Joliet machte eine kurze Pause und fragte dann

plötzlich mit einem Anflug von Interesse:

«Warum suchen Sie sie? Ist sie zu Geld gekommen?»

«Im Gegenteil», erwiderte Inspektor Craddock höflich.

«Wir glauben, sie ist ermordet worden.»

Madame Joliet verlor das Interesse sofort wieder.

136

«Ca se peut! Das kommt vor. Nun, sie war eine gute

Katholikin. Sonntags ging sie in die Messe, und sicher hat

sie auch gebeichtet.»

«Hat sie Ihnen, Madame, jemals von einem Sohn

erzählt!»

«Von einem Sohn? Wollen Sie damit sagen, sie habe ein

Kind gehabt? Das halte ich für höchst unwahrscheinlich.

Alle diese Mädchen – aber auch alle – kennen eine gewisse

Adresse, wo sie in solchen Fällen hingehen können. Monsieur

Dessin weiß das ebensogut wie ich.»

«Vielleicht hat sie ein Kind gehabt, bevor sie zur Bühne

ging», meinte Craddock. «Zum Beispiel während des Krie –

ges.»

«Ah! Pendant la guerre. Das ist immer möglich. Aber ich

jedenfalls weiß nichts davon.»

«Welches von den andern Mädchen war am engsten mit

ihr befreundet?»

«Ich kann Ihnen zwei oder drei Namen nennen, aber richtig

intim war sie mit keiner.»

Es war nichts wirklich Wesentliches aus Madame Joliet

herauszuholen. Als ihr die Puderdose gezeigt wurde, sagte

sie, Anna habe eine solche besessen, aber die meisten andern

Mädchen hätten auch solche Dosen. Was den Pelzmantel

betreffe, so sei es nicht ausgeschlossen, daß Anna in London

einen gekauft habe.

«Ich kümmere mich nur um die Proben, um die

Bühnenbeleuchtung, um alle Fragen, die mein Geschäft

betreffen. Ich habe keine Zeit, darauf zu achten, was meine

Künstlerinnen tragen.»

Nach Madame Joliet verhörten Craddock und Dessin die

Mädchen, deren Namen ihnen die Ballettmeisterin genannt

hatte. Sie kannten Anna ganz gut, aber sie sagten alle, ihre

Kollegin habe nicht viel über sich selbst gesprochen, und

137

wenn sie es getan habe, fügte eines der Mädchen hinzu, dann

seien es meistens Lügen gewesen.

«Sie liebte es, anzugeben, erzählte Geschichten, daß sie

die Mätresse eines Großherzogs oder eines bedeutenden

englischen Finanzmanns gewesen sei, oder sie behauptete,

sie habe während des Krieges in der Widerstandsbewegung

gearbeitet. Einmal prahlte sie sogar, sie sei in Hollywood

Filmstar gewesen.»

Ein anderes Mädchen sagte:

«Ich glaube, sie führte in Wirklichkeit ein sehr bescheidenes

bürgerliches Leben. Sie war gern beim Ballett, weil sie

das für romantisch hielt, aber sie war keine gute Tänzerin.»

«Auch in London», sagte das erste Mädchen, «machte sie

Andeutungen über einen sehr reichen Mann, der sie zu einer

Vergnügungsreise um die Welt mitnehmen wolle, weil sie

ihn an seine Tochter erinnere, die bei einem Autounfall umgekommen

sei. Quelle blague!»

«Mir sagte sie, ein reicher Lord in Schottland habe sie

eingeladen», berichtete das zweite Mädchen.

Das alles sagte den Kriminalbeamten nicht viel. Das einzige,

was aus den Berichten der beiden Kolleginnen hervorging,

war, daß Anna Strawinska eine üppige Phantasie besaß.

Sicher war es unwahrscheinlich, daß sie auf dem Sonnendeck

eines Luxusdampfers eine Reise um die Welt

machte. Es war aber auch kein wirklicher Grund vorhanden

zu der Annahme, man habe ihre Leiche in einem Sarkophag

in Rutherford Hall gefunden. Die Identifizierung durch die

Mädchen und Madame Joliet war höchst unsicher und zögernd.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit Anna hatte die Tote auf

der Fotografie, das gaben sie alle zu. Da sie aber so

aufgequollen war, hätte sie genausogut jemand ganz anderer

sein können.

Als einzige Tatsache ergab sich, daß Anna Strawinska am

19. Dezember beschlossen hatte, nicht nach Frankreich

138

zurückzukehren, und daß am 2o. Dezember eine Frau, die

eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr hatte, mit dem Zug 16 Uhr

33 nach Brackhampton gefahren und erdrosselt worden war.

Wenn die Frau im Sarkophag nicht Anna Strawinska war,

wo war diese dann jetzt?

Darauf gab Madame Joliet eine einfache und

unvermeidliche Antwort:

«Bei einem Mann!»

Das war wahrscheinlich die richtige Antwort, dachte

Craddock. Aber eine andere Möglichkeit mußte in Betracht

gezogen werden. Anna hatte gelegentlich bemerkt, sie habe

einen englischen Gatten.

War dieser Gatte Edmund Crackenthorpe gewesen?

Das schien unwahrscheinlich nach der Schilderung, die

Augenzeugen von ihr gegeben hatten. Wahrscheinlicher war,

daß Anna einst Martine gut genug gekannt hatte, um die

notwendigen Einzelheiten zu wissen. Anna konnte also den

Brief an Emma Crackenthorpe geschrieben haben. In diesem

Fall war es durchaus verständlich, daß sie plötzlich vor

Nachforschungen Angstbekommen hatte. Vielleicht hatte sie

sogar aus Vorsicht ihre Verbindung zum Ballett Mantski

abgebrochen. Aber die Frage blieb offen: Wo war sie jetzt?

Und wieder schien Madame Joliets Antwort darauf die

einzig richtige: Bei einem Mann…

Bevor Craddock Paris verließ, sprach er mit Dessin über

die Frau, die Martine hieß. Dessin war ebenso wie sein

englischer Kollege der Meinung, es bestünde zwischen ihr

und der im Sarkophag gefundenen Frau kein

Zusammenhang. Immerhin, meinte er, müsse man der Sache

nachgehen.

Er versicherte Craddock, die Sürete würde alles tun, was

in ihrer Macht stünde, um zu klären, ob tatsächlich die

Vermählung des Leutnants Edmund Crackenthorpe vom q..

139

Southshire Regiment mit einer Französin namens Martine

(Familienname unbekannt) irgendwo aktenkundig geworden

war. Er machte Craddock in dessen darauf aufmerksam, daß

ein Erfolg der Nachforschungen sehr zweifelhaft sei. Das in

Frage kommende Gebiet sei fast zur selben Zeit von den

Deutschen besetzt gewesen und habe in der Folgezeit

schwere Schäden erlitten. Viele Gebäude und Aktenstücke

seien vernichtet worden.

Bei Craddocks Rückkehr berichtete Sergeant Wetherall

über das Ergebnis seiner Nachforschungen:

Er hatte ermittelt, daß sich im Hause 126 Elvers Crescent

eine Pension befand; übrigens eine Pension von gutem Ruf.

«Haben Sie sonst etwas ermitteln können?» fragte Craddock.

«Keiner erkannte in der Toten auf der Fotografie eine

Frau wieder, die Briefe abgeholt hatte. Aber das ist auch

kein Wunder, denn es ist jetzt einen Monat her, und die

Pension wird von sehr vielen Leuten als Briefadresse

benutzt.»

«Vielleicht wohnte sie in der Pension unter einem

anderen Namen.»

«Das ist schon möglich. Aber jedenfalls fand sich

niemand, der die Frau auf der Fotografie erkannt hätte. Wir

haben alle Hotels und Pensionen abgeklappert – nirgendwo

eine Martine Crackenthorpe unter den eingetragenen Gästen.

Nachdem wir Ihren Anruf aus Paris erhalten hatten, fragten

wir wegen Anna Strawinska nach. Sie hatte mit anderen

Mitglie dern der Truppe in einem billigen Hotel in der Nähe

von Brook Green gewohnt. Dort steigen viele Artisten und

Theaterleute ab. Sie verschwand am Donnerstag, dem i9.

Dezember, nach der Abendvorstellung. Weiter war nichts

herauszukriegen.»

140

Inspektor Craddock rief bei der Firma Wimborne,

Henderson und Carstairs an und vereinbarte mit Mr.

Wimborne einen Termin.

Mr. Wimborne blickte seinen Besucher mit der höflichen

Zurückhaltung an, die für einen Familienanwalt charakteristisch

ist, sobald er es mit der Polizei zu tun hat.

«Was kann ich für Sie tun, Inspektor?»

«Dieser Brief…» Craddock le gte Martines Brief auf den

Schreibtisch. Mr. Wimborne berührte ihn mit offenbarem

Widerstreben. Seine rote Gesichtsfarbe vertiefte sich ein wenig,

und sein Mund straffte sich.

«Ganz recht», sagte er. «Ich erhielt gestern morgen einen

Brief von Miss Emma Crackenthorpe, in dem sie mich über

ihren Besuch bei Scotland Yard in allen Einzelheiten unterrichtete.

Ich muß gestehen, daß ich nicht begreife, ganz und

gar nicht begreife, warum man mich damals nicht gleich

konsultiert hat, als dieser Brief eintraf. Ich hatte keine Ahnung,

daß jemals davon die Rede gewesen war, Edmund

Crackenthorpe habe geheiratet>, sagte Mr. Wimbome mit

einem beleidigten Gesicht.

Inspektor Craddock wies darauf hin, daß Krieg gewesen

sei.

«Natürlich», bestätigte Mr. Wimborne. «Mein Vater

vertrat damals die Interessen der Familie Crackenthorpe. Er

starb vor sechs Jahren. Es ist möglich, daß er etwas von der

sogenannten Eheschließung Edmunds erfuhr, aber ich habe

den Eindruck, daß sie niemals stattgefunden hat, und mein

Vater hielt es daher auch nicht für nötig, mit mir darüber zu

sprechen. Mir kommt die ganze Geschichte sehr faul vor. Ich

finde es höchst seltsam, daß die sogenannte Witwe nach all

diesen Jahren sich plötzlich meldet und behauptet, einen

legitimen Sohn von Edmund zu haben. Ich möchte gern

wissen, wie sie das beweisen will.»

141

«Ganz recht>, stimmte Craddock zu. «Wie aber wäre die

Lage, wenn sie den Nachweis führen könnte, daß sie tatsächlich

Edmund geheiratet und einen legitimen Sohn von ihm

hat? Worauf hätten sie und der Sohn dann Anspruch?»

«Nun», erwiderte Mr. Wimborne, «im Augenblick könnte

sie nichts verlangen. Wenn der Sohn aber tatsächlich Edmunds

legitimer Sohn wäre, dann hätte er Anspruch auf

einen Anteil von der Hinterlassenschaft Luther Crackenthorpes

nach dessen Tod. Überdies würde er Rutherford Hall

erben, da er in diesem Fall der Sohn des ältesten Sohnes

wäre.»

«Würde eines der andern Kinder Luther Crackenthorpes

gern das Haus erben?»

«Um darin zu wohnen? Sicher nicht. Aber der Grund und

Boden hat einen ganz beträchtlichen Wert. Es ist kostbares

Bauland. Es liegt jetzt mitten im Herzen von

Brackhampton.»

«Wenn ich nicht irre, sagten Sie, nach Luther Crackenthorpes

Tod würde Cedric es erben?»

«Ganz recht, da er der älteste lebende Sohn ist.»

«Soviel ich höre, ist Cedric Crackenthorpe an Geld nicht

sonderlich interessiert.»

«Wirklich? Ich selber bin geneigt, Behauptungen dieser

Art nicht für bare Münze zu nehmen. Es mag Menschen

geben, die dem Geld gegenüber gleichgültig sind. Ich selber

habe aber noch nie einen getroffen.»

«Wie mir scheint>, fuhr Inspektor Craddock nach einer

kurzen Pause fort, «waren Harold und Alfred Crackenthorpe

sehr erregt, als der bewußte Brief kam?»

«Dazu hatten sie auch allen Grund», entgegnete Mr.

Wimborne.

«Ihr eigener Anteil würde beträchtlich geringer ausfallen,

nicht wahr?»

142

«Gewiß. Edmund Crackenthorpes Sohn würde auf ein

Fünftel des Bargelds Anspruch haben.»

«Das ist wohl kein sehr erheblicher Verlust?»

Mr. Wimborne sah dem Inspektor fest in die Augen.

«Es ist durchaus kein angemessenes Motiv für einen

Mord, wenn Sie das meinen.»

«Aber die Brüder sind beide, wie ich vermute, in einer

gewissen Bedrängnis», murmelte Craddock.

«Die Polizei hat also Nachforschungen angestellt? Ja, es

ist richtig, Alfred ist fast dauernd knapp an Bargeld.

Gelegentlich kommt eine größere Summe herein, aber sie

reicht nicht sehr weit. Harold andrerseits ist, wie Sie

erfahren zu haben scheinen, gegenwärtig in einer etwas

schwierigen Lage.»

«Trotz seines anscheinend gefestigten Wohlstandes?»

«Dieser Wohlstand ist nur Fassade. Die meisten dieser

City-Konzerne sind sich nicht einmal über ihre augenblickliche

Zahlungsfähigkeit im klaren. Die Bilanzen mögen dem

Nichteingeweihten großartig erscheinen; wenn aber die aufgeführten

Aktivposten in Wirklichkeit gar keine Aktivposten

sind – was dann?»

«Harold Crackenthorpe braucht also dringend Geld?»

«Das wohl», erwiderte Mr. Wimborne. «Er würde es aber

nicht dadurch bekommen, daß er die Witwe seines

verstorbenen Bruders erdrosselt. Und niemand hat Luther

Crackenthorpe ermordet, obwohl allein sein Tod den

Familienmitglie dern Nutzen bringen würde. Ich sehe also

wirklich nicht, Inspektor, worauf Sie eigentlich

hinauswollen?»

Unglücklicherweise wußte der Inspektor das selber nicht

so recht.

143

15

Inspektor Craddock und Wetherall hatten mit Harold eine

Besprechung in seinem Büro vereinbart.

Ein junges Mädchen führte den Inspektor und seinen Begleiter

in das Privatbüro ihres Chefs.

Harold saß hinter seinem Schreibtisch und sah so

untadelig und selbstbewußt aus wie nur je. Wenn er, wie der

Inspektor vermutete, in wirtschaftlicher Bedrängnis war, so

verriet er das mit keiner Miene.

«Guten Morgen, Inspektor», sagte er liebenswürdig. «Ich

hoffe, Ihr Besuch bedeutet, daß Sie eine gute Nachricht bringen.

Ist diese fatale Geschichte nun endgültig aufgeklärt?»

«Ich fürchte, nein, Mr. Crackenthorpe. Für den Augenblick

möchte ich nur noch ein paar Fragen an Sie richten.»

«Noch ein paar Fragen? Ich hatte geglaubt, wir hätten

wirklich alles gesagt, was zu sagen war.»

«Ich kann verstehen, daß Sie dieser Meinung sind, Mr.

Crackenthorpe, aber die übliche Routinearbeit erfordert es

nun einmal, daß wir gewisse Fragen stellen müssen.»

«Worum handelt es sich denn diesmal?»

«Ich würde mich freuen, wenn Sie mir genau sagen könnten,

was Sie am Nachmittag und Abend des zo. Dezember

etwa zwischen 15 Uhr und Mitternacht getan haben.»

Harold Crackenthorpes Gesicht rötete sich zornig.

«Ich finde, das ist eine außerordentlich anmaßende Frage.

Dürfte ich wissen, was Sie damit bezwecken?»

Craddock lächelte freundlich.

«Meine Frage bedeutet nichts weiter, als daß ich gern

wissen möchte, wo Sie in der Zeit von 15 Uhr bis

Mitternacht am Freitag, dem 2o. Dezember, gewesen sind.»

144

«Warum?»

«Es würde den Kreis unserer Nachforschungen eingrenzen.

»

«Sie haben also etwas Bestimmtes erfahren?»

«Wir hoffen, daß wir der Lösung des Rätsels allmählich

näher kommen.»

«Ich weiß nicht recht, ob ich Ihre Frage beantworten muß

– ich meine, ob ich nicht vorher meinen Anwalt hinzuziehen

sollte.»

«Das bleibt natürlich Ihnen anheimgestellt», sagte Craddock.

«Sie sind nicht gezwungen, irgendwelche Fragen zu

beantworten, und Sie haben durchaus das Recht, einen Anwalt

hinzuzuziehen.»

«Sie wollen mich doch nicht – ich möchte Sie in aller

Deutlichkeit fragen – Sie wollen mich doch nicht irgendwie

warnen?»

«Aber nein, Sir.» Inspektor Craddock machte ein ganz

erschrockenes Gesicht. «Ich denke nicht im entferntesten

daran. Die Fragen, die ich an Sie richte, richte ich auch an

mehrere andere Personen. Es ist nichts Persönliches daran,

es ist eine reine Routineangelegenheit, um, wie gesagt, das

Gebiet unserer Nachforschungen einzugrenzen.»

«Natürlich bin ich durchaus bereit, Ihnen zu helfen,

soweit ichdazu in der Lage bin. Also sehen wir zu. Es ist

nicht leicht, eine solche Frage aus dem Handgelenk zu

beantworten, aber wir arbeiten hier systematisch. Miss Ellis

wird uns helfen können.»

Er sprach kurz in eines der Telefone auf seinem Schreibtisch.

Fast unmittelbar darauf trat eine schlanke junge Frau in

einem gutsitzenden dunklen Kleid mit einem Notizbuch ins

Zimmer.

«Meine Sekretärin, Miss Ellis – Inspektor Craddock.

Hören Sie, Miss Ellis, der Inspektor möchte gern wissen,

145

was ich am Nachmittag und Abend des zo. Dezember getan

habe. Ich nehme an, Sie haben sich Notizen gemacht?»

«O ja.»

Miss Ellis verließ das Zimmer, kehrte mit einem

Terminkalender zurück und begann zu blättern.

«Am 2o. Dezember waren Sie vormittags im Büro und

hatten eine Konferenz mit Direktor Goldie. Sie speisten mit

Lord Forthville bei Berkeley -»

«Aha, ja, das war also am zo . . . .»

«Sie kehrten gegen 15 Uhr ins Büro zurück und diktierten

ein halbes Dutzend Briefe. Dann begaben Sie sich in die

Auktionsräume von Sotheby’s, weil Sie sich für einige

seltene Manuskripte interessierten, die an jenem Tag zum

Verkauf gelangten. Sie kehrten nicht wieder ins Büro

zurück, aber ich habe mir eine Notiz gemacht, daß Sie am

Abend im Cacering Club speisen wollten. » Sie blickte

fragend auf.

«Ich danke Ihnen, Miss Ellis.»

Miss Ellis glitt lautlos aus dem Zimmer.

«Ich erinnere mich ganz genau», ergriff Harold das Wort.

«Ich ging an jenem Nachmittag tatsächlich zu Sotheby’s,

aber die Manuskripte, für die ich mich interessierte, waren

viel zu teuer. Ich nahm meinen Tee in der Jermyn Street-ich

glaube, Russell’s heißt die Teestube. Eine halbe Stunde etwa

besuchte ich ein Aktualitätenkino und ging dann nach

Hause. Ich wohne 43 Cardigan Gardens. Das Dinner im

Cacering Club fand um 19 Uhr 30 statt. Nach dem Dinner

kehrte ich nach Hause zurück und ging zu Bett. Ich sollte

meinen, damit wäre diese Frage erschöpfend beantwortet.»

«Es ist alles sehr klar, Mr. Crackenthorpe. Wann gingen

Sie nach Hause, um sich umzuziehen?»

«Daran kann ich mich nicht genau erinnern. Ich denke, es

war kurz nach 18 Uhr.»

«Und nach dem Dinner?»

146

«Es war wohl eine halbe Stunde vor Mitternacht, als ich

nach Hause ging.»

«Hat Ihr Diener Sie hereingelassen? Oder vielleicht Ihre

Frau?»

«Meine Frau ist seit Anfang Dezember in Südfrankreich.

Ich habe selber mit meinem Wohnungsschlüssel

aufgeschlossen.»

«Es kann also niemand Ihre Behauptung bestätigen, daß

Sie zu der von Ihnen angegebenen Zeit nach Hause kamen?»

Harold blickte den Inspektor finster an.

«Ich vermute, die Hausangestellten hörten mich kommen.

Aber wirklich, Inspektor -»

«Entschuldigen Sie, Mr. Crackenthorpe, ich weiß, daß

derartige Fragen äußerst unbequem sind, aber ich bin

beinahe fertig. Besitzen Sie einen eigenen Wagen?»

«Ja, einen Humber Hawk. »

«Fahren Sie selber?»

«Ja. Ich fahre allerdings nicht oft. Eigentlich nur am Wochenende.

In London am Steuer zu sitzen ist heutzutage alles

andere als ein Vergnügen.»

«Ich nehme an, Sie benutzen Ihren Wagen, wenn Sie

nach Brackhampton fahren, um Ihre Verwandten zu

besuchen?»

«Nur, wenn ich die Absicht habe, einige Zeit dort zu bleiben.

Handelt es sich um eine einzige Nacht, wie zum

Beispiel bei der Leichenschau kürzlich, dann benutze ich

meistens die Eisenbahn. Es geht bedeutend schneller.»

«Wo haben Sie Ihren Wagen untergebracht?»

«In einer Garage in der Nähe der Cardigan Gardens.

Noch mehr Fragen?»

«Ich denke, das ist im Augenblick alles», schloß der

Inspektor lächelnd. «Entschuldigen Sie, daß ich Sie habe

belästigen müssen.»

147

Als die beiden Beamten gegangen waren, bemerkte der

stets mißtrauische Wetherall:

«Er mochte diese Fragen nicht, er mochte sie ganz und

gar nicht. Er geriet völlig außer Fassung. »

«Wenn Sie keinen Mord begangen haben, verdrießt es

Sie zweifellos, daß sie verdächtigt werden», erwiderte

Inspektor Craddock. «Natürlich muß ein Mann wie Harold

Crackenthorpe, der auf sein Ansehen großen Wert legt, ganz

besonders empört sein. Seine Entrüstung hat also nichts zu

bedeuten. Wir müssen jetzt versuchen festzustellen, ob

tatsächlich jemand Harold Crackenthorpe an jenem

Nachmittag auf der Auktion und in der Teestube gesehen

hat. Er hätte gut Zeit gehabt, den Zug 16 Uhr 33 zu

benutzen, die Frau aus dem Zug zu werfen, nach London

zurückzukehren und pünktlich zum Dinner zu erscheinen.

Ebenso wäre es ihm zweifellos möglich gewesen, in der

Nacht nach Brackhampton zu fahren, die Leiche in dem

Sarkophag zu verstecken und nach London zurückzukehren.

Stellen Sie Nachforschungen an.»

«Jawohl, Sir. Halten Sie ihn tatsächlich für den Mörder?»

«Wer kann es wissen?» entgegnete Inspektor Craddock.

«Er ist groß, hat dunkles Haar, hätte den Zug benutzen

können und kennt Rutherford Hall. Zweifellos kommt er als

Verdächtiger in Frage. Und nun zu seinem Bruder Alfred.»

Alfred Crackenthorpe wohnte in West Hampstead in

einem großen modernen Gebäude. Seine Wohnung war

außerordentlich dürftig ausgestattet – Tisch, Schlafcouch, ein

paar Stühle.

Er begrüßte seine Besucher mit einem freundlichen Lächeln,

schien aber nervös zu sein.

«Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Inspektor?»

fragte er.

148

«Nein, danke, Mr. Crackenthorpe. Kommen wir am

besten gleich zur Sache!» erwiderte Craddock und sagte

seinen Spruch.

«Was ich am Nachmittag und Abend des 2o. Dezember

gemacht habe?» wiederholte Alfred Crackenthorpe etwas

verwundert. «Wie soll ich das wissen? Das ist schon über

drei Wochen her.»

«Ihr Bruder Harold hat uns ganz genau sagen können, wo

er zu jener Zeit gewesen ist.»

«Harold vielleicht – aber nicht Alfred.» Etwas neidischboshaft

fügte er hinzu: «Harold ist das erfolgreichste Familienmitglied,

er ist rührig, nützlich, voll beschäftigt und hat

doch Zeit für alles. Selbst wenn er, sagen wir, einen Mord

begehen wollte, würde bestimmt alles planmäßig abrollen.»

«Haben Sie einen besonderen Grund, daß Sie gerade die –

ses Beispiel wählen?»

«O nein. Es kam mir nur so in den Sinn als Gipfel der

Verrücktheit.»

«Und nun, wie steht es mit Ihnen selber?»

Alfred zuckte die Schultern.

«Ich habe kein Gedächtnis für Zeit und Ort. Fragten Sie

mich nach dem Weihnachtstag, dann würde ich antworten

können, denn das Fest bietet doch einen gewissen Anhaltspunkt.

Weihnachten waren wir alle bei meinem Vater in

Brackhampton. Warum eigentlich, weiß ich nicht. Er zetert

immer über die Ausgaben, die er hat, wenn wir ihn besuchen.

Er würde aber auch zetern, wenn wir nie kämen. Eigentlich

tun wir es nur unserer Schwester zuliebe.»

«Und in diesem Jahr fuhren Sie also auch nach

Rutherford Hall?»

«Ja.»

«Unglücklicherweise wurde Ihr Vater krank, wenn ich

recht unterrichtet bin?»

149

Craddock verfolgte bewußt eine Seitenlinie, wobei er

einer Art Instinkt gehorchte, der ihn oft leitete.

«Ja. Da er für gewöhnlich wie ein Sperling ißt, um Geld

zu sparen, so konnte es nicht ausbleiben, daß das

ungewöhnlich reichliche Essen und Trinken Folgen hatte.»

«War das alles?»

«Natürlich. Was sollte es sonst gewesen sein?»

«Ich hörte, daß der Doktor sich so seine Gedanken

machte.»

«Quimper ist ein alter Narr!» sagte Alfred verächtlich.

«Es lohnt sich nicht, auf ihn zu hören, Inspektor. Er ist ein

Schwarzseher der schlimmsten Sorte.»

«Wirklich? Auf mich macht er einen ganz vernünftigen

Eindruck.»

«Er ist ein kompletter Narr. Vater ist gar nicht richtig

krank, aber er führt Quimper an der Nase herum. Als er es

ihm nun wirklich mal nicht gutging, machte er einen

fürchterlichen Lärm, hetzte Quimper hin und her, stellte

tausend Fragen und erörterte bis ins einzelne, was er

gegessen und getrunken hatte. Es war einfach lächerlich!»

Alfred hatte mit ungewohnter Heftigkeit gesprochen.

Craddock schwieg absichtlich eine Weile. Er erreichte,

was er wollte.

Alfred wurde sichtlich nervös.

«Was ist eigentlich los?» fragte er verdrießlich. «Warum

wollen Sie wissen, wo ich an einem bestimmten Freitag vor

drei oder vier Wochen war?»

«Sie erinnern sich also, daß es ein Freitag war?»

«Mir war so, als hätten Sie das gesagt.»

«Vielleicht sagte ich es», räumte Inspektor Craddock ein.

«Jedenfalls frage ich Sie nach Freitag, dem zo. Dezember.»

«Warum?»

«Es ist eine routinemäßige Frage.»

150

«Das ist doch Unsinn. Haben Sie über die bewußte Frau

mehr erfahren? Wissen Sie, woher sie kam?»

«Wir wissen noch nicht alles.»

Alfred blickte ihn forschend an.

«Ich hoffe, Sie lassen sich nicht durch die verrückte Idee

meiner Schwester Emma irreführen und glauben, sie sei vielleicht

die Witwe meines Bruders Edmund. Das ist

kompletter Blödsinn.»

«Diese – Martine hat sich wohl nie an Sie gewandt?»

«An mich! Was für eine lächerliche Frage!»

«Sie meinen, es wäre viel wahrscheinlicher gewesen, daß

sie sich an Ihren Bruder Harold gewandt hätte?»

«Ja, das wäre wahrhaftig viel wahrscheinlicher gewesen.

Sein Name steht häufig in der Zeitung. Er ist wohlhabend.

Hätte sie den Versuch gemacht, aus ihm etwas herauszuholen,

so würde mich das nicht überraschen. Nicht, daß sie

irgend etwas erreicht hätte! Harold ist ebenso knauserig wie

der Alte selber. Emma dagegen hat das weichste Herz in der

Familie, und Edmund war ihr Lieblingsbruder. Trotzdem ist

Emmanichtleichtgläubig. Sie erkannte sofortdie

Möglichkeit, daß diese Frau eine Betrügerin war. Sie hatte

deshalb dafür gesorgt, daß die ganze Familie anwesend sein

würde, wenn sie kam – und obendrein noch ein

hartgesottener Anwalt.»

«Sehr klugvon ihr», sagte Craddock. «Warfür diese

Zusammenkunft ein bestimmter Tag festgesetzt?»

«Es sollte gleich nach Weihnachten sein, am

Wochenende, am z7 . . . .» Er brach ab.

«Für gewisse Daten haben Sie also doch ein Gedächtnis,

wie ich sehe», bemerkte Craddock lächelnd.

«Ich sagte Ihnen doch, ein bestimmter Tag wurde nicht

festgesetzt.»

«Aber Sie sprachen darüber. Wann?»

«Daran kann ich mich wirklich nicht erinnern.»

151

«Und Sie können nvr nicht sagen, was Sie selber am

Freitag, dem 2o. Dezember, gemacht haben?»

«Tut mir leid. Aber mein Gedächtnis versagt da vollkommen.

»

«Haben Sie denn keinen Terminkalender?»

«Ich hasse die Dinger.»

«Vielleicht könnte Ihnen dieser oder jener Ihrer Freunde

helfen, Ihr Gedächtnis aufzufrischen?»

«Vielleicht. Ich werde sie fragen und sehen, was sich tun

läßt.«

Alfred schien sich jetzt sicherer zu fühlen.

«Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, was ich an jenem

Tag machte», sagte er. «Aber ich kann Ihnen sagen, was ich

nicht gemacht habe. Ich habe bestimmt niemanden im

ermordet.»

«Warum sagen Sie das, Mr. Crackenthorpe?»

«Hören Sie, Inspektor. Sie untersuchen doch diesen

Mordfall, nicht wahr? Und wenn Sie anfangen zu fragen:

, dann weiß ich, was das zu bedeuten hat. Ich wüßte

wirklich gern, warum Sie gerade auf Freitag, den 2o.

Dezember, gekommen sind. Zur Lunchzeit und um

Mitternacht? Das ärztliche Gutachten kann da nicht genauer

sein, nach so langer Zeit. Hat jemand gesehen, wie sich an

jenem Nachmittag irgendein Mensch in den Schuppen

schlich? Vielleicht das Opfer? Sah er sie eintreten, aber nicht

wieder herauskommen?»

Seine scharfen dunklen Augen beobachteten die Reaktion

des Inspektors sehr genau; aber Craddock war zu erfahren,

als daß seine Miene irgendwie verraten hätte, was in ihm

vorging.

«Ich fürchte, wir werden Ihnen keine Aufklärung geben

können», sagte er freundlich.

«Die Polizei tut sehr geheimnisvoll.»

152

«Nicht nur die Polizei. Ich denke, Mr. Crackenthorpe, Sie

könnten sich, wenn Sie wollten, ganz gut daran erinnern,

was Sie an jenem Freitag getan haben. Vielleicht haben Sie

Ihre Gründe, daß Sie sich nicht erinnern wollen -»

«In diese Falle tappe ich nicht, Inspektor. Es ist natürlich

sehr verdächtig, daß ich mich nicht erinnern kann. Aber es

ist nun einmal so. Aber warten Sie mal, ich fuhr in jener

Woche nach Leeds, stieg dort in einem Hotel in der Nähe

des Rathauses ab – an den Namen kann ich mich nicht

erinnern, aber Sie können es leicht finden. Vielleicht war das

am Freitag.»

«Wir werden es nachprüfen», erwiderte der Inspektor ruhig

und stand auf.

«Ich bedaure, daß Sie uns nicht mehr haben helfen können,

Mr. Crackenthorpe.»

«Das ist für mich sehr bedauerlich. Cedric hat sein

wunderbares Ibiza-Alibi, Harold hat zweifellos anhand der

Aufzeichnungen seiner Sekretärin über jede Stunde genau

Auskunft geben können, und nur ich sitze da und habe

überhaupt kein Alibi. Wie ich Ihnen schon gesagt habe,

pflege ich nicht Leute zu ermorden, und warum sollte ich

eigentlich eine unbe kannte Frau töten? Zu welchem Zweck?

Selbst, wenn die Tote Edmunds Witwe war? Warum hätte

einer von uns den Wunsch haben sollen, sie aus dem

Wegzuräumen? Wir hätten uns doch alle gefreut, hätten

Vater dazu gebracht, ihr eine auskömmliche Rente

auszusetzen und den Jungen auf eine anständige Schule zu

schicken. Der Alte wäre natürlich wild geworden, aber er

hätte sich anständigerweise nicht weigern können,

dergleichen zu tun. Darf ich Ihnen nicht doch etwas zu

trinken anbieten, Inspektor, bevor Sie gehen? Wirklich

nicht? Tut mir leid, daß ich Ihnen nicht besser habe dienen

können.»

153

«Was ist los, Wetherall?»

Inspektor Craddock sah seinen aufgeregten Sergeant an.

«Ich weiß jetzt, wer er ist, Sir. Die ganze Zeit habe ich

versucht dahinterzukommen, und plötzlich wußte ich es. Er

war in die faule Geschichte mit den Konserven verwickelt.

Sie erinnern sich an die Sache mit Dicky Rogers? Man

konnte ihm nie etwas nachweisen, er war zu vorsichtig. Und

er hat mit der Soho-Bande unter einer Decke gesteckt. Es

handelte sich um Uhren und italienische Goldmünzen.»

Natürlich! Craddock erinnerte sich jetzt, warum Alfreds

Gesicht ihm von Anfang an so bekannt vorgekommen war.

Es waren immer nur Kleinigkeiten gewesen, und man hatte

ihm niemals etwas nachweisen können. Alfred hatte sich

immer vom Zentrum der Schieber ferngehalten und einen

plausiblen harmlosen Grund angeben können, wieso er

überhaupt in die Geschichte hatte hineingeraten können.

Aber die Polizei war ganz sicher gewesen, daß ein kleiner

Profit ständig ihm zufloß.

«Das bringt etwas Licht in die Sache», sagte Craddock.

«Glauben Sie, er war es?»

«Ich möchte nicht sagen, daß er der Typ ist, der einen

Mord begeht. Aber es erklärt andere Dinge – zum Beispiel,

weshalb er kein Alibi hat.»

«Ja, es sieht schlecht aus für ihn.»

«Eigentlich nicht», entgegnete Craddock. «Es ist ein ganz

schlaues Verhalten, wenn er einfach fest dabei bleibt, er

könne sich nicht erinnern. Unzählige Menschen können sich

nicht daran erinnern, was sie an einem bestimmten Tag taten

und wo sie waren, auch wenn es erst eine Woche

zurückliegt. Wenn man nicht möchte, daß weiter

nachgeforscht wird, kann man gar nichts Klügeres tun.»

«Sie glauben also, er kommt nicht in Frage?>

154

«Vorläufig möchte ich von niemandem behaupten, er

komme nicht in Frage», erwiderte Inspektor Craddock. «Wir

müssen sehen, was wir herauskriegen können, Wetherall.»

Craddock überlegte mit düsterer Miene. Man kam nicht

weit, solange man das Motiv nicht kannte. Alle Motive, die

bisher in Betracht gezogen worden waren, schienen entweder

nicht recht zu passen oder waren zu abwegig.

Wenn es sich um die Ermordung des alten Mr. Crackenthorpe

gehandelt hätte – da wäre an Motiven wirklich kein

Mangel gewesen…

Etwas tauchte plötzlich in seiner Erinnerung auf…

Er machte sich schnell ein paar Notizen:

Dr. Q. fragen nach Krankheit zu Weihnachten.

Cedric-Alibi.

Miss M. fragen, was man sich so erzählt.

155

16

Als Craddock zu 4 Madison Road kam, fand er Lucy

Eyelesbarrow bei Miss Marple.

Er überdachte einen Augenblick seinen Schlachtplan und

kam zu dem Ergebnis, Lucy Eyelesbarrow könne vielleicht

eine wertvolle Verbündete abgeben.

Nach der Begrüßung zog er feierlich seine Brieftasche,

entnahm ihr drei Pfund, fügte drei Shilling hinzu und schob

das Geld über den Tisch Miss Marple hin.

«Was ist das, Inspektor?»

«Das Honorar für eine Konsultation. Ich konsultiere Sie

-in einem Mordfall. Puls, Temperatur, örtliche Reaktionen,

möglicherweise tief sitzende Ursache besagten Mordes.»

Miss Marple zwinkerte ihm zu.

Er grinste.

Lucy Eyelesbarrow lächelte verwundert.

«Sieh einer an, Inspektor Craddock – Sie sind also

tatsächlich auch nur ein Mensch?»

«Ich bin ja heute nachmittag schließlich nicht amtlich

hier.»

«Wie ich Ihnen sagte, kannten wir uns schon», bemerkte

Miss Marple zu Lucy. «Sir Henry Clithering, sein Pate, ist

ein alter Freund von mir.»

«Möchten Sie hören, Miss Eyelesbarrow, was mein Pate

einmal über sie gesagt hat? Er nannte sie den gerissensten

Detektiv, den Gott jemals geschaffen habe, ein natürliches

Genie, das sich in einem günstigen Boden entwickelt. Er

sagte, ich solle niemals die älteren Damen verachten. Sie

könnten einem oft sagen, was hätte geschehen können, was

hätte geschehen müssen, und sogar, was tatsächlich gesche-

156

hen sei. Und sie könnten sagen, warum es geschehen sei.

Dann fügte er noch hinzu, diese besondere ältere Dame, von

der die Rede sei, gehöre zur Spitzenklasse.»

«Alle Wetter!» staunte Lucy. «Das ist ein Zeugnis, das

sich sehen lassen kann!»

Miss Marple war rot und sehr verwirrt geworden.

«Der liebe Sir Henry», murmelte sie. «Er war immer so

gütig. In Wahrheit bin ich gar nicht klug, wenn ich auch

vielleicht ein wenig Kenntnis der menschlichen Natur besitze;

das kommt vom Dorfleben!»

Nach kurzer Pause fuhr sie fort:

«Natürlich bin ich etwas im Nachteil, weil ich mich nicht

auf dem Schauplatz befinde. Aber es hilft doch viel, wenn

man Leute kennenlernt, die einen an andere Leute erinnern.

Die Typen sind nämlich überall gleich, und so bekommt

man wertvolle Fingerzeige.»

Lucy schien nicht recht zu begreifen, was sie meinte,

Craddock aber verstand Miss Marple. Er nickte:

«Sie sind doch zum Tee dort gewesen, nicht wahr?»

erkundigte er sich.

«ja, und es war sehr interessant. Ich war nur etwas enttäuscht,

weil ich den alten Mr. Crackenthorpe nicht zu sehen

bekam. Aber man kann ja nicht alles verlangen.»

«Haben Sie das Gefühl, daß Sie, wenn Sie den Menschen

sähen, der den Mord begangen hat, es wissen würden?»

fragte Lucy.

«Das wäre zuviel gesagt, meine Liebe. Man ist immer geneigt,

sich aufs Raten zu verlegen, und bei einer so ernsten

Sache wie Mord wäre es falsch und gefährlich, wollte man

anfangen zu raten. Alles, was man tun kann, ist, die betreffenden

Leute zu beobachten, ich meine die Leute, die in

Frage kommen könnten, und sich dann zu fragen, ob sie

einen an jemand andern erinnern.»

Lucy sagte etwas beunruhigt:

157

.Glauben Sie nicht auch, sie hätten nicht sagen sollen,

was Sie über Emmas Ehechancen dachten? Es schien die

Brüder ein wenig aus der Fassung zu bringen.»

Miss Marple nickte.

«Ja», sagte sie. «So sind die Männer. Sie sehen nicht, was

vor ihren Augen geschieht. Aber ich glaube, auch Sie haben

es nicht gemerkt.»

«Nein», gestand Lucy. «Ich wäre nie auf einen solchen

Gedanken gekommen. Sie schienen mir beide -»

«Schon zu alt?» ergänzte Miss Marple lächelnd. «Aber

Dr. Quimper ist nicht viel über vierzig, denke ich, obschon

seine Schläfen anfangen grau zu werden, und es ist leicht zu

sehen, daß er sich nach einem häuslichen Leben sehnt.

Emma Crackenthorpe auf der anderen Seite ist unter vierzig,

also noch nicht zu alt, um zu heiraten und eine Familie zu

haben. Wie ich hörte, starb die Frau des Arztes sehr jung im

Kindbett.»

«Ja, ich glaube, das ist richtig. Emma sagte eines Tages

so etwas.»

« Er muß sehr einsam sein», meinte Miss Marple. «Ein

tüchtiger Arzt, der viel zu tun hat, braucht eine Frau, die

Verständnis für ihn hat und nicht zu jung ist.»

«Aber sagen Sie, Miss Marple», unterbrach Lucy,

«versuchen wir eigentlich ein Verbrechen aufzuklären, oder

wollen wir eine Ehe stiften?»

Miss Marple blinzelte.

«Ich fürchte, ich bin etwas romantisch veranlagt.

Vielle icht liegt es daran, daß ich eine alte Jungfer bin. Hören

Sie, liebe Lucy, soweit es mich betrifft, haben Sie Ihren

Auftrag ausgeführt. Wenn Sie wirklich etwas Ferien haben

wollen, bevor Sie die nächste Verpflichtung übernehmen,

dann hätten Sie jetzt noch Zeit genug für eine kleine Reise.»

«Rutherford Hall verlassen? Niemals! Ich habe mich in

einen echten Spürhund verwandelt und bin fast ebenso eifrig

158

wie die Jungen. Sie verbringen ihre ganze Zeit damit, nach

Spuren und Indizien zu suchen. Gestern haben sie alle Müllkästen

durchgekämmt. Eine unappetitliche Sache! Und sie

hatten keine Ahnung, was sie eigentlich suchten. Wenn sie

eines Tages triumphierend zu Ihnen kommen, Inspektor, und

Ihnen ein zerknittertes Blatt Papier bringen, worauf zu lesen

steht: (Martine, wenn Dir Dein Leben lieb ist, dann bleib

dem «Langen Schuppen» fern!>, dann wissen Sie, daß ich

mich ihrer erbarmt und es im Schweinekoben versteckt

habe.»

«Warum im Schweinekoben?» fragte Miss Marple

interessiert. «Hält man Schweine in Rutherford Hall?»

«Heutzutage nicht mehr. Ich gehe nur manchmal hin.»

«Wer ist zur Zeit noch in Rutherford Hall?» fragte Craddock.

«Cedric ist da, und Bryan kommt übers Wochenende.

Harold und Alfred kommen morgen. Sie haben heute früh

angerufen. Ich hatte irgendwie den Eindruck, daß Sie ihnen

einen Floh ins Ohr gesetzt haben, Inspektor Craddock.»

Craddock lächelte.

«Ich habe sie ein bißchen aufgestört. Verlangte von ihnen

Auskunft, wo überall sie am Freitag, dem 2o. Dezember,

gewesen seien.»

«Konnten Sie es Ihnen sagen?»

«Harold konnte, Alfred nicht. Entweder weil er wirklich

nicht dazu in der Lage war, oder weil er nicht wollte.»

Inspektor Craddock blickte auf seine Uhr.

«Ich werde bald nach Rutherford Hall kommen, um mit

Cedric zu sprechen. Vorher aber möchte ich noch Dr. Quimper

einiges fragen.»

«Sie werden gerade zur rechten Zeit kommen. Er ist mit

seiner Sprechstunde für gewöhnlich um halb sieben fertig.

Aber ich muß nun fahren, damit ich mich dem Dinner widmen

kann.»

159

«Ich würde gern noch Ihre Meinung über eine Sache hören,

Miss Eyelesbarrow. Wie denkt die Familie, wenn sie

unter sich ist, über Martine?»

Lucy erwiderte, ohne zu zögern:

«Sie sind alle wütend auf Emma, weil sie damit zu Ihnen

gegangen ist, Inspektor. Auch auf Dr. Quimper sind sie

wütend, denn er scheint Emma dazu ermutigt zu haben.

Harold und Alfred glauben, die Briefschreiberin habe versuchen

wollen, Geld aus ihnen herauszuholen. Sie glauben

nicht, daß es sich wirklich um Edmunds Witwe handelt.

Emma ist sich nicht recht klar darüber. Cedric gla ubt ebenfalls

nicht an die Identität der Briefschreiberin mit Martine,

aber er nimmt die Sache nicht so ernst wie die beiden

andern. Bryan wiederum ist überzeugt, daß kein Betrug

vorliegt.»

«Warum?»

«Bryan ist nun einmal so. Er nimmt die Dinge, wie sie

sich darbieten. Er glaubt, es sei Edmunds Gattin oder

vielmehr seine Witwe gewesen, und sie habe plötzlich nach

Frankreich zurückkehren müssen, man würde aber zur

gegebenen Zeit wieder von ihr hören. Die Tatsache, daß sie

seither nichts mehr von sich hat hören lassen, findet er ganz

natürlich, da er selber es nicht liebt, Briefe zu schreiben.

Bryan ist ein netter Kerl. Er gleicht einem Hund, der möchte,

daß man mit ihm spazierengeht.»

«Und Sie pflegen mit ihm spazierenzugehen, Miss Lucy,

nicht wahr?» fragte Miss Marple.

Lucy antwortete nicht gleich und blickte sie von der Seite

an.

«Es gehen ja so viele Herren in dem Haus aus und ein»,

meinte Miss Marple nachdenklich. «Und Sie sind ein hübsches

Mädchen. Man erweist Ihnen wohl viel Aufmerksamkeit?

»

160

Lucy errötete leicht. Gewisse Bilder tauchten vor ihrem

inneren Auge auf. Da war Cedric, der sich an die Wand des

Schweinekobens lehnte. Da war Bryan, der niedergeschla –

gen auf dem Küchentisch saß. Da war Alfred, der ihre

Finger berührte, als er ihr half, die Kaffeetassen aufs Tablett

zu stellen.

«Männer», sagte Miss Marple in einem Ton, als spräche

sie von einer fremdartigen und gefährlichen Spezies, «sind

sich in gewisser Weise alle sehr ähnlich, mögen sie auch

schon sehr alt sein . . .»

«Alle Wetter!» rief Lucy. «Vor hundert Jahren hätte man

Sie sicher als Hexe verbrannt!»

Und sie erzählte, wie der alte Mr. Crackenthorpe ihr

einen bedingten Heiratsantrag gemacht hatte.

«Tatsache ist», sagte sie, «daß sie alle auf diese oder jene

Art mir sozusagen Anträge gemacht haben. Harold war sehr

korrekt. Er bot mir eine vorteilhafte Stellung in der City an.

Ich glaube nicht, daß ihre Aufmerksamkeit auf mein einnehmendes

Äußeres zurückzuführen ist. Sie müssen glauben,

ich wisse etwas.»

Sie lachte.

Aber Inspektor Craddock lachte nicht.

«Hüten Sie sich!» sagte er. «Es könnte sein, daß man Sie

ermordet, statt Ihnen Anträge zu machen.»

«Es wäre jedenfalls einfacher», stimmte Lucy zu.

Es überlief sie ein leichter Schauder.

«Man vergißt zu leicht, wie ernst die Sache ist», sagte sie.

«Die Jungen haben sich so gut amüsiert, daß man beinahe

glauben konnte, es sei alles nur ein Spiel. Aber es ist kein

Spiel.»

«Nein», sagte Miss Marple. «Mord ist kein Spiel . . .

Kehren die beiden nicht bald in die Schule zurück?»

161

«Doch, nächste Woche. Morgen fahren sie zu James

Stoddart-Wests Eltern, um dort die letzten Ferientage zu

verbringen.»

«Das freut mich zu hören», sagte Miss Marple ernst. «Ich

möchte nicht, daß etwas passiert, solange sie in Rutherford

Hall sind.»

«Sie denken an den alten Mr. Crackenthorpe? Glauben

Sie, er ist der nächste, der ermordet wird?»

«O nein», erwiderte Miss Marple. «Ich dachte an die Jungen.

»

«An die Jungen?»

«Also an Alexander.»

«Aber -»

«Sie treiben ein gefährliches Spiel mit ihrer Jagd nach

Spuren und Indizien. Es könnte ein schlimmes Ende

nehmen.»

Craddock blickte sie nachdenklich an.

«Sie glauben also nicht, Miss Marple, daß es sich in

diesem Fall um die Ermordung einer unbekannten Frau

durch einen unbekannten Mann handelt? Sie sind endgültig

der Überzeugung, daß der Mord mit Rutherford Hall in

Verbindung steht?»

«Das ist meine volle Überzeugung. Ja. »

«Alles, was wir von dem Mörder wissen, ist, daß er ein

großer Mann mit dunklem Haar sein soll. Ihre Freundin

sagte es, iünd mehr kann sie nicht sagen. In Rutherford Hall

sind drei dunkelhaarige Männer. Am Tag der Leichenschau

sah ich die drei Brüder vor dem Wagen stehen, der

vorgefahren war, um sie abzuholen. Sie kehrten mir den

Rücken zu. Es war erstaunlich, wie sie einander glichen –

drei dunkelhaarige Männer -, und dabei sind sie tatsächlich

drei ganz verschiedene Typen.» Er seufzte. «Das macht die

Sache so schwierig.»

162

«Ich habe mich schon gefragt», murmelte Miss Marple, «

ob sie nicht vielleicht viel einfacher ist, als wir annehmen.

Morde sind sehr oft ganz einfach, haben ein schmutziges

Motiv . . .»

«Glauben Sie an die geheimnisvolle Martine, Miss

Marple?»

«Ich bin durchaus bereit zu glauben, daß Edmund Crackenthorpe

ein Mädchen namens Martine entweder heiratete

oder zu heiraten beabsichtigte. Emma Crackenthorpe zeigte

Ihnen seinen Brief, wie sie ntir sagte, und nach dem, was ich

von ihr gesehen habe und was Lucy mir erzählte, möchte ich

behaupten, daß Emma Crackenthorpe ganz unfähig ist, eine

solche Geschichte zu erfinden. Warum sollte sie auch?»

«Nehmen wir also an, daß es diese Martine gibt oder

gab», meinte Craddock nachdenklich. «Dann ist ein

gewisses Motiv vorhanden. Martines Wiederauftauchen mit

einem Sohn würde das Erbe der einzelnen Crackenthorpes

beträchtlich reduzieren, wenn auch kaum in einem Grade,

sollte man denken, daß einer der Erben deshalb an Mord

denken würde. Sie sind zwar alle finanziell in

Schwierigkeiten -»

«Sogar Harold?» fragte Lucy ungläubig.

«Selbst der dem Anschein nach so wohlhabende Harold

Crackenthorpe ist nicht der nüchterne und konservative Finanzmann,

für den man ihn hält. Er hat sich auf einige recht

gewagte Abenteuer eingelassen. Wenn er eine größere

Summe Geldes bald in die Hand bekäme, so könnte dies

vielleicht seinen Bankrott verhindern.»

«Wenn es aber so ist -», begann Lucy und brach ab.

«Ja, Miss Eyelesbarrow?»

«Ich weiß, meine Liebe», fiel Miss Marple ein. «Sie

denken, es wäre der falsche Mord.»

«Ja. Martines Tod würde weder Harold noch einem von

den andern irgendwie nützen. Jedenfalls nicht, solange -»

163

«Solange Luther Crackenthorpe noch lebt. Ganz recht,

das kam mir in den Sinn, und Mr. Crackenthorpe senior ist

gesundheitlich, wie ich von seinem Doktor höre, viel besser

dran, als ein Außenstehender glauben sollte.»

«Er wird noch Jahre leben», sagte Lucy. Dann runzelte

sie die Stirn.

«Ja?» ermunterte Craddock sie.

«Um Weihnachten herum ging es ihm ziemlich

schlecht», fuhr Lucy fort. «Ich erinnere mich, daß er einmal

andeutete, man hätte glauben sollen, er sei vergiftet worden,

so viel Wesens habe der Arzt von seinem Unwohlsein

gemacht.»

Sie blickte Craddock fragend an.

«Ja», sagte der Inspektor. «Genau danach will ich Dr.

Quimper fragen.»

«Aber nun muß ich wirklich gehen», rief Lucy. «Lieber

Himmel! Ist das spät geworden.»

Miss Marple legte ihr Strickzeug aus der Hand und gr iff

zur Times, in der sich mehrere Kreuzworträtsel befanden.

«Ich wünschte, ich hätte ein Wörterbuch hier>, murmelte

sie. «Tontine und Tokajer – das eine ist doch ein ungarischer

Wein?»

«Das ist Tokajer», sagte Lucy von der Türschwelle aus.

«Was ist damit?»

«Ach, mit dem Kreuzworträtsel hat es nichts zu tun»,

erwiderte Miss Marple unbestimmt. «Es ging mir nur so

durch den Kopf.»

Inspektor Craddock blickte sie scharf an. Dann

verabschie dete er sich.

164

17

Craddock mußte ein paar Minuten warten, während

Quimper den letzten Patienten behandelte. Endlich kam er

aus dem Sprechzimmer. Er sah müde und niedergeschlagen

aus. Er bot Craddock einen Drink an und goß sich dann

selber ein Glas ein.

«Weshalb kommen Sie zu mir?» fragte er den Inspektor.

«Zunächst einmal möchte ich Ihnen danken, weil Sie,

wenn ich recht unterrichtet bin, Miss Crackenthorpe geraten

haben, zu mir zu gehen und mir den Brief zu bringen, der

angeblich von der Witwe ihres Bruders stammte.»

«Konnten Sie etwas damit anfangen? Ich habe ihr

übrigens nicht direkt geraten, zu Ihnen zu gehen. Sie wollte

es, denn sie war sehr beunruhigt. Ihre lieben Brüder

versuchten natürlich alle, sie zurückzuhalten.»

«Warum denn das?»

Der Arzt zuckte die Schultern.

«Wahrscheinlich befürchteten sie, die Vermutung könnte

sich als wahr erweisen.»

«Glauben Sie, daß der Brief echt war?»

«Keine Ahnung. Ich habe ihn tatsächlich nie gesehen. Ich

möchte glauben, jemand, der die Tatsachen genau kannte,

versuchte, sein Wissen zu Geld zu machen. Er hoffte offenbar,

auf Emma Eindruck zu machen. Da war er gründlich im

Irrtum. Emma ist keine Närrin. Sie würde niemals eine unbekannte

Schwägerin in die Arme schließen, ohne zuerst ein

paar nüchterne Fragen gestellt zu haben.»

Etwas neugierig fügte er hinzu:

«Aber warum fragen Sie mich, was ich davon halte? Ich

habe mit der Sache doch nichts zu tun?»

165

«Ich kam auch eigentlich, um Sie etwas ganz anderes zu

fragen; aber ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken

soll.»

Dr. Quimper schaute interessiert.

«Wie ich höre, hatte vor nicht langer Zeit – ich glaube, es

war um Weihnachten herum – Mr. Crackenthorpe einen

ziemlich schlimmen Anfall.»

Sofort veränderte sich das Gesicht Quimpers. Seine Züge

verhärteten sich.

«ja?»

«Wenn ich nicht irre, war es eine Verdauungsstörung.»

«ja.»

«Es ist eine etwas schwierige Frage, die ich an Sie richten

möchte. Mr. Crackenthorpe rühmte sich seiner Gesundheit

und sagte, er gedenke, die meisten Mitglieder seiner Familie

zu überleben. Er kam dabei auf Sie zu sprechen – Sie müssen

mich entschuldigen, Doktor…»

«Oh! Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund! Ich nehme

nichts krumm, was meine Patienten von mir sagen.»

«Er nannte Sie einen alten Quatschkopf.» Quimper lä –

chelte. «Er sagte, Sie hätten ihm alle möglichen Fragen gestellt,

Sie hätten nicht nur wissen wollen, was er gegessen,

sondern auch, wer das Essen zubereitet und wer es aufgetragen

habe.»

Der Doktor lächelte jetzt nicht mehr. Sein Gesicht war

hart.

«Fahren Sie fort!»

«Er sagte dann:

Es trat eine Pause ein.

«Hatten Sie», ergriff der Inspektor wieder das Wort,

«hatten Sie einen derartigen Verdacht?»

Quimper antwortete nicht sofort. Er erhob sich und ging

auf und ab. Schließlich drehte er sich zu Craddock um.

166

«Was erwarten Sie von mir? Was soll ich sagen? Glauben

Sie, ein Doktor kann die Anklage erheben, dieser oder jener

habe Gift ins Essen getan, ohne es beweisen zu können?»

«Ich möchte gern – ganz inoffiziell! – wissen, ob Ihnen

dieser Gedanke gekommen ist?»

Doktor Quimper wich aus:

«Der alte Crackenthorpe lebt äußerst mäßig. Wenn die

Familie zusammen ist, sorgt Emma dafür, daß reichlicher

und fetter gegessen wird. Die Folge ist ein häßlicher Magen-

und Darmkatarrh. Die Symptome paßten durchaus zu dieser

Diagnose.»

Craddock ließ nicht locker.

«Ich verstehe. Sie waren also in keiner Weise – sagen wir

-verwundert?»

«All right. Ich war verwundert. Nun zufrieden?»

«Es interessiert mich», erwiderte Craddock. «Was genau

argwöhnten oder – befürchteten Sie?»

«Gastrische Fälle gleichen sich natürlich nicht immer

völlig, aber es waren doch gewisse Anzeichen vorhanden,

die, sagen wir, besser zu einer Arsenikvergiftung gepaßt

hätten als zu einem gewöhnlichen Magen- und Darmkatarrh.

Verstehen Sie mich recht. Die beiden Krankheiten haben

sehr große Ähnlichkeit miteinander. Bessere Männer als ich

haben eine Arsenikvergiftung nicht erkannt und durchaus

gutgläubig den Totenschein unterschrieben.»

«Und welches Ergebnis hatten Ihre Nachforschungen?»

«Es schien, daß mein Verdacht unmöglich begründet sein

konnte. Mr. Crackenthorpe versicherte mir, er habe schon

ähnliche Anfälle zu einer Zeit gehabt, da ich ihn noch nicht

behandelte, und, wie er sagte, aus dem gleichen Grund. Sie

hätten sich immer eingestellt, wenn das Essen zu üppig gewesen

sei.»

«Und das war der Fall, wenn Familienmitglieder da waren?

»

167

«Ja. Und es schien ja auch durchaus verständlich. Aber,

offen gestanden, Inspektor, war ich nicht recht zufrieden. Ich

ging so weit, daß ich an den alten Dr. Morris schrieb. Er war

mein Seniorpartner gewesen und nun im Ruhestand. Crackenthorpe

war ursprünglich sein Patient. Ich fragte ihn nach

den früheren Anfällen, die der alte Mann gehabt hatte.»

«Und was antwortete Ihnen Dr. Morris?»

Quimper grinste:

«Er lachte mich aus. Ich solle doch kein verdammter Narr

sein. Nun» – er zuckte die Achseln – «vermutlich war ich

tatsächlich ein verdammter Narr.»

«Wirklich?»

Craddock entschloß sich, offen zu sprechen.

«Wir wollen einmal die Diskretion beiseite lassen,

Doktor. Es gibt Leute, die beträchtliche Vorteile zu erwarten

haben, wenn Luther Crackenthorpe stirbt.» Der Doktor

nickte. «Er ist zwar ein alter Mann, aber verhältnismäßig

gesund. Er könnte neunzig werden, nicht wahr?»

«Leicht. Er tut ja nichts weiter, als für seine Gesundheit

zu sorgen, und seine Konstitution ist ausgezeichnet.»

«Und seine Söhne und seine Tochter fühlen alle den

Druck?»

«Lassen Sie Emma aus dem Spiel! Sie ist keine

Giftmischerin! Im übrigen kommt es zu diesen Anfällen nur,

wenn die andern da sind, nicht wenn sie mit ihm allein ist.»

Das wäre nur eine elementare Vorsichtsmaßnahme – falls

sie die Schuldige ist, dachte der Inspektor bei sich.

«Dann kann man wohl sagen – ich bin ein Laie auf

diesem Gebiet -, daß, angenommen, es wurde ihm wirklich

Arsenik eingegeben, Crackenthorpe viel Glück gehabt hat?»

«Sehen Sie», erwiderte der Arzt, «da sprechen Sie einen

merkwürdigen Punkt an. Es ist nämlich offenbar nicht so,

daß ihm regelmäßig kleine Dosen Arsenik zugeführt wurden

– wie es ja bei der Methode der Arsenikvergif-

168

tung der Fall zu sein pf legt. Crackenthorpe hat niemals chronische

gastrische Störungen gehabt. Das aber macht gewissermaßen

diese plötzlichen heftigen Attacken verdächtig.

Nehmen wir also an, sie erklären sich nicht aus natürlichen

Ursachen, dann muß der Giftmischer jedesmal pfuschen

-und das wäre doch einfach unbegreiflich.»

«Sie meinen, daß er eine ungenügende Dosis gibt?»

«Ja. Andererseits hat Crackenthorpe eine kräftige Konstitution,

und was für einen andern Mann tödlich wäre, braucht

ihn darum noch lange nicht umzuwerfen. Man sollte aber

meinen, der Giftmischer müsse nach und nach – es sei denn,

er sei ungewöhnlich ängstlich – die Dosis gesteigert haben.

Warum hat er das nicht getan?»

«Das heißt>, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu,

«wenn tatsächlich ein Giftmischer am Werk wäre, und das

ist eben wahrscheinlich doch nicht der Fall. Wahrscheinlich

ist einfach meine Phantasie mit mir durchgegangen.»

«Es ist ein merkwürdiges Problem», stimmte der

Inspektor zu. «Man sucht vergebens nach einem Sinn.»

«Inspektor Craddock!» flüsterte es aufgeregt.

Der Inspektor zuckte zusammen. Er hatte gerade an der

Wohnungstür läuten wollen.

Alexander und sein Freund Stoddart-West traten, sich

vorsichtig nach allen Seiten umblickend, aus dem Schatten.

«Wir hörten Ihren Wagen. Wir müssen mit Ihnen sprechen.

»

«Schön! Dann kommt herein!»

Craddock streckte wieder die Hand nach der Klingel aus,

Alexander aber zupfte mit dem Eifer eines Hündchens, das

spielen möchte, an seinem Mantel.

«Wir haben ein Indiz gefunden», stieß er atemlos hervor.

«Ja, wir haben eins gefunden!» echote Stoddart-West.

Dieses verteufelte Mädchen! dachte Craddock.

169

«Famos!» sagte er ohne großes Interesse. «Gehen wir ins

Haus und sehen es uns an!»

«Nein!» beharrte Alexander. «Sicher stört uns dort

jemand. Kommen Sie mit in die Geschirrkammer! Wir

zeigen Ihnen den Weg.»

Etwas widerstrebend ließ Craddock sich um die Ecke des

Hauses führen und folgte den Jungen zu den Stallungen.

Stoddart-West stieß eine schwere Tür auf, reckte den Arm

und schaltete eine sehr schwache Glühbirne ein. Die Geschirrkammer,

einst ein Glanzstück von Rutherford Hall,

war jetzt der melancholische Aufbewahrungsort für alles,

was man los sein wollte. Zerbrochene Gartenstühle,

verrostete alte Werkzeuge, eine riesige, nicht mehr zu

gebrauchende Mähmaschine, vom Rost zerfressene

Spiralfedern, Hängematten und zerlöcherte Tennisnetze.

«Wir kommen ziemlich oft hierher», sagte Alexander.

«Man ist hier ganz ungestört.»

«Es ist ein wirkliches Indiz, Sir>, sagte Stoddart-West

mit funkelnden Augen. «Wir haben es heute nachmittag

gefunden.»

«Die ganzen letzten Tage haben wir nach Spuren gesucht.

In den Büschen -»

«Und in den hohlen Bäumen -»

«Und wir haben die Müllkästen durchwühlt -»

«Und dann gingen wir ins Dampfkesselhaus -»

«Der alte Hillmann hat dort einen großen Zuber aufgestellt,

in den er alles Papier wirft, das irgendwo herumliegt

«Und darunter haben wir es gefunden -»

«Was habt ihr gefunden?» unterbrach Craddock den

Wettstreit der Stimmen.

«Das Indiz. Vorsichtig, Stoddart! Zieh erst Handschuhe

an!»

170

Nach bester Kriminalromantradition zog sich Stoddart-

West mit ernster Miene ein Paar ziemlich schmutzige Handschuhe

an, bevor er vorsichtig eine Fototasche zum

Vorschein brachte. Ihr entnahm er mit den behandschuhten

Fingern feierlich einen schmutzigen und zerknitterten

Briefumschlag, den er mit wichtiger Miene dem Inspektor

reichte.

Beide Jungen warteten in atemloser Spannung.

Craddock nahm das «Indiz» mit gebührender

Feierlichkeit entgegen. Er mochte die beiden gern und wollte

ihnen nicht das Spiel verderben.

Der Brief war durch die Post zugestellt worden. Das

Kuvert aber war leer. Die Adresse lautete: Mrs. Martine

Crackenthorpe, 126 Elvers Crescent N. io.

«Sehen Sie?» fragte Alexander atemlos. «Das beweist,

daß sie wirklich hier war – ich meine Onkel Edmunds

französische Frau – die, um die soviel Lärm gemacht wird.

Sie muß also wirklich hier gewesen sein und den

Briefumschlag ir gendwo verloren haben. So sieht es doch

aus, nicht wahr?»

Stoddart-West nahm ihm das Wort aus dem Munde:

«Es sieht so aus, als ob sie die Frau gewesen ist, die

ermordet wurde – glauben Sie nicht, Sir, daß es die im

Sarkophag gewesen sein muß?»

Sie warteten gespannt.

Craddock ging auf das Spiel ein: «Möglich, sehr wohl

möglich», sagte er.

«Unser Fund ist doch wichtig, nicht wahr? Sie werden

doch das Kuvert auf Fingerabdrücke untersuchen, Sir?»

«Natürlich», erwiderte Craddock nachdenklich.

Sehr schlau von Lucy Eyelesbarrow! dachte er. Wie hat

sie es bloß fertiggebracht, die Briefmarke zu fälschen? Er

betrachtete sie genau, aber das Lic ht war zu schwach.

Natürlich machte die Sache den Jungen großen Spaß, für ihn

171

aber war es weniger lustig. Daran hatte Lucy nicht gedacht.

Wenn dieses Kuvert echt war…

«Kommt! Wir wollen ins Haus gehen», schlug er vor.

«Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen.»

172

18

Die Jungen führten Craddock durch einen Hintereingang

ins Haus. Das schien der Weg zu sein, den sie für

gewöhnlich nahmen. Die Küche war hell und freundlich.

Lucy, die sich eine große weiße Schürze vorgebunden hatte,

war dabei, Teig auszurollen.

Bryan Eastley lehnte am Küchenschrank und schaute ihr

zu wie ein treuer Hund.

«Hallo!» begrüßte Alexander seinen Vater. «Wieder in

der Küche?»

«Ich bin gern hier», erwiderte sein Vater. «Miss

Eyelesbarrow hat nichts dagegen.»

«Nein, ich habe nichts dagegen», bestätigte Lucy. «Guten

Abend, Inspektor Craddock.»

«Wollen Sie in der Küche Nachforschungen anstellen?»

fragte Bryan interessiert.

«Nicht eigentlich. Mr. Cedric Crackenthorpe ist doch

noch da?»

«O ja. Möchten Sie ihn sprechen?»

«Ja, gern.»

«Dann werde ich einmal nachsehen, ob er in seinem Zimmer

ist», erbot sich Bryan.

«Vielen Dank», sagte Lucy. «Meine Hände sind voller

Mehl, sonst würde ich selber gehen.»

«Ist nicht bald Essenszeit?» wollte Alexander wissen.

«Nein.»

«Schade! Ich habe schrecklichen Hunger.»

«In der Speisekammer ist noch ein Stück Ingwertorte.»

Die Buben setzten zum Wettlauf an und stießen an der

Tür zusammen.

173

«Sie sind wie die Heuschrecken», lachte Lucy.

«Ich gratuliere Ihnen», sagte Craddock.

«Gratulieren? Weswegen?»

«Wegen Ihrer Schlauheit. Das haben Sie fein gemacht!»

Craddock zeigte ihr die Fototasche. «Gute Arbeit!» lobte er.

«Wovon reden Sie eigentlich?

«Von dem da, meine Liebe.»

Er zog den Briefumschlag ein Stück heraus.

Sie starrte ihn verständnislos an.

«Haben Sie dieses Indiz nicht gefälscht und im

Dampfkesselraum versteckt, damit die Buben es finden

sollten?»

«Ich weiß nicht, wovon Sie reden», sagte Lucy. «Glauben

Sie -?»

Craddock ließ den Umschlag schnell in seine Tasche

gleiten, da Bryan in diesem Augenblick zurückkehrte.

«Cedric ist in der Bibliothek», berichtete er. Er nahm

seinen Platz am Küchenschrank wieder ein.

Inspektor Craddock ging in die Bibliothek.

Cedric Crackenthorpe machte ein liebenswürdiges

Gesicht, als er den Inspektor erblickte.

«Schnüffeln Sie hier wieder herum?» fragte er. «Sind Sie

schon weitergekommen?»

«Ich denke, ich kann wohl sagen, wir sind etwas

weitergekommen, Mr. Crackenthorpe.»

«Haben Sie herausgefunden, wer die Tote ist?»

«Wir befinden uns auf dem besten Weg dazu.»

«Gut für Sie.»

«Aufgrund unserer neuesten Informationen möchten wir

einige Feststellungen machen. Ich beginne mit Ihnen, Mr.

Crackenthorpe, da Sie gerade hier sind.»

174

«Schießen Sie los!»

«Ich möchte einen genauen Bericht darüber, wo Sie am

Freitag, dem 2o. Dezember, waren und was s’ getan haben.»

Cedric warf ihm einen schnellen Blick zu. Dann lehnte er

sich zurück, gähnte, bemühte sich, höchst uninteressiert

auszusehen, und schien in seiner Erinnerung zu forschen.

«Wie ich Ihnen bereits sagte», begann er endlich, «war

ich auf Ibiza. Das Fatale ist nur, daß dort ein Tag dem

anderen gleicht. Am Vormittag wird gemalt, nachmittags

von drei bis fünf hält man Siesta. Wenn das Licht günstig ist,

wird hinterher noch etwas skizziert. Dann nimmt man seinen

Aperitif, manchmal mit dem Bürgermeister, manchmal mit

dem Arzt. Dann ißt man eine Kleinigkeit. Den Abend

verbringe ich in der Hauptsache mit einigen Freunden aus

dem Volke in Scotty’s Bar. Genügt das?»

Ach würde lieber die Wahrheit hören, Mr. Crackenthorpe.

»

Cedric fuhr in die Höhe.

«Das ist eine sehr beleidigende Bemerkung, Inspektor.»

«Finden Sie? Sie sagten mir, Mr. Crackenthorpe, Sie

hätten Ibiza am 21. Dezember verlassen und wären an

demselben Tag in England eingetroffen.»

«Das stimmt. Ein! Hallo, Ein!»

Emma Crackenthorpe kam in diesem Augenblick aus

dem Nebenzimmer. Sie blickte fragend von Cedric zum

Inspektor und wieder zu Cedric.

«Hör mal, Ein! Ich kam doch am Samstag vor

Weihnachten an, nicht wahr? Erinnerst du dich? Ich kam

direkt vom Flughafen?»

«Ja», erwiderte Emma etwas verwundert. «Du kamst

etwa zur Lunchzeit hier an.»

«Da hören Sie es», sagte Cedric zum Inspektor.

«Sie müssen uns für sehr dumm halten, Mr. Crackenthorpe

», sagte Craddock in liebenswürdigem Plauderton.

175

«Wissen Sie denn nicht, daß wir solche Aussagen

überprüfen können? Ich denke, wenn Sie mir Ihren Paß

zeigen wollen -»

Er machte abwartend eine Pause.

«Ich kann das verwünschte Ding nicht finden», erwiderte

Cedric. «Ich habe heute morgen schon danach gesucht.

Wollte ihn dem Reisebüro schicken.»

«Ich denke, Sie würden ihn finden können, Mr. Crackenthorpe.

Aber es ist nicht notwendig. Die Passagierlisten zeigen,

daß Sie dieses Land in Wahrheit am Abend des 19.

Dezember betreten haben. Vielleicht werden Sie jetzt die

Güte haben, mir zu erklären, was Sie von diesem

Augenblick an bis zur Lunchzeit am ai. Dezember, als Sie in

Rutherford Hall eintrafen, gemacht haben.»

Cedric sah sehr zornig aus.

«Es ist ein wahrhaft verteufeltes Leben heutzutage»,

schimpfte er. «All dieser Bürokratismus und dieses

Ausfüllen von Formularen! Man kann nicht mehr gehen,

wohin man will, und tun, was einem gefällt. Immer stellt

irgend jemand einem Fragen. Wozu eigentlich die

Aufregung um den 2o.? Was ist an diesem Tag denn

Besonderes?»

«Es ist zufällig der Tag, an dem, wie wir glauben, der

Mord begangen wurde. Sie können natürlich die Antwort

verweigern, aber -»

«Wer sagt, daß ich die Antwort verweigere? Lassen Sie

einem doch Zeit! Im übrigen äußerten Sie sich bei der Leichenschau

sehr unbestimmt über den vermutlichen Zeit punkt

der Ermordung. Was hat sich denn seitdem Neues

herausgestellt?»

Craddock gab keine Antwort.

Cedric fragte mit einem Seitenblick auf Emma:

«Wollen wir nicht ins Nebenzimmer gehen?»

Emma sagte schnell: «Ich gehe schon.»

176

An der Tür blieb sie noch einmal stehen und wandte sich

um.

«Es ist sehr ernst, Cedric. Vergiß das nicht! Wenn der zo.

wirklich der Tag war, an dem die Frau ermordet wurde, dann

mußt du dem Inspektor ganz genau berichten, was du gemacht

hast.»

Sie ging ins Nebenzimmer und schloß die Tür hinter sich.

«Die gute alte Emma!» sagte Cedric. «Also denn! Ja, ich

habe Ibiza tatsächlich am 19. verlassen. Ich wollte die Reise

in Paris unterbrechen und ein paar Tage mit alten Freunden

zusammensein. Es fügte sich aber, daß eine sehr anziehende

junge Frau im Flugzeug war. Sie war wirklich lecker. Sie

wollte in die Vereinigten Staaten, aber vorher zwei Nächte

in London bleiben, um irgendwelche geschäftlichen Angele –

genheiten zu erledigen. Am z9. kamen wir in London an.

Wir stiegen im Kingsway Palace ab – für den Fall, daß Ihre

Spitzel das noch nicht herausgefunden haben sollten. Nannte

mich John Brown – in solchen Fällen gibt man ja besser

nicht seinen richtigen Namen an.»

«Und am 2o.?»

Cedric schnitt eine Grimasse.

«Am Vormittag konnte ich nicht viel anfangen, weil ich

einen gräßlichen Kater hatte.»

«Und am Nachmittag? Von 15 Uhr an?»

«Lassen Sie mich überlegen. Ja, ich bummelte herum,

ging in die National Gallery und sah mir einen Film an,

. Dann ging ich in eine Bar und

nahm einen oder zwei Drinks und schlief etwas in meinem

Zimmer. Etwa um 22 Uhr traf ich mich mit meiner Freundin,

und wir be suchten verschiedene Lokale – kann mich an die

meisten Namen nicht mehr erinnern -, wenn ich nicht irre,

hieß eins . Ich hatte gut geladen und, um die

Wahrheit zu gestehen, ich kann mich heute kaum noch an

etwas erin nern, bis ich am nächsten Morgen erwachte. Mein

177

Kater war noch schlimmer als am Tag zuvor. Meine

Freundin mußte machen, daß sie ihr Flugzeug erwischte,

während ich zurückblieb und mir kaltes Wasser über den

Kopf goß. Dann ging ich in eine Apotheke und ließ mir was

gegen den Kater geben. Schließlich war es Zeit, nach

Rutherford Hall zu fahren, wo ich so tat, als käme ich direkt

vom Flughafen.»

«Kann man Ihre Angaben überprüfen, Mr.

Crackenthorpe? Sagen wir, für die Zeit zwischen 15 und z9

Uhr?»

«Höchst unwahrscheinlich», erwiderte Cedric spöttisch. «

In der National Gallery, wo die Aufseher einen mit ihren

glanzlosen Augen verfolgen? Oder in einem überfüllten

Kino? Nein, wohl kaum.»

Emma kehrte zurück. Sie hielt ein kleines Notizbuch in

der Hand.

«Sie möchten wissen, was jeder von uns am 2o.

Dezember tat. Ist das richtig, Inspektor?»

«Ja, Miss Crackenthorpe.»

«Ich habe eben in meinem Notizbuch nachgesehen. Am

2o. ging ich zu einer Versammlung in Brackhampton, wo

Beschlüsse über Restaurierungsarbeiten an der Kirche gefaßt

wurden. Die Versammlung war ungefähr um Viertel vor eins

beendet. Ich aß mit Lady Adington und Miss Bartlett im

Cadena Caf6. Nach dem Lunch machte ich ein paar

Einkäufe für Weihnachten. Viertel vor fünf nahm ich den

Tee in der Shamrock-Teestube und ging dann zum Bahnhof,

um Bryan abzuholen, der mit dem Zug kam. Etwa um sechs

Uhr war ich wieder zu Hause und fand meinen Vater bei

sehr schlechter Laune. Ich hatte das Essen für ihn

bereitgestellt, aber Mrs. Hart, die am Nachmittag hatte

kommen sollen, war nicht erschienen. Er war so wütend, daß

er sich in sein Zimmer einschloß und mich nicht hineinließ.

178

Er liebt es nicht, daß ich am Nachmittag fortgehe. Hin und

wieder aber setze ich meinen Willen durch.»

«Daran tun Sie sicherlich recht, Miss Crackenthorpe.

Wenn ich nicht irre, kamen Ihre beiden Brüder erst später?»

«Alfred kam am Samstag abend. Wie er sagte, hatte er

am Nachmittag versucht, mich telefonisch zu erreichen.

Aber ich war ja fortgegangen, und mein Vater geht nicht ans

Telefon, wenn er wütend ist. Mein Bruder Harold kam erst

am Weihnachtsabend.»

«Ich danke Ihnen, Miss Crackenthorpe.»

«Ich darf wohl nicht fragen», fügte sie zögernd hinzu,

«ob etwas Neues bekanntgeworden ist, was diese Verhöre

notwendig macht?»

Craddock holte die Fototasche hervor und zog mit den

Fingerspitzen das Briefkuvert heraus.

«Bitte fassen Sie es nicht an, aber erkennen Sie es?»

«Aber…» Emma starrte ihn ganz verwirrt an. «Das ist

doch meine Handschrift! Es ist der Brief, den ich Martine

geschrieben habe.»

«Das dachte ich mir.»

«Aber wie sind Sie dazu gekommen? Hat sie -? Haben

Sie sie gefunden?»

«Es wäre wohl möglich, daß wir sie – gefunden haben.

Dieses leere Kuvert jedenfalls wurde hier gefunden.»

< Im Hause?» «Nicht direkt, aber in der Nähe.» «In der Nähe? Aber dann ist sie doch hergekommen? Sie... Sie meinen - die Tote im Sarkophag ist Martine?» «Es sieht fast so aus, Miss Crackenthorpe», sagte Craddock. Die Vermutung, die Tote im Sarkophag sei Martine, schien sich zu bestätigen. Als Craddock sein Büro wieder betrat, fand er eine Nachricht von Armand Dessin vor: 179 Eine ihrer Kolleginnen erhielt eine Postkarte von Anna Strawinska. Wie es scheint, war die Geschichte einer Reise um die Welt tatsächlich wahr. Sie ist in Jamaika angelangt und hat dort, wie sie schreibt, eine wundervolle Zeit. «Ich muß gestehen», sagte Alexander, sich in seinem Bett aufsetzend und nachdenklich an einem Schokoladenriegel knabbernd, «das war der aufregendste Tag meines Lebens. Man denke bloß! Wir haben ein richtiges Indiz gefunden!» Seine Stimme versagte. «Ich glaube nicht, daß ich so etwas jemals wiedererlebe.» «Hoffentlich nicht», sagte Lucy, die im Zimmer kniete und Alexanders Koffer packte. «Ich wollte, wir könnten hierbleiben», seufzte Alexander. «Vielleicht findet sich noch eine Leiche.» «Hoffentlich nicht. Es wäre schrecklich.» «Aber in den Büchern ist es meistens so. Irgend jemand hat etwas gesehen oder gehört und wird deshalb auch umgelegt. Vielleicht legt man Sie um.»

«Vielen Dank!»

«Ich wünsche natürlich nicht, daß gerade Sie es sind»,

versicherte Alexander. «Ich kann Sie sehr gut leiden. Stoddart

auch. Wir sind der Meinung, eine solche Köchin gibt es

nur einmal. Das Essen war ganz prima. Und Sie sind auch

vernünftig.»

Letzteres war offenbar ein Ausdruck höchster Anerkennung.

Lucy faßte es so auf und sagte:

«Nett von euch. Aber ich habe nicht die Absicht, mich,

um euch einen Gefallen zu tun, zu lassen.»

, erklärte Alexander, «daß ihm

das Leben in London nicht bekommt. Er lernt dort die falschen

Frauen kennen.»

Er schüttelte betrübt den Kopf.

«Ich hab ihn sehr lieb», fuhr er fort. «Aber er braucht

jemanden, der sich um ihn kümmert. Er bummelt herum und

kommt mit den falschen Menschen in Berührung. Es ist jammerschade,

daß Mama so früh starb; Bryan braucht ein

richtiges Heim.»

Nach einer kurzen Pause sagte er:

«Wissen Sie auch, daß Bryan Sie gut leiden kann?»

«Das ist sehr nett von ihm.»

«In mancher Hinsicht ist er fürchterlich ungeschickt>, erklärte

Bryans Sohn. «Aber er war ein ausgezeichneter

Kampfflieger. Er ist tapfer und überaus gutmütig.»

Wieder schwieg er eine kleine Weile, dann hob er die

Augen zur Decke und sagte ziemlich selbstbewußt:

«Ich denke wirklich, es wäre gut für ihn, wenn er wieder

heiraten würde… irgendein nettes Mädchen . . . Ich selber

hätte nichts dagegen, eine Stiefmutter zu haben . . . nein…

aber natürlich muß sie danach sein . . .»

Mit leichtem Erschrecken begriff Lucy, daß Alexander

ein bestimmtes Ziel verfolgte.

«Ich dachte, ich sollte es Ihnen einmal sagen», begann

Alexander wieder. «Bryan hat Sie sehr gern. Er hat es mir

selber gesagt . . . »

Wirklich! dachte Lucy bei sich selber. Es gibt hier zu

viele Ehestifter. Erst Miss Marple und je tzt Alexander!

Sie stand auf.

181

«Gute Nacht, Alexander. Morgen früh brauchen nur noch

dein Schlafanzug und dein Waschzeug in den Koffer. Gute

Nacht.»

«Gute Nacht», sagte Alexander. Er schlüpfte unter die

Bettdecke, legte seinen Kopf auf das Kissen, schloß die Äugen

und schlief sofort ein. Er sah aus wie ein kleiner Unschuldsengel.

182

19

«Nicht unbedingt überzeugend», bemerkte Wetherall mit

düsterer Stimme.

Craddock las das Protokoll über Harold Crackenthorpes

Alibi für den 2o. Dezember durch.

Er war bei Sotheby’s ungefähr um 15 Uhr 30 gesehen

worden, man glaubte aber, er sei kurz darauf gegangen. In

Russell’s Teestube hatte man seine Fotografie nicht erkannt,

da aber zur Teezeit ein ständiges Kommen und Gehen

herrschte und er kein Stammgast war, so war das kaum

überraschend. Sein Diener bestätigte, daß er nach Hause

gekommen war, um sich für die Dinnergesellschaft

umzuziehen, und zwar um Viertel vor sieben – ziemlich spät

also, da das Dinner schon um ig Uhr 3o begann.

Infolgedessen war Mr. Crackenthorpe etwas nervös und

gereizt gewesen. Der Diener erinnerte sich nicht, ihn nach

Hause kommen gehört zu haben, aber da es schon einige

Zeit her war, hatte er keine genaue Erinnerung, außerdem

hörte er oft nicht, wenn Mr. Crackenthorpe nach Hause kam.

Er und seine Frau liebten es, früh zu Bett zu gehen, wenn sie

konnten. Die Garage, in der Harold seinen Wagen

untergestellt hatte, war eine Einzelga rage, zu der er den

Schlüssel besaß. Niemand achtete darauf, wann er kam und

ging, und daher konnte sich auch niemand auf einen

bestimmten Abend besinnen.

«Alles negativ», bemerkte Craddock seufzend.

«Er nahm tatsächlich an dem bewußten Dinner teil, ging

aber ziemlich früh weg.»

«Und was konnten Sie auf den Bahnhöfen ermitteln?»

183

Weder in Brackhampton noch auf dem Bahnhof

Paddington war etwas zu erfahren gewesen. Die Sache lag

jetzt fast vier Wochen zurück, und es war auch höchst

unwahrscheinlich, daß jemand sich daran erinnerte, ob er

Harold gesehen hatte.

Craddock seufzte. Er griff nach den Aufzeichnungen über

Cedric. Auch sie waren negativ, wenngleich ein Taxichauffeur

sich dunkel erinnert haben wollte, an jenem Tag einen

Fahrgast nach Paddington befördert zu haben, «der diesem

Menschen hier glich. Schmutzige Hose und eine Haarmähne.

Er fluchte und schimpfte über die Tariferhöhung.»

«Und hier ist das Protokoll über die Vernehmung Alfreds

», sagte Wetherall.

Eine gewisse Nuance in seiner Stimme veranlaßte Craddock,

aufzublicken und ihn scharf anzusehen. Wetherall

hatte das zufriedene Aussehen eines Mannes, der einen

Leckerbissen bis zuletzt aufgespart hat.

In der Hauptsache war das Ergebnis der Untersuchung

unbefriedigend. Alfred wohnte allein und kam und ging zu

unregelmäßigen Zeiten. Seine Nachbarn waren nicht neugierig,

auch waren sie, da berufstätig, fast den ganzen Tag

nicht zu Hause. Wetheralls großer Finger aber deutete auf

den letzten Abschnitt des Protokolls.

Sergeant Leakie, der eingesetzt war, einige Diebstähle

von Lastwagen aufzuklären, hatte sich in einer Rastplatz-

Kneipe in der Waddington-Brackhampton Road aufgehalten

und einige Lkw-Fahrer beobachtet. An einem Tisch in seiner

Nähe hatte er Chick Evans, der zur Bande von Dicky Rogers

gehörte, bemerkt. Neben ihm hatte Alfred Crackenthorpe

gesessen, den er vom Sehen kannte, weil er in dem Dicky-

Rogers-Fall als Zeuge hatte aussagen müssen. Der Sergeant

hatte sich gefragt, was die beiden da wohl zusammen aushecken

mochten. Zeit: 21 Uhr 30. Freitag, den 2o. Dezember.

Wenige Minuten später hatte Alfred Crackenthorpe

184

einen Bus in Richtung Brackhampton bestiegen. Der Beamte

an der Sperre des Bahnhofs Brackhampton hatte die Fahrkarte

eines Mannes gelocht, den er als einen der Brüder

Crackenthorpe kannte. Es war unmittelbar vor Abfahrt des

Zuges 23 Uhr 55 nach Paddington gewesen. Er erinnerte

sich an das Datum, weil am selben Tag eine alte Dame

behauptet hatte, in einem Nachmittagszug sei jemand ermordet

worden.

«Alfred», sagte Craddock, während er das Protokoll aus

der Hand legte. «Alfred? Merkwürdig.»

«Stimmt alles genau», betonte Wetherall.

Craddock nickte. Ja, Alfred hätte mit dem Zug 16 Uhr 33

nach Brackhampton fahren und im Zug jemanden ermorden

können. Dann könnte er mit dem Bus zurückgefahren sein.

Wenn er in der Waddington-Brackhampton Road um 21 Uhr

3o einen Bus nach Brackhampton bestiegen hatte, konnte er

die Leiche vom Bahndamm entfernt und in den Sarkophag

gelegt haben und von Brackhampton mit dem Zuge 23 Uhr

55 nach London zurückgefahren sein.

«Alfred?» wiederholte Craddock nachdenklich.

In Rutherford Hall hatte sich die Familie Crackenthorpe

versammelt. Harold und Alfred waren von London

gekommen. Es herrschte ein Stimmengewirr, und die

Stimmung war äußerst gereizt.

Lucy hatte, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, in

einem Krug Cocktails gemixt und brachte sie in die Bibliothek.

Die Stimmen waren in der Halle deutlich zu hören.

Alle Erbitterung richtete sich gegen Emma.

«Es ist ganz und gar dein Fehler, Emma», rief Harold

zornig. «Ich begreife nicht, wie du so kurzsichtig und töricht

sein konntest. Hättest du den Brief nicht Scotland Yard

übergeben und alle diese Verdrießlichkeiten herbeigeführt -»

Alfreds Stimme, die eine höhere Tonlage hatte, sagte:

185

«Du mußt nicht bei Verstand gewesen sein!»

«Fallt doch nicht so über sie her!» sagte Cedric. «Was ge –

schehen ist, ist geschehen. Die Sache wäre viel schlimmer,

wenn die Polizei die Tote im Sarkophag als Martine identifiziert

und wir verschwiegen hätten, daß wir von ihr gehört

hatten.»

«Du hast gut reden, Cedria>, entgegnete Harold zornig.

«Du warst am 2o. Dezember nicht im Lande. Aber für

Alfred und mich selbst ist es höchst unangenehm. Zum

Glück kann ich mich wenigstens erinnern, wo ich an jenem

Nachmittag war und was ich tat. »

«Ich wundere mich nicht, daß du das kannst>, bemerkte

Alfred. «Wenn du einen Mord vorbereitetest, Harold, dann

würdest du ganz bestimmt für ein Alibi sorgen.»

«Und ich bin überzeugt, daß du nicht in dieser

glücklichen Lage bist», erwiderte Harold kalt.

«Hört doch endlich auf!» rief Emma. «Natürlich hat

keiner von euch die Frau ermordet!»

«Und damit du es weißt: Ich war am 2o. durchaus nicht

außer Landes», sagte Cedric. «Und die Polizei weiß es. Wir

stehen also alle unter Verdacht.»

«Wenn Emma nicht gewesen wäre -»

«Fang bloß nicht wieder von vorne an!» rief Emma.

In diesem Augenblick trat Dr. Quimper aus dem Studierzimmer,

wo er dem alten Mr. Crackenthorpe Gesellschaft

geleistet hatte, in die Halle. Sein Blick fiel auf den Krug in

Lucys Hand.

«Was ist das? Cocktails zur Feier des Tages?»

«Eher Öl, um die stürmisch erregten Wogen zu glätten.

Die fallen da drinnen wütend übereinander her.»

«Werfen sie sich gegenseitig Beschuldigungen an den

Kopf?»

«In der Hauptsache bekommt es Emma ab.»

Dr. Quimper hob die Augenbrauen.

186

«Emma?» wiederholte er. Er nahm Lucy den Krug aus

der Hand, öffnete die Bibliothekstür und ging hinein.

«Guten Abend.»

«Ah, Dr. Quimper! Ich habe ein Wort mit Ihnen zu

reden», rief Harold mit lauter, zorniger Stimme. «Ich möchte

wissen, was Sie sich dabei gedacht haben, sich in eine

Privatangele genheit der Familie einzumischen und meiner

Schwester zu raten, Scotland Yard von dem Brief zu

unterrichten.»

Dr. Quimper sagte ruhig:

«Miss Crackenthorpe fragte mich um Rat, und ich gab

ihn ihr. Meiner Meinung nach hat sie völlig richtig

gehandelt.»

Lucy seufzte und schloß die Tür, als eine Stimme hinter

ihr sagte: «Mädchen!»

Es war die vertrauliche Anrede des alten Mr. Crackenthorpe.

Er blickte durch die Tür des Studierzimmers unmittelbar

hinter Lucys Rücken.

Lucy wandte sich etwas widerstrebend um.

«Ja, Mr. Crackenthorpe?»

«Was gibt es heute abend zum Dinner? Ich möchte

Curry. Sie verstehen Curry gut zu machen. Es ist lange her,

daß wir Curry hatten.»

«Aber -»

«Ich möchte schönen heißen Curry, haben Sie gehört?»

«All right, Mr. Crackenthorpe. Sie sollen ihn

bekommen.»

«Das ist recht. Sie sind ein gutes Mädchen, Lucy. Sie sorgen

für mich – und ich werde für Sie sorgen.»

Lucy kehrte in die Küche zurück. Sie hatte Hühnerfrikassee

machen wollen, brach aber die Vorbereitungen ab und

trug zusammen, was sie für den Curry brauchte. Die Haustür

fiel dröhnend ins Schloß. Durch das Fenster sah sie Dr.

187

Quimper mit zornigen Blicken aus dem Haus kommen, in

seinen Wagen steigen und fortfahren.

Iucy seufzte. Sie vermißte die Jungen. Und in gewisser

Weise fehlte ihr auch Bryan.

Also schön. Sie setzte sich hin und begann die Pilze zu

rösten. Auf jeden Fall sollte die Familie ein vorzügliches

Dinner haben. Fütterung der Raubtiere!

Es war kurz vor 3 Uhr in der Frühe, als Dr. Quimper

seinen Wagen in die Garage fuhr. Er machte einen sehr

müden Eindruck. Mrs. Josh Simpkins hatte ihrer bereits

achtköpfigen Familie gesunde Zwillinge hinzugefügt, über

deren Ankunft der Vater allerdings keine große Begeisterung

gezeigt hatte. Dr. Quimper ging die Treppe hinauf in sein

Schlafzimmer und begann sich gerade auszuziehen, als das

Telefon läutete.

Dr. Quimper stieß einen Fluch aus und nahm den Hörer

ab.

«Hier ist Lucy Eyelesbarrow von Rutherford Hall. Ich

glaube, es wäre gut, wenn Sie sofort herkämen. Alle

scheinen krank geworden zu sein.»

«Krank? Wie? Was für Symptome?»

Lucy zählte sie auf.

«Komme sofort. Inzwischen . . .» Er gab ihr ein paar

kurze Anweisungen.

Dann griff er wieder nach seinen Kleidern, legte noch

dies und das in seine Arzttasche und eilte die Treppe

hinunter zu seinem Wagen.

Drei Stunden später saßen der Doktor und Lucy – beide

ziemlich angegriffen – am Küchentisch und tranken starken

Kaffee.

«Ha!» Dr. Quimper leerte seine Tasse in einem Zug und

setzte sie mit einem Klirren auf die Untertasse. «Das hab ich

188

gebraucht. Jetzt, Miss Eyelesbarrow, lassen Sie uns zur

Sache kommen!»

Lucy blickte ihn an. Die Müdigkeit zeichnete sich

deutlich in seinem Gesicht ab. Er sah jetzt älter aus als

vierundvierzig, das Haar an seinen Schläfen war grau, unter

seinen Augen bemerkte sie dunkle Schatten.

«Soweit ich es beurteilen kann», sagte der Doktor, «sind

sie jetzt alle außer Gefahr. Aber wie ist es dazu gekommen?

Das möchte ich wissen. Wer hat das Essen gekocht?»

«Ich», sagte Lucy.

«Und was war es? Im einzelnen?»

«Pilzsuppe, Huhn und Curryreis, Weinschaum. Außerdem

Hühnerleber in Speck. »

«All right. Fangen wir mit der Pilzsuppe an. Aus einer

Konservendose, vermute ich.»

«Natürlich nicht. Ich habe sie gemacht. »

«Sie haben Sie gemacht? Woraus?»

«Einem halben Pfund Pilze, Hühnerfleisch, Milch, Einbrenne

und Zitronensaft. »

«Danach möchte man sagen: Es müssen die Pilze

gewesen sein.»

«Es waren nicht die Pilze. Ich habe selber von der Suppe

gegessen und fühle mich ganz wohl.»

«Ja, Sie fühlen sich ganz wohl. Ich habe das nicht vergessen.

»

«Wenn Sie glauben -»

«Ich glaube es nicht. Sie sind ein außerordentlich intelligentes

Mädchen. Wenn ich geglaubt hätte, was ich, wie Sie

dachten, geglaubt haben soll, dann würden Sie jetzt ebenfalls

stöhnend im Bett liegen. Aber ich weiß sehr genau Bescheid

über Sie. Ich habe nur die Mühe gemacht, Erkundigungen

einzuziehen.»

«Warum?»

Dr. Quimpers Lippen bildeten einen scharfen Strich.

189

«Weil ich es für notwendig erachte, über die Leute Bescheid

zu wissen, die hierher kommen und sich hier festsetzen.

Sie sind eine gut beleumdete junge Frau, die diese Stellung

übernommen hat, weil sie sich ihren Lebensunterhalt

verdienen muß. Und Sie scheinen früher niemals mit der

Familie Crackenthorpe irgendwie in Verbindung gestanden

zu haben. Sie sind also weder Cedrics noch Harolds, noch

Alfreds Freundin, die hilft, eine schmutzige Arbeit zu erledigen.

»

«Glauben Sie wirklich -»

«Ich glaube eine Menge», sagte Dr. Quimper. «Aber ich

muß vorsichtig sein. Das ist das Schlimmste am Beruf eines

Arztes. Wir wollen jetzt fortfahren: Huhn mit Reis und

Curry. Haben Sie selber davon gegessen?»

«Nein. Wenn man Curry gekocht hat, dann hat man vom

Kochen schon genug, finde ich. Natürlich habe ich davon

gekostet. Im übrigen aß ich Suppe und etwas Weinschaum. »

«Wie haben Sie den Weinschaum serviert?»

«In Gläsern.»

«Wieviel von dem Geschirr ist schon abgewaschen?»

«Alles ist schon abgewaschen und weggeräumt.»

Dr. Quimper stöhnte.

«Man kann auch übereifrig sein», sagte er.

«Ja, so wie die Dinge sich entwickelt haben, sehe ich es

ein, aber ich fürchte, da ist nun nichts mehr zu ändern.»

«Was haben Sie noch für Reste?»

«In einer Schüssel, die in der Speisekammer steht,

befindet sich noch ewas Curry. Ich wollte den Rest heute

abend für eine Currysuppe verwenden. Es ist auch noch

etwas Pilzsuppe übrig, aber kein Weinschaum und keine

Hühnerle ber.»

«Ich werde den Curry und die Suppe mitnehmen. Wie

steht es mit Chutney? Gab es welches dazu?»

«Ja. Es befindet sich in einem der Tonkrüge.»

190

«Auch das möchte ich haben.»

Er stand auf.

«Ich gehe jetzt hinauf und sehe nach, wie es allen geht.

Können Sie dann die Festung bis zum Morgen halten? Nach

jedem von Zeit zu Zeit sehen? Um acht Uhr kann ich eine

Krankenschwester schicken, die von mir genaue Instruktionen

erhält.»

«Bitte, sagen Sie mir geradeheraus: Glauben Sie, es

handelt sich um eine Vergiftung durch das Essen oder um –

also eben um eine Vergiftung?»

«Darauf habe ich Ihnen schon geantwortet. Ärzte dürfen

nicht glauben, sie müssen sicher sein. Wenn die Untersuchung

der Speisereste ein positives Ergebnis hat, dann kann

ich entsprechende Maßnahmen treffen. Andernfalls -»

«Andernfalls?» wiederholte Lucy.

Dr. Quimper legte ihr die Hand auf die Schulter.

«Schauen Sie ganz besonders nach zwei Kranken», sagte

er. «Sehen Sie nach Emma. Ich will nicht, daß ihr etwas

passiert . . .»

In seiner Stimme schwang deutlich Erregung.

«Sie hat noch nicht einmal angefangen, richtig zu leben»,

sagte er. «Und Menschen wie Emma Crackenthorpe sind das

Salz der Erde. Emma – sie bedeutet viel für mich. Ich habe

es ihr noch nicht gesagt, aber ich werde es ihr sagen. Sehen

Sie nach Emma!»

«Darauf können Sie sich verlassen», erwiderte Lucy.

«Und schauen Sie nach dem alten Mann! Ich kann nicht

behaupten, daß ich ihn als Menschen sonderlich schätze,

aber er ist nun einmal mein Patient, und ich bin nicht gewillt,

zu dulden, daß man ihn aus dieser Welt hinausbefördert,

weil dieser oder jener seiner unerfreulichen Söhne – wenn

nicht gar alle drei im Bunde sind – an sein Geld herankommen

möchte.»

Er warf ihr einen komisch erschrockenen Blick zu.

191

«O weh!» sagte er. «Ich habe den Mund zu weit aufgemacht.

Aber halten Sie die Augen offen und den Mund

geschlossen! Sie sind ein vernünftiges Mädchen und begreifen,

was ich meine.»

Inspektor Bacon machte ein bestürztes Gesicht.

«Arsenik?» sagte er. «Arsenik?»

« Ja. Es war im Curry. Hier ist der Rest des Currys.

Lassen

Sie ihn von Ihren Leuten untersuchen. Ich habe nur

flüchtig

eine kleine Probe untersucht, aber das Ergebnis war

eindeu

tig.»

«Es ist also ein Giftmischer am Werk?»

«Es scheint so», erwiderte Dr. Quimper trocken.

«Und sie sind alle krank, sagen Sie – mit Ausnahme von

Miss Eyelesbarrow?»

«Mit Ausnahme von Miss Eyelesbarrow.»

«Das sieht aber seltsam aus. . .»

«Welches Motiv könnte sie haben?»

«Vielleicht eine Art Geistesstörung», überlegte Bacon.

«Miss Eyelesbarrow ist nicht aus dem Gleichgewicht.

Vom medizinischen Standpunkt aus ist Miss Eyelesbarrow

ebenso gesund wie Sie und ich. Im übrigen würde sie, da sie

eine höchst intelligente junge Frau ist, sich schwer hüten, als

einzige frei von Vergiftungssymptomen zu bleiben. Sie

würde tun, was jeder intelligente Giftmischer tut: Sie würde

ein klein wenig von dem vergifteten Curry essen und dann

die Symptome übertreiben.»

«Dann wären Sie nicht imstande, es festzustellen?»

«Daß sie weniger Gift abbekommen hat als die andern?

Wahrscheinlich nicht. Die Menschen reagieren auf Gifte

nicht alle völlig gleich. Dieselbe Menge kann unter Umstän-

192

den einen mehr angreifen als den anderen. Natürlich», fuhr

Dr. Quimper lächelnd fort, «wenn der Patient einmal tot ist,

kann man ziemlich genau feststellen, wieviel Gift er bekommen

hat.»

«Dann könnte es also sein . . .», begann Inspektor Bacon

und machte dann eine Pause, als wolle er seine Gedanken

sammeln. «Dann könnte es also sein, daß ein Mitglied der

Familie mehr Wesens um seine Erkrankung macht, als es

müßte. Jemand, der behauptet, ebenso krank zu sein wie die

andern, um keinen Verdacht zu erregen? Wie ist es damit?»

«Dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen. Deshalb

habe ich Ihnen darüber berichtet. Das Weitere liegt nun in

ihre Händen. Ich habe eine Krankenschwester herbeordert,

der ich vertrauen kann; aber natürlich kann sie nicht überall

zugleich sein. Meiner Meinung nach hat niemand so viel

Gift geschluckt, daß er daran sterben könnte.»

«Sie meinen, der Giftmischer hat einen Fehler gemacht?»

«Nein. Ich halte es für wahrscheinlicher, daß er genug

Arsenik in den Curry tat, um den Anschein einer Lebensmittelvergiftung

hervorzurufen, die man wahrscheinlich den

Pilzen zuschreiben würde. Die Leute sind immer von der

fixen Idee besessen, sie könnten eine Pilzvergiftung erleiden.

Dann würde wahrscheinlich bei einer Person eine

Verschlimmerung eintreten, und sie würde sterben.»

«Weil er dem Betreffenden eine zweite Dosis gegeben

hat?»

Der Arzt nickte.

«Deshalb habe ich Sie sofort unterrichtet, und deshalb

habe ich eine Krankenschwester herbeordert.»

«Weiß sie das von dem Arsenik?»

«Natürlich weiß sie es. Ebenso Miss Eyelesbarrow. Sie

müssen natürlich am besten wissen, was Sie zu tun haben,

aber wenn ich Sie wäre, dann würde ich ihnen allen ganz

klar sagen, daß sie an Arsenikvergiftung leiden. Das wird

193

wahrscheinlich dem Mörder einen höllischen Schreck

einjagen. Er wird es dann nicht wagen, seinen Plan

auszuführen. Er verläßt sich wahrscheinlich auf die Theorie

von der Nahrungsmittelvergiftung.»

Das Telefon auf dem Schreibtisch des Inspektors läutete.

Er nahm den Hörer ab.

«Okay, verbinden Sie!» Er sagte zu Quimper: «Ihre

Krankenschwester ist am Apparat. Ja… Hallo? Hier

Inspektor Bacon . . . Was sagen Sie? Schwerer Rückfall? . . .

Ja . . . Doktor Quimper ist hier bei mir . . . Wenn Sie mit ihm

sprechen wollen . . .»

Er reichte den Hörer dem Doktor.

«Hier Quimper . . . Aha… ja… ganz recht . . . Ja, machen

Sie damit weiter. Wir kommen sofort.»

Erlegte den Hörer auf die Gabel und wandte sich Bacon

zu.

«Wer ist es?»

«Alfred», erwiderte Dr. Quimper. «Und er ist tot.»

194

20

Craddocks Stimme im Telefon klang ungläubig.

«Alfred?» sagte er. «Alfred?»

Bacon erwiderte:

«Sie haben das nicht erwartet?»

«Nein, wahrhaftig nicht. Tatsache ist, daß ich ihn gerade

wegen Mordverdacht verhaften wollte.»

«Ich hörte, er sei von dem Beamten, der in Brackhampton

die Fahrkarten gelocht hat, wiedererkannt worden. Es sah

wirklich so aus, als ob wir den Täter erwischt hätten.»

«Ja», sagte Craddock flau. «Und wir haben uns geirrt.»

Beide schwiegen einen Augenblick.

Dann fragte Craddock:

«Es war doch eine Krankenschwester im Hause. Wie

konnte es denn da passieren?»

«Man kann ihr keinen Vorwurf machen. Miss Eyelesbarrow

war völlig erschöpft und mußte sich einen Augenblick

hinlegen. Die Schwester hatte jetzt fünf Patienten zu versorgen.

Den alten Mann, Emma, Cedric, Harold und Alfred. Sie

konnte nicht überall zugleich sein. Wie es scheint, machte

der alte Mr. Crackenthorpe großen Lärm. Er sagte, er stürbe.

Sie ging zu ihm, beruhigte ihn, kehrte in die Küche zurück

und brachte Alfred etwas Tee mit Traubenzucker. Er trank

ihn, und dann war es geschehen.»

«Wieder Arsenik?»

«Es scheint so. Natürlich hätte es ein Rückfall sein

können, aber Quimper glaubt es nicht, und Johnson stimmt

ihm bei.»

«Ob Alfred wirklich das Opfer hatte sein sollen?»

grübelte Craddock zweifelnd.

195

«Sie meinen, während Alfreds Tod niemand irgendwelchen

Nutzen bringt, hätte der Tod des Vaters ihnen allen

Nutzen gebracht? Vielleicht ist es ein Irrtum gewesen – vielleicht

hat jemand geglaubt, der Tee sei für den Alten bestimmt.

»

«Ist es sicher, daß das Gift auf diese Weise eingegeben

wurde?»

«Nein, sicher ist es nicht. Die Schwester hat, wie sie es

gewohnt ist, alles gleich gereinigt. Tassen, Löffel, Teekanne

und so weiter. Aber es scheint die einzige Möglichkeit

gewesen zu sein, dem Opfer das Gift zuzuführen.»

«Das bedeutet», sagte Craddock nachdenklich, «daß

offenbar einer der Patienten nicht so krank war wie die

andern, daß er sich die Gelegenheit zunutze machte und das

Gift in die Tasse tat.»

«Diese Scherze werden nun aufhören», sagte Inspektor

Bacon grimmig. «Wir haben jetzt zwei Krankenschwestern

hinzugezogen, dazu kommt noch Miss Eyelesbarrow, und

ich habe auch zwei meiner Leute nach Rutherford Hall beordert.

Sie kommen doch?»

«So schnell ich kann.»

Lucy Eyelesbarrow kam durch die Halle, um Inspektor

Craddock zu begrüßen. Sie sah blaß und mitgenommen aus.

«Sie haben eine schwere Zeit durchgemacht», sagte

Craddock.

«Es kommt mir alles wie ein gräßlicher Alptraum vor,

der kein Ende nimmt», erwiderte Lucy.

«Was diesen Curry anbetrifft -»

«War es der Curry?»

«Ja, er war mit Arsenik vermischt.»

«Wenn das so ist», sagte Lucy, «dann muß es doch einer

von der Familie sein.»

«Gibt es keine andere Möglichkeit?»

196

«Nein. Ich bereitete diesen unseligen Curry erst sehr spät

zu – nach 18 Uhr -, weil Mr. Crackenthorpe ihn ausdrücklich

verlangt hatte. Und ich mußte eine neue Dose mit Currypulver

öffnen. Es konnte damit also nichts geschehen sein. Ich

vermute, Curry würde den Geschmack überdecken?»

«Arsenik hat keinen Geschmack», erwiderte Craddock etwas

zerstreut. «Und wie steht es nun mit der Gelegenheit?

Wer von ihnen hatte die Möglichkeit, an den Curry heranzukommen,

bevor er aufgetragen wurde?»

Lucy überlegte.

«Die Sache liegt so», sagte sie, «daß sich jeder in die

Küche hätte schleichen können, während ich im

Speisezimmer den Tisch deckte.»

«Ich verstehe. Wer also war im Hause? Der alte Mr.

Crackenthorpe, Emma, Cedric -»

«Harold und Alfred. Sie waren am Nachmittag von London

gekommen. Ja, und dann Bryan – Bryan Eastley. Aber er

ging kurz vor dem Dinner fort. Er mußte sich mit jemandem

in Brackhampton treffen.»

Craddock sagte nachdenklich:

«Das paßt zu der Erkrankung des alten Mannes in der

Weihnachtszeit. Quimper hatte damals den Verdacht, es sei

eine Arsenikvergiftung gewesen. Schienen sie letzte Nacht

alle gleich krank zu sein?»

Lucy dachte nach.

«Mir scheint, der alte Mr. Crackenthorpe war wohl am

übelsten dran. Dr. Quimper hatte mit ihm eine fürchterliche

Mühe. Cedric machte am meisten Aufhebens. Bekanntlich

stellen sich kräftige, gesunde Leute immer besonders an.»

«Und Emma?»

«Es ging ihr recht schlecht.»

«Ich begreife es nicht», sagte Craddock. «Warum

Alfred?»

197

«Ob es wirklich Alfred hatte sein sollen?» meinte Lucy

nachdenklich.

«Das habe ich mich auch schon gefragt.»

«Es scheint doch so sinnlos.»

«Könnte ich nur das Motiv für alle diese Vorgänge

finden», sagte Craddock. «Da scheint doch etwas nicht zu

stimmen. Die erdrosselte Frau im Sarkophag war Edmund

Crackenthorpes Witwe. Wir müssen es jedenfalls annehmen,

nach allem, was wir wissen. Es muß zwischen diesem Mord

und der Vergiftung Alfreds eine Verbindung bestehen. Die

Lösung muß innerhalb der Familie zu suchen sein. Selbst

wenn man annimmt, einer von ihnen sei geisteskrank, hilft

das nicht viel.»

«Nein», pflichtete Lucy bei.

«Nehmen Sie sich in acht!» warnte Craddock.

«Vergessen Sie nicht, daß hier im Hause ein Giftmischer am

Werk ist. Einer Ihrer Patienten ist vermutlich nicht so krank,

wie er tut.»

Nachdem Craddock fortgefahren war, ging Lucy langsam

wieder nach oben. Als sie am Zimmer des alten Mr.

Crackenthorpe vorüberkam, rief eine gebieterische,

wenngleich durch die Krankheit geschwächte Stimme sie an:

«Mädchen – Mädchen! Sind Sie es? Kommen Sie

herein!»

Lucy trat ins Zimmer.

Mr. Crackenthorpe lag, von einer Menge Kissen gestützt,

im Bett. Für einen Kranken sah er nach Lucys Meinung

merkwürdig gut gelaunt aus.

«Das Haus ist voll von den verwünschten Krankenschwestern

», sagte Mr. Crackenthorpe. «Sie rascheln herum, machen

sich wichtig, messen meine Temperatur, geben mir

nicht zu essen, was ich haben möchte, und die ganze Geschichte

dürfte einen tüchtigen Batzen Geld kosten. Sagen

198

Sie Emma, sie soll sie fortschicken. Sie können nach mir

sehen, das genügt.»

«Alle sind krank geworden, Mr. Crackenthorpe», erwiderte

Lucy. «Ich kann unmöglich nach jedem sehen.»

«Pilze», sagte Mr. Crackenthorpe. «Verflucht gefährliche

Dinger. Es war die Suppe, die wir gestern abend hatten. Sie

haben sie gemacht», fügte er vorwurfsvoll hinzu.

«Die Pilze waren ganz in Ordnung, Mr. Crackenthorpe.»

«Ich tadle Sie nicht, Lucy, nein, ich tadle Sie nicht. So

etwas ist schon öfter vorgekommen. Ein elender Pilz mischt

sich unter die andern, und schon ist es geschehen. Niemand

weiß es im voraus. Sie sind ein braves Mädchen. Sie würden

es niemals mit Absicht tun. Wie geht es Emma?»

«Sie fühlt sich heute nachmittag etwas besser.»

«Und Harold?»

«Auch besser.»

«Wie ist das? Alfred ist abgekratzt?»

«Niemand hätte Ihnen das erzählen sollen, Mr. Crackenthorpe.

»

Mr. Crackenthorpe lachte. Es war ein wieherndes, höchst

amüsiertes Lachen.

«Ich höre alles. Sie können vor dem alten Mann nichts

verbergen, aber sie versuchen es. Alfred ist also tot? Nun

kann er mich wenigstens nicht mehr auspressen, und er

bekommt auch nichts von dem Geld. Sie warten alle darauf,

daß ich sterbe. Alfred hat ganz besonders darauf gelauert.

Jetzt ist er tot. Mir scheint, das ist ein guter Witz.»

«Sie sollten nicht so sprechen, Mr. Crackenthorpe», sagte

Lucy ernst. «Das ist nicht schön von Ihnen.»

Mr. Crackenthorpe lachte wieder.

«Ich werde sie alle überleben», krähte er. «Sie werden es

sehen, Lucy. Sie werden sehen!»

199

Lucy ging in ihr Zimmer, nahm das Wörterbuch und las,

was da über das Wort «Tontine» stand. Nachdenklich schloß

sie das Buch und blickte starr vor sich hin.

«Ich begreife nicht, weshalb Sie mich sprechen wollen»,

sagte Dr. Morris irritiert.

«Sie haben die Familie Crackenthorpe lange gekannt»,

sagte Inspektor Craddock.

«ja, ich kannte alle Crackenthorpes. Ich erinnere mich

noch gut an den alten Josiah. Er war ein großer Geizhals,

aber ein schlauer Mann. Er machte eine Menge Geld.» Er

blickte unter seinen buschigen Augenbrauen Inspektor

Craddock forschend an. «Sie haben also auf Quimper, diesen

Narren, gehört>, sagte er. «Diese eifrigen jungen Ärzte! Was

die alles für Ideen haben! Quimper hat es sich in den Kopf

gesetzt, jemand habe den Versuch gemacht, Luther

Crackenthorpe zu vergiften. Blödsinn! Gewiß, er hatte

Verdauungstörungen. Ich behandelte sie. Die Anfälle waren

nicht häufig, und es war nichts Besonderes an ihnen.»

«Dr. Quimper schien anderer Meinung zu sein»,

erwiderte Craddock.

«Anderer Meinung?» wiederholte Dr. Morris ärgerlich.

«Ich sollte doch wohl eine Arsenikvergifiung erkennen,

wenn ich sie sehe.»

«Viele sehr bekannte Ärzte haben sie nicht erkannt», betonte

Craddock. «Wiederholt wurden Leute ordnungsgemäß

begraben, ohne daß die Ärzte, die sie behandelt hatten, auch

nur einen Augenblick auf den Gedanken gekommen wären,

sie könnten vergiftet worden sein. Und es waren alles angesehene

Ärzte.»

«All right», sagte Dr. Morris. «Sie sagen also, ich hätte

mich irren können. Nun, ich bin nicht der Meinung, daß ich

mich geirrt habe.» Er schwieg einen Augenblick und fuhr

dann fort: «Wer sollte es denn Quimpers Meinung nach

200

getan haben – wenn es sich wirklich um eine

Arsenikvergiftung handelt?»

«Das weiß er nicht», erwiderte Craddock. «Aber er macht

sich seine Gedanken. Schließlich ist doch sehr viel Geld vorhanden.

»

«Ja, ich weiß. Und sie bekommen es erst, wenn Luther

Crackenthorpe gestorben ist. Und sie brauchen es alle sehr

nötig. Das ist richtig, aber daraus folgt doch nicht, daß sie

den alten Mann umbringen wollen, um an das Geld

heranzukommen.»

«Nicht unbedingt», stimmte Inspektor Craddock zu.

«Jedenfalls», sagte Dr. Morris, «ist es mein Grundsatz,

nie ohne hinreichenden Grund einen Verdacht zu äußern. Ich

gebe zu, daß das, was Sie mir eben erzählt haben, mich

etwas erschüttert hat. Anscheinend Arsenik in großem

Maßstab. Aber ich sehe noch immer nicht ein, weshalb Sie

zu mir gekommen sind. Alles, was ich sagen kann, ist, daß

ich diesen Verdacht nicht hatte. Vielleicht hätte ich

argwöhnisch sein sollen. Vielleicht hätte ich die

Verdauungsstörungen Luther Crackenthorpes ernster

nehmen müssen. Aber das liegt nun lange zurück.»

«Gewiß», räumte Craddock ein. «Was ich von Ihnen

möchte, ist, daß Sie mir etwas mehr über die Familie Crackenthorpe

erzählen. Finden sich in ihr irgendwelche Anzeichen

von Geistesstörungen, irgendwelche Absonderlichkeiten?

»

«Ich wundere mich nicht, daß Sie diese Frage stellen»,

erwiderte Dr. Morris. «Nun, der alte Josiah war geistig

völlig gesund. Seine Frau war neurotisch, neigte zur

Schwermut. Sie starb bald nach der Geburt ihres zweiten

Sohnes. Ich möchte sagen, Luther erbte von ihr eine gewisse

Unstetig keit. Als junger Mann war er wie alle, aber er stritt

sich dauernd mit seinem Vater. Sein Vater fühlte sich

enttäuscht, und ich denke, Luther litt darunter und grübelte

201

darüber nach, bis es zu einer Art Besessenheit wurde. Das

übertrug sich auf sein eigenes Eheleben. Sie werden schon

bemerkt haben, daß er gegen seine eigenen Söhne eine

heftige Abneigung fühlt. Seine Töchter hatte er gern, sowohl

Emma wie auch Edie, die gestorben ist.»

«Warum verabscheut er seine Söhne so sehr?>

«Danach müssen Sie einen dieser Psychologen fragen,

die neuerdings Mode geworden sind. Ich vermute, daß

Luther unter gewissen Minderwertigkeitsgefühlen leidet, die

auf seiner finanziellen Situation beruhen. Er besitzt ein

Einkommen, kann aber in keiner Weise über das Kapital

verfügen. Hätte er die Möglichkeit, seine Söhne zu enterben,

würde er sie vermutlich nicht so hassen. Das Bewußtsein, in

dieser Hinsicht keine Macht zu besitzen, erzeugt bei ihm ein

gewisses Gefühl der Demütigung.»

«Darum ist er wohl so erfreut bei dem Gedanken, er

würde sie alle überleben?» meinte Inspektor Craddock.

«Das ist möglich. Es dürfte auch die Wurzel seines

Geizes sein. Ich denke, er hat von seinem ansehnlichen

Einkommen eine beträchtliche Summe beiseite gelegt.»

Inspektor Craddock kam ein neuer Gedanke.

«Vermutlich hat er seine Ersparnisse jemandem

vermacht. Das jedenfalls kann er doch.»

«ja, das kann er, aber Gott mag wissen, wem er das Geld

zukommen lassen will. Vielleicht Emma. Aber ich zweifle

daran. Vielleicht hat er die Ersparnisse seinem Enkel

Alexander vermacht.»

«Er hat ihn wohl gern?» fragte Craddock.

«Ich hatte immer den Eindruck. Er war ja auch das Kind

seiner Tochter, nicht eines Sohnes. Das mag einen Unterschied

gemacht haben. Er hatte auch eine gewisse

Zuneigung zu Bryan Eastley, Edies Gatten. Ich kenne Bryan

freilich nicht gut, denn ich habe seit Jahren niemanden von

der Familie mehr gesehen. Aber es fiel mir auf, daß er nach

202

Kriegsende lange arbeitslos war. Er besitzt die

Eigenschaften, die man in Kriegszeiten braucht: Mut,

Einsatzbereitschaft und die Neigung, die Zukunft für sich

sorgen zu lassen. Ich glaube nicht, daß er Stetigkeit besitzt.

Wahrscheinlich wird er es zu nichts Rechtem bringen,

sondern sich treiben lassen.»

«Soweit Sie wissen, finden sich in der jüngeren

Generation keinerlei Anzeichen einer geistigen Anomalie?»

«Cedric ist ein exzentrischer Typ. Einer von jenen Menschen,

die von Natur aus Rebellen sind. Ich möchte nicht

behaupten, daß er völlig normal ist, aber wer ist das

eigentlich? Harold ist kein sehr angenehmer Charakter, kalt,

auf seinen Vorteil bedacht. Aber anormal? Kaum. Alfred hat

etwas Abwegiges an sich. Er war schon immer so. Ich sah

ihn einmal Geld aus der Sammelbüchse eines Missionars

nehmen. So etwas bringt er fertig. Aber der arme Kerl ist ja

nun tot. Ich sollte nichts Schlechtes über ihn sagen.»

«Und wie ist es . . . » , Craddock zögerte, «mit Emma

Crackenthorpe?»

«Ein nettes, ruhiges Mädchen, aber man weiß nie, was sie

denkt. Sie hat ihre eigenen Gedanken und behält sie für sich.

Sie besitzt mehr Charakter, als man nach ihrem Auftreten

und ihrer allgemeinen Erscheinung glauben sollte.»

«Sie kannten wohl auch Edmund, den Sohn, der in Frankreich

fiel?»

«ja. Er war der Beste von allen. Ein netter Junge.»

«Haben Sie je etwas davon gehört, daß er, kurz bevor er

fiel, eine Französin heiratete oder hatte heiraten wollen?»

Dr. Morris krauste die Stirn.

«Mir ist so, als hätte ich etwas davon gehört. Aber es ist

zu lange her.»

«Es war zu Anfang des Krieges, nicht wahr?»

«Ja. Aber ich bin überzeugt, er hätte es bereut, wenn er es

getan hätte.»

203

«Das ist schon möglich – nach dem, was wir jetzt

wissen», meinte Craddock.

Er berichtete ganz kurz über das, was in Rutherford Hall

geschehen war.

«Ich erinnere mich, daß ich in den Zeitungen von einer

toten Frau las, die in einem Sarkophag versteckt gewesen

war. Ich wußte aber nicht, daß sich das in Rutherford Hall

abspielte.»

«Es besteht Grund zu der Annahme, daß diese Tote Edmund

Crackenthorpes Witwe gewesen ist.»

«Das ist außerordentlich! Wer konnte ein Interesse daran

haben, die Arme zu töten? Ich meine, wie hängt das mit der

Arsenikvergiftung in der Familie Crackenthorpe zusammen?

»

«Vielleicht will jemand das ganze Vermögen, das Josiah

Crackenthorpe hinterlassen hat, an sich bringen.»

«Dann muß er ein verdammter Narr sein», sagte Dr. Morris.

«Er wird unsinnige Steuern zu zahlen haben.»

204

21

«Was ist das?» fragte Mr. Crackenthorpe mißbilligend.

«Fleischbrühe und gebackener Eierrahm», erwiderte

Lucy.

«Nehmen Sie das weg!» sagte Mr. Crackenthorpe. «Das

Zeug rühre ich nicht an. Ich sagte zu der Krankenschwester,

ich wolle Beefsteak.»

«Dr. Quimper meint, Sie sollten vorläufig noch kein

Beefsteak haben», wandte Lucy ein. Mr. Crackenthorpe

schnaubte.

«Ich bin im Grunde genommen schon wieder völlig gesund.

Ich stehe morgen auf. Wie ist das mit den andern?»

«Mr. Harold geht es viel besser», erwiderte Lucy. «Er

kehrt morgen nach London zurück.»

«Gut, daß wir ihn loswerden», erklärte Mr.

Crackenthorpe befriedigt. «Und Cedric? Besteht Hoffnung,

daß er morgen auf seine Insel zurückkehrt?»

«Er wird wohl noch nicht sofort abfliegen.»

«Schade. Was macht Emma? Warum kommt sie nicht zu

mir?»

«Sie liegt noch im Bett, Mr. Crackenthorpe.»

«Frauen verpimpeln sich immer», sagte Mr. Crackenthorpe.

«Aber Sie sind ein gesundes, kräftiges Mädchen»,

fügte er beifällig hinzu. «Sie laufen den ganzen Tag herum,

he?»

«Ich habe viel Bewegung», erwiderte Lucy.

Der alte Mr. Crackenthorpe nickte.

«Sie sind tüchtig. Glauben Sie nicht, ich hätte vergessen,

was ich neulich zu Ihnen sagte. Eines Tages werden Sie’s

sehen. Es geht nicht immer nach Emmas Kopf, und hören

205

Sie nicht auf die andern, wenn die Ihnen erzählen, ich sei ein

geiziger alter Mann. Ich gehe sparsam mit meinem Geld um.

Ich habe ein ganz hübsches Sümmchen beiseite gelegt,

und ich weiß, für wen ic h es ausgeben werden, wenn die Zeit

kommt.»

Lucy verließ schnell das Zimmer und tat, als sähe sie die

Hand nicht, die sie festzuhalten suchte.

Das nächste Tablett bekam Emma.

«Oh, vielen Dank, Lucy. Ich fühle mich schon wieder

ganz frisch. Und ich habe Hunger. Das ist doch sicher ein

gutes Zeichen.» Während Lucy das Tablett auf Emmas

Knien absetzte, fuhr diese fort:

«Ich mache mir Gedanken um Ihre Tante. Sie hatten

wohl noch keine Zeit, nach ihr zu sehen?»

«Nein, noch nicht. Machen Sie sich keine Sorgen, Miss

Crackenthorpe. Sie weiß, daß wir es jetzt sehr schwer haben.

»

«Haben Sie bei ihr angerufen?»

«Nein. In letzter Zeit nicht.»

«Dann rufen Sie sie doch bitte an. Jeden Tag. Es macht

alten Leuten viel Freude, wenn sie Neuigkeiten hören. »

«Sie sind sehr freundlich», sagte Lucy. Ihr Gewissen

quälte sie etwas, als sie nach unten ging, um das nächste

Tablett zu holen. Die Sorge für die vielen Kranken im Hause

hatte sie völlig in Anspruch genommen, und sie hatte keine

Zeit gehabt, an etwas anderes zu denken. Doch jetzt

beschloß sie, Miss Marple anzurufen, sobald sie Cedric sein

Tablett gebracht hatte.

Es war nur noch eine einzige Krankenschwester im

Hause. Der begegnete Lucy auf dem Treppenabsatz.

Cedric, der unwahrscheinlich ordentlich und sauber aussah,

saß in seinem Bett und schrieb eifrig.

«Womit beschäftigen Sie sich denn da?» erkundigte sich

Lucy.

206

«Ich mache Pläne», erwiderte Cedric. «Ich überlege, was

ich mit dem Haus und so weiter anfangen werde, wenn der

Alte abkratzt. Ist ein ganz hübscher Besitz, müssen Sie wissen.

Ich kann mich nur nicht entschließen, ob ich selber

etwas daraus machen soll oder ob ich es verkaufe. Ist sehr

wertvoll für industrielle Zwecke. Das Haus eignet sich auch

für eine Klinik oder eine Schule. Ich frage mich, ob ich nicht

vie lleicht bloß die Hälfte von dem Grund und Boden

verkaufen soll, um dann das Geld für irgendein kühnes

Unternehmen in die andere Hälfte zu stecken. Was meinen

Sie?»

«Sie haben es noch nicht», antwortete Lucy trocken.

«Ich werde es aber haben», sagte Cedric. «Es wird nicht

wie das übrige aufgeteilt; ich bekomme alles. Wenn ich es

für einen anständigen Preis verkaufe, bekomme ich Kapital

in die Hand. Es ist dann kein Einkommen, und ich brauche

keine hohen Steuern darauf zu zahlen. Geld in rauhen Mengen.

Bedenken Sie das!»

«Ich habe immer gedacht, Sie verachten das Geld», bemerkte

Lucy.

«Natürlich verachte ich das Geld, wenn ich keins habe»,

gab Cedric zu. «Das ist das einzige, was man dann tun kann,

um seine Würde zu bewahren. Was für ein hübsches Mädchen

Sie doch sind, Lucy! Oder finde ich das bloß, weil ich

seit einiger Zeit keine gutaussehende Frau mehr gesehen

habe?»

«Wahrscheinlich», erwiderte Lucy.

«Machen Sie immer noch alles sauber, und räumen Sie

noch immer überall auf?»

«Jemand scheint Sie aufgeräumt zu haben», sagte Lucy,

ihn betrachtend.

«Ja, die verwünschte Schwester», sagte Cedric. «Ist die

Leichenschau wegen Alfreds Tod schon gewesen? Was geschah?

»

207

«Die Leichenschau wurde vertagt», sagte Lucy.

«Die Polizei ist vorsichtig. Dieses Vergiften geht einem

allmählich auf die Nerven. Finden Sie nicht auch? Passen

Sie nur auf, daß Ihnen nichts passiert, meine Liebe.»

«Ich passe auf», erwiderte Lucy.

«Ist Alexander schon in die Schule zurückgefahren?»

«Ich denke, er ist noch bei den Stoddart-Wests. Soviel ich

weiß, beginnt die Schule erst übermorgen.»

Bevor Lucy selber ihren Lunch nahm, rief sie Miss

Marple an.

«Es tut mir schrecklich leid, daß ich nicht zu Ihnen habe

kommen können. Aber hier ist wirklich gar zuviel zu tun.»

«Natürlich, meine Liebe. Natürlich. Außerdem läßt sich

im Augenblick auch nichts weiter machen. Wir müssen eben

warten.»

«Ja. Aber worauf warten wir?»

«Elsbeth McGillicuddy müßte sehr bald wieder hier

sein», erwiderte Miss Marple. «Ich habe ihr geschrieben, sie

möchte das nächste Flugzeug nehmen und herkommen, es

sei ihre Pflicht. Machen Sie sich also keine Sorgen, meine

Liebe.»

Ihre Stimme klang gütig und beruhigend.

«Sie denken doch nicht . . . », begann Lucy, brach dann

aber ab.

«Daß es noch mehr Tote geben wird? Hoffentlich nicht,

meine Liebe. Aber man kann ja nie wissen… Hinter allem,

was da vorgeht, muß viel Schlechtigkeit stecken.»

Lucy legte den Hörer auf und ging in die Küche, um zu

lunchen. Mrs. Kidder war im Begriff zu gehen.

«Sie werden doch allein fertig werden, Miss?» fragte sie,

scheinbar besorgt.

«Gewiß», erwiderte Lucy kurz.

Sie ging mit dem Tablett, auf dem ihr Essen stand, in das

kleine Arbeitszimmer. Sie war gerade dabei, den Lunch zu

208

beenden, als sich die Tür öffnete und Bryan Eastley hereinkam.

«Hallo», sagte Lucy. «Sie hätte ich nicht erwartet.»

«Das kann ich mir denken», erwiderte Bryan. «Wie geht’s

den Kranken?»

«Oh, viel besser. Harold kehrt morgen nach London zurück.

»

«Was halten Sie eigentlich von der Sache? War es

wirklich Arsenik?»

«Ja, es war Arsenik», erwiderte Lucy.

«In den Zeitungen hat noch nichts davon gestanden.»

«Nein, ich glaube, die Polizei will es zunächst für sich

behalten.»

«Wer mag das Gift in das Essen getan haben?»

«Am wahrscheinlichsten ist wohl, daß ich es war», sagte

Lucy.

Bryan blickte sie ängstlich an.

«Aber Sie waren es doch nicht, nicht wahr?» fragte er. Er

schien etwas erschrocken zu sein.

«Nein. Ich war es nicht>, beruhigte Lucy ihn.

Niemand hatte Gelegenheit gehabt, sich an dem Curry zu

schaffen zu machen. Sie hatte ihn gekocht, sie war allein in

der Küche gewesen, und sie hatte ihn selber aufgetragen.

Nur einer von den fünf Leuten, die sich zum Essen niedersetzten,

hatte Arsenik in den Curry tun können.

«Warum sollten Sie auch?» fuhr Bryan fort. «Sie haben

doch gar nichts damit zu schaffen. Übrigens hoffe ich, Sie

haben nichts dagegen, daß ich wieder hergekommen bin?»

«Nein, natürlich nicht. Wollen Sie bleiben?»

«Ich würde ganz gern etwas bleiben, wenn ich Ihnen

nicht zu lästig falle.»

«O nein, das läßt sich schon machen.»

209

«Wissen Sie, ich bin zur Zeit ohne Beschäftigung, und

ich bekomme das allmählich satt. Macht es Ihnen auch sicher

nichts aus?»

«Und wenn es mir wirklich etwas ausmachte, so habe ich

doch nicht zu bestimmen. Es ist Miss Emmas Sache.»

«Oh, Emma hat sicher nichts dagegen», erwiderte Bryan.

«Sie ist immer sehr nett zu mir. Sie zeigt nur nicht gern, was

in ihr vorgeht. Das Leben hier und die Fürsorge für den alten

Mann würden die meisten Leute nicht aushalten. Schade,

daß sie nicht geheiratet hat. Jetzt dürfte es zu spät dazu

sein.»

«Das glaube ich nicht», erwiderte Lucy.

Sie stand auf und nahm das Tablett.

«Lassen Sie mich das Tablett tragen», sagte Bryan, es ihr

abnehmend.

Sie gingen zusammen in die Küche.

«Soll ich Ihnen beim Abwaschen helfen? Ich mag diese

Küche gern», fuhr er fort. «Ich weiß wohl, daß die meisten

Menschen das nicht verstehen würden. Aber ich habe das

ganze Haus gern. Ein schrecklicher Geschmack, nicht wahr?

Man könnte ohne weiteres ein Flugzeug im Park landen»,

fügte er begeistert hinzu.

Er nahm ein Geschirrtuch und begann die Löffel und Gabeln

abzutrocknen.

«Ein Jammer, daß Cedric es erben wird», bemerkte er.

«Er wird es sofort verkaufen und gleich wieder ins Ausland

gehen. Ich weiß nicht, weshalb England ihm nicht gut genug

ist. Harold würde das Haus auch nicht haben wollen, und für

Emma ist es doch viel zu groß. Fiele es an Alexander,

könnten wir hier zusammen glücklich leben. Aber natürlich

wäre es nett, wenn eine Frau im Hause wäre.» Er blickte

Lucy nachdenklich an. «Doch was hat es für einen Zweck,

darüber zu spekulieren? Damit Alexander das Haus erbte,

müßten erst alle miteinander sterben, und das ist wenig

210

wahrscheinlich, nicht wahr? Übrigens könnte der Alte, bloß

um sie alle zu ärgern, leicht hundert Jahre alt werden. Über

Alfreds Tod hat er sich ja nicht sehr aufgeregt, nicht wahr?»

«Nein», erwiderte Lucy kurz.

«Er ist ein richtiges altes Ekel», schloß Bryan Eastley.

211

22

«Es ist kaum zu glauben, was die Leute für Gerüchte

verbreiten», berichtete Mrs. Kidder entrüstet. «Natürlich

höre ich nicht darauf», fügte sie nach einer kurzen Pause

hinzu, offensichtlich enttäuscht, daß Miss Lucy sich nicht

auf ein Gespräch einlassen wollte.

Es läutete.

«Da kommt der Arzt», vermutete Lucy und ging selber

die Tür öffnen.

Aber es war nicht der Arzt. An der Tür stand eine große

elegante Dame in einem Nerzmantel. Vor dem Haus hielt ein

Rolls-Royce mit einem Chauffeur am Steuer.

«Könnte ich bitte Miss Emma Crackenthorpe sprechen?»

Es war eine sympathische Stimme. Auch die Dame selber

sah sehr sympathisch aus. Sie mochte etwa fünfunddreißig

Jahre alt sein, hatte dunkles Haar und wirkte sehr gepflegt.

«Bedaure», sagte Lucy. «Miss Crackenthorpe ist krank.

Sie liegt im Bett und kann niemanden empfangen.»

«Es ist sehr wichtig, daß ich mit ihr spreche.»

«Ich fürchte -», begann Lucy.

Die fremde Dame unterbrach sie.

«Wenn ich nicht irre, sind Sie Miss Eyelesbarrow?»

lächelte sie. «Mein Sohn hat von Ihnen gesprochen. Ich bin

Lady Stoddart-West. Alexander ist jetzt bei uns.»

«Ach so», sagte Lucy.

«Und es ist wirklich sehr wichtig, daß Miss

Crackenthorpe mich empfängt», fuhr die Dame fort. «Ich

weiß von ihrer Krankheit, und ich versichere Ihnen, es

handelt sich nicht um einen einfachen Besuch. Die Jungen

haben mir einiges erzählt, und darum denke ich, die Sache

212

ist sehr wichtig. Ich möchte gern mit Miss Crackenthorpe

sprechen. Wollen Sie nicht fragen, ob sie mich empfängt?»

«Bitte, treten Sie ein.» Lucy führte die Besucherin in das

Wohnzimmer. «Ich werde Miss Crackenthorpe fragen.«

Sie klopfte an Emmas Tür und trat ein.

«Lady Stoddart-West ist hier», sagte sie. «Sie möchte

dringend mit Ihnen sprechen.»

«Lady Stoddart-West?» Emma machte ein überraschtes

Gesicht. «Es ist doch nichts mit dem Jungen passiert – mit

Alexander?» fragte sie erschrocken.

«Aber nein», versuchte Lucy sie zu beruhigen. «Ich bin

sicher, mit den beiden ist alles in Ordnung. Es scheint sich

um etwas zu handeln, was sie ihr erzählt haben.»

«Nun, schön . . . »Emma zögerte. «Ich werde sie wohl

empfangen müssen. Sehe ich ordentlich aus, Lucy?»

«Sie sehen sehr gut aus», versicherte Lucy.

Emma setzte sich im Bett auf und legte einen rosa Schal

um ihre Schultern. Ihr dunkles Haar war sauber gebürstet

und gekämmt. Lucy hatte auf den Frisiertisch eine Schale

mit Herbstlaub gestellt. Das Zimmer machte gar nicht den

Eindruck eines Krankenzimmers.

«Ich fühle mich eigentlich wohl genug, um aufstehen zu

können», sagte Emma. «Dr. Quimper meinte, morgen könne

ich das Bett verlassen.»

«Ja, Sie sehen wirklich wieder ganz gesund aus»,

bestätigte Lucy. «Soll ich Lady Stoddart-West

heraufführen?»

«Ja, bitte.»

Lucy ging wieder nach unten.

«Wollen Sie mir bitte folgen?»

Sie führte die Besucherin nach oben, öffnete ihr die Tür

und schloß sie hinter ihr. Lady Stoddart West trat mit ausgestreckten

Händen ans Bett.

213

«Miss Crackenthorpe? Ich bitte vielmals um Entschuldigung,

daß ich Sie so unvermutet überfalle. Ich glaube, ich

habe Sie einmal auf dem Sportfest der Schule gesehen.»

«Ja», sagte Emma. «Ich erinnere mich gut an Sie. Bitte,

nehmen Sie doch Platz.»

Lady Stoddart-West rückte sich den Stuhl neben dem

Bett zurecht und setzte sich. Dann sagte sie mit leiser

Stimme:

«Sie müssen es sehr sonderbar finden, daß ich plötzlich

zu Ihnen komme. Aber ich habe einen Grund, einen

wichtigen Grund, wie mir scheint. Die Jungen haben mir

nämlich dies und das erzählt. Sie waren sehr aufgeregt, weil

hier ein Mord passiert war. Ich muß gestehen, mir gefiel das

nicht. Ich war nervös. Ich wollte James sofort nach Hause

holen, als ich davon hörte. Aber mein Gatte lachte. Er

meinte, der Mord habe doch ganz offensichtlich mit dem

Haus und der Familie nichts zu tun, und wenn er an seine

eigene Jugend denke, dann könne er gut verstehen, daß es

den beiden ungeheuren Spaß mache, Detektiv zu spielen. Es

wäre grausam, wollte man sie dieses Vergnügens berauben.

Ich gab schließlich nach und erklärte mich einverstanden,

daß sie hier blieben, bis sie verabredetermaßen beide zu uns

kämen, um bei uns die letzten Ferientage zu verleben.»

Emma unterbrach sie: «Sind Sie der Meinung, wir hätten

Ihren Sohn früher fortschicken müssen?»

«Nein, nein! Das wollte ich nicht sagen. Es fällt mir sehr

schwer, mit Ihnen über gewisse Dinge zu sprechen, aber was

ich Ihnen zu sagen habe, muß gesagt werden. Die Jungen

haben eine ganze Menge in Erfahrung gebracht. Vieles

haben sie auch aufgeschnappt. Sie erzählten mir, die Polizei

sei der Meinung, die ermordete Frau sei eine Französin

gewesen, die Ihr ältester Bruder, der im Krieg fiel, in

Frankreich kennengelernt hatte. Ist das richtig?»

«Es besteht die Möglichkeit>, erwiderte Emma.

214

«Haben Sie einen bestimmten Grund zu glauben, die Leiche,

die im Sarkophag gefunden wurde, sei diese Martine?»

«Wie ich Ihnen sagte, besteht die Möglichkeit.»

«Aber warum glaubt die Polizei denn, sie sei es? Hatte

die Tote Briefe bei sich oder Papiere?»

«Nein. Nichts dergleichen. Aber Sie müssen wissen, daß

ich von dieser Martine einen Brief bekam.»

«Sie bekamen einen Brief – von Martine?»

«Ja. Sie schrieb, sie sei jetzt in England und wolle mich

besuchen. Daraufhin lud ich sie ein, herzukommen. Aber

dann schickte sie ein Telegramm, in dem es hieß, sie müsse

nach Frankreich zurückkehren. Vielleicht kehrte sie tatsächlich

nach Frankreich zurück – wir wissen es nicht. Aber

später wurde ein Briefumschlag gefunden, auf dem ihre englische

Adresse stand. Das scheint zu beweisen, daß sie tatsächlich

hier gewesen war. Doch ich begreife wirklich

nicht…» Sie brach ab.

Lady Stoddart-West sagte schnell:

.«Sie begreifen nicht, was mich das angehen kann? Sie

haben recht. Ich an Ihrer Stelle würde es auch nicht begreifen.

Aber als ich das alles hörte, wenn auch vielleicht etwas

verstümmelt oder verwirrt, da mußte ich mir Gewißheit verschaffen,

ob wirklich alles so war -»

«Ja?» sagte Emma.

«Und nun muß ich Ihnen etwas sagen, was ich Ihnen

niemals hatte sagen wollen. Sehen Sie: Ich bin Martine Dubois.

»

Emma starrte ihre Besucherin an, als könne sie einfach

nicht verstehen, was sie da hörte.

«Sie!» sagte Emma völlig entgeistert. «Sie sind

Martine?»

Die andere nickte lebhaft.

«Ja. Ich lernte Ihren Bruder Edmund in den ersten Tagen

des Krieges kennen. Er wurde in unserem Haus einquartiert.

215

Nun, das übrige wissen Sie. Wir verliebten uns ineinander

und beabsichtigten, zu heiraten. Dann kam Dünkirchen, und

Edmund wurde als vermißt gemeldet. Später kam die Nachricht,

er sei gefallen. Ich will nicht mit Ihnen über die damalige

Zeit sprechen. Es ist lange her und überwunden. Aber

ich möchte Ihnen doch sagen, daß ich Ihren Bruder sehr

geliebt habe…

Dann kamen schreckliche Zeiten. Die Deutschen

besetzten Frankreich. Ich arbeitete für die

Widerstandsbewegung. Ich gehörte zu denen, die die

Aufgabe hatten, Engländer durch Frankreich zu lotsen, damit

sie nach England zurückkehren konnten. Auf diese Weise

lernte ich meinen jetzigen Gatten kennen. Er war Offizier

bei der Air Force und in Frankreich mit einem Fallschirm

abgesprungen, um bestimmte Aufga ben durchzuführen. Als

der Krieg zu Ende war, heirateten wir. Ich überlegte, ob ich

Ihnen schreiben oder Sie besuchen solle. Aber ich beschloß,

es nicht zu tun. Ich dachte, es habe keinen Sinn, alte

Erinnerungen aufzurühren. Ich hatte ein neues Leben

begonnen.»

Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:

«Ich möchte Ihnen aber doch sagen, daß es mich mit

einer seltsamen Freude erfüllte, als ich erfuhr, daß der engste

Freund meines Sohnes James ein Junge war, in dem ich

Edmunds Neffen erkannte. Alexander sieht Edmund sehr

ähnlich, wie Sie selber wohl gemerkt haben. Es schien mir

eine sehr glückliche Fügung zu sein, daß James und Alexander

sich derartig miteinander befreundeten.»

Sie beugte sich vor und legte die Hand auf Emmas Arm.

«Verstehen Sie, liebe Emma, daß ich, als ich die

Geschichte von dem Mord hörte und erfuhr, man glaube, die

Tote sei die Martine, die Edmund gekannt hatte, daß ich da

herkommen und Ihnen die Wahrheit sagen mußte? Eine von

216

uns beiden, Sie oder ich, muß die Polizei unterrichten. Wer

auch immer die tote Frau sein mag – Martine ist sie nicht.»

«Ich kann es kaum fassen», sagte Emma, «daß Sie die

Martine sein sollen, von der mein lieber Edmund mir geschrieben

hat.»

Sie schüttelte seufzend den Kopf. Plötzlich kam ihr ein

Gedanke. Sie runzelte verwundert die Stirn.

«Aber eins verstehe ich nicht. Haben Sie mir denn den

Brief geschrieben?»

Lady Stoddart-West schüttelte den Kopf.

«Nein, natürlich nicht. Ich habe Ihnen nicht

geschrieben.»

«Dann muß also . . .» Emma brach ab.

«Dann muß also jemand sich für Martine ausgegeben haben,

weil er auf diese Weise aus Ihnen Geld herauspressen

wollte. Ja, so muß es gewesen sein. Wer aber hat den Brief

geschrieben?»

Emma sagte langsam:

«Ich vermute, es gibt Leute aus der damaligen Zeit, die

alles wußten?»

Lady Stoddart-West zuckte die Achseln.

«Ja, wahrscheinlich. Aber niemand stand mir nahe, mit

niemandem verkehrte ich näher, und ich habe nie davon

gesprochen, seitdem ich in England bin. Warum wartete der

Briefschreiber denn so lange? Merkwürdig! Höchst merkwürdig!

»

Emma sagte: «Ich verstehe es nicht. Wir müssen

abwarten, was Inspektor Craddock dazu sagt.» Plötzlich fuhr

sie, ihre Besucherin liebevoll anblickend, fort: «Ich freue

mich so, daß ich Sie schließlich doch kennengelernt habe,

meine Liebe.»

«Ich freue mich auch, daß ich Sie nun kenne. Edmund hat

sehr oft von Ihnen gesprochen. Er hatte Sie sehr lieb. Ich bin

217

glücklich in meinem neuen Leben, aber dennoch – völlig

vergessen ha be ich ihn nicht.»

Emma lehnte sich zurück und seufzte tief.

«Solange wir fürchteten, die Tote könne Martine sein,

schien die Familie mit dem Mord etwas zu tun zu haben.

Jetzt ist mir eine Last von der Seele gefallen. Ich weiß nicht,

wer die arme Frau war, aber mit uns kann sie nicht in

Verbindung gestanden haben.»

218

23

«Sie sehen immer noch recht elend aus», stellte die

Sekretärin fest, als sie Harold Crackenthorpe seinen

gewohnten Nachmittagstee brachte.

«Es geht mir wieder ganz gut>, beteuerte Crackenthorpe.

Sein Zustand war recht bedenklich gewesen, aber jetzt hatte

er das Schlimmste hinter sich.

Merkwürdig, dachte er, daß Alfred draufgegangen, der

Alte aber durchgekommen war, obgleich der seit Jahren

kränklich war. Wenn man von einem hätte erwarten sollen,

daß er nicht durchkommen würde, dann war es der Alte.

Aber nein! Es hatte Alfred getroffen, der, soviel Harold

wußte, kerngesund gewesen war. Es hatte ihm eigentlich nie

etwas gefehlt.

Er lehnt sich seufzend zurück. Sein Geschäft stand auf

der Kippe. Bald schien sich alles zum Guten zu wenden,

bald kam ein Rückschlag. Er blickte sich um. Dieses reich

ausgestattete Büro, das matt schimmernde Holz, die teuren

Stühle, alles sah nach Reichtum aus. Bis jetzt war seine

finanzielle Solidität noch nicht angezweifelt worden. Aber

sehr lange ließ sich der Bankrott nicht mehr verhindern.

Wenn doch nur sein Vater statt Alfred abgekratzt wäre, wie

es eigentlich der Fall hätte sein müssen! Aber dem Alten

schien Arsenik ausgezeichnet zu bekommen…

Er nahm Hut und Mantel und verließ das Büro. Es würde

gut sein, wenn er sich noch ein bis zwei Tage etwas

Schonung gönnte.

Darwin, sein Diener, öffnete die Tür, als er zu Hause anlangte.

«Madam ist gerade angekommen, Sir», meldete er.

219

Einen Augenblick starrte Harold ihn an. Alice! Du lieber

Gott, hatte Alice heute nach Hause kommen wollen? Er

hatte das ganz vergessen! Nur gut, daß Darwin ihn

rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht hatte. Es hätte

keinen guten Eindruck gemacht, wenn er nach oben

gegangen und bei ihrem Anblick gar zu erstaunt gewesen

wäre. Allzuviel allerdings, meinte er, hätte es auch nicht

geschadet. Weder er noch Alice machten sich über ihre

gegenseitigen Gefühle Illusionen.

Alles in allem war sie eine große Enttäuschung für ihn.

Natürlich war er nie verliebt in sie gewesen, aber ihre

Familie und ihre Beziehungen hatten sich zweifellos als

nützlich erwiesen. Vielleicht nicht als so nützlich, wie sie

hätten sein können, denn als er Alice heiratete, hatte er auch

an Kinder gedacht. Seine Jungen hätten angenehme

Verwandte gehabt. Aber es waren weder Jungen noch

Mädchen gekommen, und so waren er und Alice beide älter

geworden, ohne daß sie einander viel zu sagen gehabt und an

ihrem Zusammenleben, viel Freude gehabt hätten.

Er ging nach oben, trat ins Wohnzimmer und begrüßte sie

förmlich.

«Du bist also wieder da, meine Liebe. Entschuldige, daß

ich dich nicht abgeholt habe, aber ich wurde in der City

festgehalten.»

Alice war eine magere Frau mit sandfarbenem Haar,

einer aristokratischen Nase und nußbraunen Augen.

«Emmas Telegramm hat mich sehr beunruhigt>, sagte

Alice. «Ihr wurdet alle krank, hörte ich?»

«Ja», erwiderte Harold.

«Ich las neulich in der Zeitung», sagte Alice, «daß in

einem Hotel vierzig Leute gleichzeitig schwer erkrankten.

Diese Kühlschränke sind eine gefährliche Sache. Die Leute

bewahren die Lebensmittel zu lange darin auf.»

220

«Das ist möglich», erwiderte Harold. Sollte er oder sollte

er nicht von dem Arsenik sprechen? Ein Blick auf Alice aber

sagte ihm, es habe keinen Zweck. In ihrer Welt war kein

Platz für Arsenikvergiftung. Man las davon wohl in den

Zeitungen, aber einen selber oder die eigene Familie ging

das nichts an. Und doch war es der Familie Crackenthorpe

passiert.

Er ging in sein Zimmer und legte sich eine Weile hin,

bevor er sich zum Dinner umzog. Beim Dinner, das er mit

seiner Frau allein einnahm, sprach man über Bekannte und

Freunde.

«Auf dem Tisch in der Halle liegt ein kleines Päckchen

für dich», sagte Alice.

«In der Halle? Ich habe nichts gesehen.»

«Da fällt mir übrigens ein: Jemand erzählte mir, man

habe eine ermordete Frau in einem Schuppen oder

dergleichen gefunden. Es soll in Rutherford Hall passiert

sein. Es handelt sich wohl um einen anderen Ort gleichen

Namens.»

«Nein», erwiderte Harold. «Es handelt sich um unseren

Schuppen. Leider.»

«Ist es möglich? Eine ermordete Frau in einem unserer

Schuppen? Rutherford Hall! Und du hast mir nichts davon

erzählt?»

«Dazu war noch nicht viel Zeit>, sagte Harold.

«Übrigens war das höchst unangenehm. Natürlich hat die

Sache mit uns nichts zu tun. Die Presse berichtete groß

darüber, und wir hatten natürlich die Polizei im Hause und

allerlei Scherereien.»

«Sehr unangenehm», sagte Alice. «Haben sie herausbe –

kommen, wer es getan hat?» fragte sie teilnahmslos.

«Noch nicht», erwiderte Harold.

«Was war es für eine Frau?»

«Das weiß niemand. Wie es scheint, eine Französin.»

221

«Sehr ärgerlich für euch alle», bemerkte sie weise.

Sie gingen aus dem Speisezimmer in das kleine Arbeitszimmer,

in dem sie für gewöhnlich saßen, wenn sie allein

waren. Harold fühlte sich jetzt sehr erschöpft. Ich werde früh

zu Bett gehen, dachte er.

Er nahm das kleine Päckchen vom Tisch in der Halle,

von dem Alice gesprochen hatte. Es war sehr klein und

sauber versiegelt. Harold öffnete es, während er sich in

seinem gewohnten Sessel am Kamin niederließ.

In dem Päckchen war eine kleine Tablettenschachtel mit

einem Etikett, auf dem vermerkt stand: «Zwei Tabletten

abends zu nehmen.» Beigefügt war ein kleiner Zettel mit der

Firmenaufschrift eines Apothekers in Brackhampton. Auf

ihm stand geschrieben: «Auf Anordnung von Dr. Quimper. »

Harold Crackenthorpe runzelte die Stirn. Er öffnete die

Schachtel und betrachtete die Tabletten. Sie schienen die

gleichen zu sein, die er während seiner Krankheit genommen

hatte. Aber Dr. Quimper hatte doch gesagt, er brauche keine

mehr zu nehmen? «Die werden Sie jetzt nicht mehr brauchen

», waren seine Worte gewesen.

«Was ist denn, mein Lieber?» fragte Alice. «Du machst

ein so verwundertes Gesicht.»

«Ich habe solche Tabletten abends einnehmen müssen,

aber mir war doch so, als habe der Arzt gesagt, ich brauche

keine mehr zu nehmen.»

«Vielleicht hat er gesagt: », meinte Alice.

«Möglich», sagte Harold. Aber er schien nicht ganz überzeugt

zu sein. Die blassen, forschenden Augen seiner Frau

beunruhigten ihn irgendwie.

«Ich denke, ich werde zu Bett gehen», sagte er. «Es ist

der erste Tag, an dem ich wieder in der City war.»

222

«Ja», stimmte Alice ihm bei. «Ich glaube auch. Der Arzt

hat sicher gesagt, du sollst dich die ersten Tage noch

schonen.»

«Das sagen die Ärzte immer», meinte Harold.

«Und vergiß nicht, deine Tabletten zu nehmen», erinnerte

Alice ihn und reichte ihm die Schachtel.

Er sagte gute Nacht und ging nach oben. Ja, er brauchte

die Tabletten. Es wäre falsch, zu früh damit aufzuhören. Er

schluckte zwei und trank ein Glas Wasser hinterher.

223

24

«Niemand hätte die Sache mehr verpfuschen können, als

ich es getan habe», sagte Dermot Craddock düster. Er saß,

völlig übermüdet und niedergeschlagen, in dem etwas

überladenen Wohnzimmer der treuen Florence.

Miss Marple erhob abwehrend die Hand.

«O nein, das ist nicht richtig. Niemand kann behaupten,

daß die Polizei schlecht gearbeitet habe.»

«So! Nennen Sie das gute Arbeit? Mußte ich nicht untätig

zusehen, wie eine ganze Familie vergiftet wurde? Alfred

Crackenthorpe ist tot und jetzt auch Harold. Was, zum Teufel,

geht eigentlich in Rutherford Hall vor?»

«Vergiftete Tabletten», sagte Miss Marple.

«Ja. Verteufelt schlau war alles eingefädelt. Die Tabletten

sahen genauso aus wie die, die er immer genommen hatte.

Beigefügt war ein Rezeptformular, auf dem geschrieben

stand: Und Quimper

hatte sie gar nicht verordnet. Es war ein Etikett des Apothekers.

Und der Apotheker weiß von nichts. Die Schachtel

kam aus Rutherford Hall.»

«Wissen Sie ganz genau, daß sie aus Rutherford Hall

stammt?»

«Ja. Wir haben gründlich nachgeforscht. Es ist die

Schachtel, in der sich die Beruhigungstabletten für Emma

befunden hatten.»

«Sieh mal einer an! Für Emma also . . .»

«Ja. Ihre Fingerabdrücke sind darauf. Und die Fingerabdrücke

von beiden Schwestern. Und die Fingerabdrücke

des Apothekers. Sonst natürlich keine. Derjenige, der sie

geschickt hat, war vorsichtig.»

224

«Die Beruhigungstabletten waren also entfernt und durch

andere ersetzt worden?»

«Ja. Das ist das Verflixte bei Tabletten. Eine sieht aus

wie die andere.»

«Da haben Sie nur zu recht>, stimmte Miss Marple bei.

«Was waren das übrigens für Tabletten?»

«Aconitin – Eisenhut. Diese Tabletten bewahrt man für

gewöhnlich in einer Giftflasche auf und verwendet sie im

Verhältnis eins zu hundert zur äußerlichen Behandlung.»

«Und Harold schluckte die Tabletten und starb», sagte

Miss Marple nachdenklich.

Dermot Craddock stöhnte.

«Sie müssen schon entschuldigen, wenn ich mich bei

Ihnen gehenlasse. Die Tatsache bleibt bestehen, daß ich alles

vollkommen verpfuscht habe. Sie lassen einen Mann aus

Scotland Yard kommen. Und was tut er? Er blamiert sich

unsterblich.»

«Aber nein doch!» protestierte Miss Marple.

«Sie mögen sagen, was Sie wollen, es ist so. Ich weiß

nicht, wer Alfred vergiftet hat, ich weiß nicht, wer Harold

vergiftet hat, und das Tollste von allem: Ich habe keine

Ahnung, wer die ermordete Frau eigentlich war. Die

Annahme, es sei Martine, schien doch so fest begründet.

Alles schien zu passen – und dann tritt die wirkliche Martine

in Erscheinung, und so unwahrscheinlich es klingt, es ist

niemand anders als die Gattin von Sir Robert Stoddart-West.

Wer also ist die Frau, die im Sarkophag gefunden wurde?

Der Himmel mag es wissen! Zuerst verfolge ich den

Gedanken, es sei Anna Strawinska, und dann zeigt sich, daß

sie es nicht sein. kann -»

Miss Marple unterbrach ihn durch ihr bedeutungsvolles

Hüsteln.

«Wirklich nicht?» murmelte sie.

Craddock starrte sie an.

225

«Aber die Postkarte aus Jamaika?»

«Gewiß», sagte Miss Marple. «Aber ist sie ein wirklicher

Beweis? Ich meine, jeder kann doch wohl von fast

überallher eine Postkarte schicken lassen. Ich muß da an

Mrs. Brierly denken. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch.

Schließlich mußte sie zur Beobachtung in eine Nervenklinik

gehen. Da sie Angst hatte, die Kinder könnten es erfahren,

schrieb sie ungefähr vierzehn Postkarten und sorgte dafür,

daß sie von verschiedenen Orten im Ausland abgeschickt

wurden. Den Kindern aber erzählte sie vorher, sie mache

eine große Reise.» Sie blickte Dermot Craddock an und

schloß: «Sie verstehen wohl, was ich meine.»

«Ja, natürlich», sagte Craddock. «Wir hätten selbstverständlich

auch wegen der Postkarte Nachforschungen angestellt,

wenn die Geschichte nicht so glaubhaft gewesen wäre

nach allem, was wir über Martine wußten. »

«Ja, es war sehr geschickt gemacht», murmelte Miss

Marple.

«Es paßte so ausgezeichnet», fuhr Craddock fort. «Aber

nun ist doch noch der Brief da, den Emma erhielt und der die

Unterschrift trägt. Lady Stoddart-

West hat ihn nicht abgeschickt. Es muß ihn also jemand

anderer geschickt haben, jemand, der sich für Martine ausgeben

und was sie wußte, zu Geld machen wollte. Das können

Sie doch nicht leugnen.»

«Nein, gewiß nicht.»

«Und dann ist da noch der Umschlag des Briefs, den

Emma ihr nach London schrieb. Er wurde in Rutherford Hall

gefunden, und das zeigt doch, daß sie dagewesen ist.»

«Aber die ermordete Frau ist nicht dagewesen!» hob

Miss Marple hervor. «Nicht in dem Sinne, wie Sie meinen.

Sie kam nach Rutherford Hall erst, als sie bereits tot war. Sie

wurde ja aus einem Zug geworfen.»

«Ja, das ist richtig. »

226

«Was der Umschlag in Wirklichkeit beweist, ist etwas

anderes: Der Mörder war in Rutherford Hall. Vermutlich

nahm er ihr den Umschlag zugleich mit ihren Papieren und

sonstigen Sachen ab und verlor ihn dann versehentlich – oder

absichtlich? Inspektor Bacon und Ihre Leute haben doch

gründliche Nachforschungen angestellt und trotzdem den

Umschlag nicht gefunden. Erst später, als die Nachforschungen

beendet waren, tauchte er im Kesselhaus auf.»

«Das ist leicht zu verstehen», meinte Craddock. «Der alte

Gärtner pflegte altes Papier, das irgendwo herumlag, dort

aufzubewahren, um es zu verbrennen.»

«Und daher war es sehr leicht für die Jungen, den Umschlag

zu finden», sagte Miss Marple nachdenklich.

«Sie meinen, er wurde in der Absicht dorthin gelegt, daß

wir ihn finden sollten?»

«Ich halte es für durchaus möglich. Man konnte sich

leicht ausrechnen, wo die beiden demnächst suchen würden,

man konnte es ihnen vielleicht sogar nahelegen. Ja, ich

mache mir so meine Gedanken. Der Fund veranlaßte Sie,

sich nicht weiter mit der Suche nach Anna Strawinska zu

befassen, nicht wahr?»

«Ja. Und Sie glauben, es ist wirklich Anna Strawinska,

die im Sarkophag gefunden wurde?»

«Ich denke nur, jemand bekam Angst, als Sie nach ihrem

Verbleib Nachforschungen anzustellen begannen. Ich denke,

dieser Jemand wünschte nicht, daß nach ihr gefahndet

würde.»

«Halten wir an der Grundtatsache fest, daß jemand die

Absicht gehabt hatte, als Martine aufzutreten, und dann aus

irgendeinem Grund Abstand davon nahm. Aus welchem

Grund aber?»

«Das ist eine sehr interessante Frage», meinte Miss

Marple.

227

«Jemand schickte ein Telegramm, in dem es hieß,

Martine kehre nach Frankreich zurück, und fuhr dann mit

dem Mädchen nach Brackhampton, um sie unterwegs zu

töten. Sind Sie bis dahin einverstanden?»

«Nicht ganz», erwiderte Miss Marple. «Mir scheint, Sie

fassen die Sachlage nicht einfach genug auf.»

«Nicht einfach genug?» rief Craddock. «Sie machen

mich ja ganz konfus.»

Miss Marple sagte betrübt, das sei in gar keiner Weise

ihre Absicht.

«Heraus mit der Sprache!» sagte Craddock. «Glauben Sie

oder glauben Sie nicht, daß Sie wissen, wer die ermordete

Frau ist?»

Miss Marple seufzte.

«Es ist so schwierig», antwortete sie, «es richtig

auszudrük ken. Ich meine, ich weiß nicht, wer sie war. Aber

gleichzeitig glaube ich ziemlich sicher zu wissen, wer sie

war – wenn Sie verstehen, was ich meine.»

Craddock schüttelte den Kopf.

«Ich sollte verstehen, was Sie meinen? Ich habe nicht die

leiseste Ahnung.»

Er blickte durchs Fenster.

«Dort kommt Ihre Lucy Eyelesbarrow Sie besuchen»,

sagte er. «Ich gehe also. Mein Selbstbewußtsein ist heute

nachmittag sehr empfindlich, und eine junge Frau zu sehen,

der man die Tüchtigkeit und den Erfolg schon von weitem

anmerkt, ist mehr, als ich ertragen kann.»

228

25

«Ich habe im Wörterbuch unter nachgelesen»,

sagte Lucy.

Sie wanderte ziellos im Zimmer umher und blieb bald

hier, bald da stehen, um zerstreut diese gehäkelte Decke oder

jene Nippfigur zu betrachten.

«Das hatte ich mir eigentlich gedacht», erklärte Miss

Marple.

Lucy zitierte: «Lorenzo Tonti, italienischer Bankier,

erfand im Jahre 1653 eine Art Rente, bei der die Anteile der

Unterzeichner nach ihrem Tod den Anteilen der

Überlebenden zugeschlagen werden.» Sie machte eine

Pause. «So ist es doch? Es paßt ausgezeichnet, und Sie

haben schon vor den beiden letzten Todesfällen daran

gedacht.»

Sie nahm wieder ihre ruhelose Wanderung auf. Miss

Marple beobachtete sie. Es war eine ganz andere Lucy

Eyelesbarrow als die, die sie bisher gekannt hatte.

«Es mußte eigentlich so kommen», ergriff Lucy wieder

das Wort. «Ein Testament, nach dem schließlich der einzige

Überlebende alles bekommen würde. Und doch – es handelt

sich ja um eine ansehnliche Menge Geld. Man sollte meinen,

es müßte immer noch genug sein, wenn es unter mehrere

verteilt würde . . .»

Wieder schwieg sie.

«Das schlimme isb>, sagte Miss Marple, «daß die

Menschen habgierig sind. Viele Menschen jedenfalls. So

fängt es oft an. Man beginnt nicht zu morden, weil man

gewünscht hat zu morden. Man denkt nicht einmal daran. Es

229

fängt damit an, daß man habgierig ist und mehr zu haben

wünscht, als man bekommt.»

Sie ließ ihr Strickzeug in den Schoß sinken und starrte ins

Leere.

«Bei einer solchen Gelegenheit lernte ich Inspektor Graddock

kennen. Es begann auf dieselbe Weise. Jemand mit

einem an sich durchaus liebenswürdigen Charakter trug Verlangen

nach einer großen Menge Geld, nach Geld, auf das er

keinen Anspruch hatte, das aber, wie es schien, leicht zu

bekommen war. An Mord dachte der Betreffende gar nicht.

Das Geld zu erbeuten schien sehr einfach und so leicht, daß

es eigentlich gar nicht einmal unrecht erschien, danach zu

streben. So fing es an. Und in diesem Fall endete es mit drei

Morden.»

«Hier ist es genauso», sagte Lucy. «Drei Morde haben

wir nun schon. Erst wurde die Frau ermordet, die sich für

Martine ausgab, dann Alfred und schließlich Harold. Jetzt

bleiben nur noch zwei.»

«Sie meinen Cedric und Emma?»

«Nicht Emma. Sie ist kein dunkelhaariger Mann. Nein,

ich meine Cedric und Bryan Eastley. Ich habe nie an Bryan

gedacht, weil er blond ist. Aber neulich . . .»

Sie verstummte.

«Neulich?» wiederholte Miss Marple. «Sprechen Sie sic h

aus! Etwas hat Sie aus der Fassung gebracht, nicht wahr?»

«Es war, als Lady Stoddart-West wegfuhr. Sie hatte sich

verabschiedet und wandte sich dann plötzlich noch mal zu

mir um, als sie in den Wagen stieg. Sie fragte:

Ich konnte zuerst gar nicht verstehen, wen sie meinte, da

Cedric ja noch im Bett lag. Deshalb sagte ich etwas verwundert:

Da sagte sie:

Sie fügte noch hinzu: Aber wir konnten ihn nicht finden.»

Miss Marple sagte nichts, sondern wartete ab.

«Und später», begann Lucy wieder, «betrachtete ich ihn.

Er kehrte mir den Rücken zu, und da sah ich, was ich schon

früher hätte bemerken müssen. Bryans Haar ist eigentlich

nicht blond, sondern leicht bräunlich, und es kann dunkel

erscheinen. Deshalb wäre es durchaus möglich, daß Bryan

der Mann ist, den Ihre Freundin in dem Zug sah.»

«Ja», sagte Miss Marple. «Ich habe schon daran

gedacht.»

, sagte Lucy.

«Gewiß», stimmte Miss Marple zu. «Aber sie haben es

doch ganz gern, nicht wahr? Sie sind ein Mädchen von

Geist, und es ist Ihnen gar nicht unlieb, wenn Sie mal mit

einem andern ihre Kräfte messen können. Ich verstehe wohl,

was Cedric so anziehend macht. Mr. Eastley auf der anderen

Seite ist ein etwas bedauernswerter Typ, er erinnert an einen

unglücklichen kleinen Jungen. Auch das kann natürlich sehr

anziehend sein.»

«Und einer von ihnen ist ein Mörder», sagte Lucy bitter.

«Cedric ist übrigens völlig unberührt vom Tod seiner beiden

Brüder. Er scheint sogar höchst vergnügt zu sein und macht

schon Pläne, was er mit Rutherford Hall anfangen wird,

wenn es ihm erst gehört. Es ist ihm durchaus zuzutrauen,

daß er seine Dickfelligkeit übertreibt.»

«Arme Lucy», murmelte Miss Marple.

«Und dann Bryan», fuhr Lucy fort. «Es ist schwer

verständlich, aber er scheint wirklich den Wunsch zu haben,

232

sich in Rutherford Hall niederzulassen. Er meint, er und

Alexander würden es dort wundervoll haben, und er verfügt

schon in Gedanken darüber.»

«Er baut also Luftschlösser sozusagen?»

«In gewisser Weise ja. Übrigens hängt er auch an Rutherford

Hall, weil es ihn an das Haus erinnert, in dem er aufgewachsen

ist.»

«Ich verstehe», sagte Miss Marple nachdenklich. Dann

fügte sie mit einem Seitenblick auf Lucy schnell hinzu:

«Aber Sie haben noch nicht alles erzählt. Da ist noch etwas,

was Sie ganz besonders beunruhigt. Erzählen Sie!»

«Ja, da ist noch etwas. Erst vor ein paar Tagen ist es mir

klargeworden. Bryan konnte tatsächlich in dem bewußten

Zug gewesen sein.»

«In dem Zug 16 Uhr 33 von Paddington?»

«Ja. Emma glaubte, sie müsse über alles, was sie am 2o.

Dezember getan hat, Auskunft geben. Und da sagte sie, sie

sei zum Bahnhof gegangen, um dort Bryan zu treffen. Es

handelte sich um den Zug 16 Uhr 5o von Paddington. Aber

er konnte auch mit dem früheren Zug gefahren sein und so

getan haben, als käme er mit dem späteren. Er erzählte mir

zufällig, sein Wagen habe eine Panne gehabt und daher sei

er mit dem Zug gekommen. Als er das sagte, klang seine

Stimme ganz natürlich. Er sagte noch, er hasse es, mit der

Bahn zu fahren… Es mag gar nichts daran sein, aber mir

wäre doch lieber, er wäre nicht mit dem Zug gekommen.

Beweisen tut es natürlich nichts. Schrecklich ist nur dieser

ewige Verdacht, weil man nichts Bestimmtes weiß. Vielleicht

werden wir niemals etwas wissen.»

«Natürlich werden wir es bald wissen, meine Liebe»,

sagte Miss Marple munter. «Ich meine, es hört doch nicht

alles plötzlich auf. Soweit ich Mörder kenne, können sie gar

nicht aufhören – jedenfalls nicht, wenn sie erst einen zweiten

Mord begangen haben. Machen Sie sich keine unnötigen

233

Gedanken, Lucy. Die Polizei tut, was sie kann, und das beste

ist, daß Elsbeth McGillicuddy sehr bald hier sein wird.»

234

26

«Nun, Elsbeth, du hast doch ganz genau verstanden, was

ich dich zu tun bitte?»

«Ja, begriffen habe ich es schon», erwiderte Mrs.

McGillicuddy. «Aber es muß doch einen merkwürdigen

Eindruck machen, Jane.»

«Wieso denn?» widersprach Miss Marple. «Ich kann das

nicht finden.»

«Aber ich. Da kommt man in einem fremden Hause an,

und fast in der ersten Sekunde fragt man, ob man mal nach

oben gehen könne.»

«Es ist sehr kaltes Wetter», erklärte Miss Marple, «und

schließlich kannst du ja etwas gegessen haben, was dir nicht

bekommen ist, so daß du mal verschwinden mußt. So etwas

kommt schließlich vor.»

«Wenn du mir doch nur sagen wolltest, was du eigentlich

damit bezweckst, Jane», sagte Mrs. McGillicuddy.

«Eben das möchte ich nicht», erwiderte Miss Marple.

«Man kann sich manchmal wirklich über dich ärgern,

Jane. Erst veranlaßt du mich, früher nach England

zurückzukehren, als ich eigentlich wollte und mußte -»

«Das tut mir aufrichtig leid», sagte Miss Marple. «Aber

ich konnte nicht anders handeln. Es steht nämlich so, daß in

jedem Augenblick jemand ermordet werden kann. Ich weiß

wohl, alle sind auf der Hut, und die Polizei trifft alle Vorsichtsmaßnahmen,

die sie nur treffen kann, aber es besteht

immerhin die Möglichkeit, daß der Mörder zu klug für sie

ist. Deshalb, Elsbeth, war es deine Pflicht zurückzukommen.

Verstehst du denn nicht? Wir wurden doch so erzogen, daß

wir es gewohnt sind, unsere Pflicht zu tun, nicht wahr?»

235

«Sicherlic h wurden wir das», stimmte Mrs. McGillicuddy

zu. « Zu unserer Zeit gab es keine Laxheit.»

«Dann ist also alles in Ordnung», sagte Miss Marple.

«Und da ist das Taxi», fügte sie hinzu, als es vor dem Haus

hupte.

Mrs. McGüficuddy zog ihren schweren Mantel an, und

Miss Marple hüllte sich in eine Menge Schals und Tücher.

Dann stiegen die beiden Damen in das Taxi und fuhren nach

Rutherford Hall.

«Ein Taxi fährt vor. Wer kann das sein?» fragte Emma,

aus dem Fenster blickend. «Ich glaube, es ist Lucys alte

Tante.»

«Wie lästig!» sagte Cedric.

Er lag langgestreckt in einem Liegestuhl und las in einer

Zeitschrift.

«Sag, du seist nicht zu Hause!»

«Wie denkst du dir das? Soll ich etwa an die Tür gehen

und ihr das selber sagen? Oder verlangst du, ich solle Lucy

sagen, sie möchte es ihrer Tante bestellen?»

«Daran hatte ich nicht gedacht>, erwiderte Cedric.

In diesem Augenblick aber öffnete Mrs. Hart, die an die –

sem Tag das Messing zu putzen hatte, die Haustür, und Miss

Marple drängte, ohne sich aufhalten zu lassen, ins Haus. Ihr

folgte eine ältere Dame, die niemand kannte.

«Ich hoffe sehr», sagte Miss Marple, Emmas Hand

ergreifend, «daß wir nicht ungelegen kommen. Sehen Sie,

ich werde übermorgen nach Hause zurückkehren, und ich

brachte es nicht übers Herz abzureisen, ohne mich von Ihnen

verabschiedet und Ihnen noch einmal für Ihre Güte gegenüber

Lucy gedankt zu haben. Aber entschuldigen Sie, ich

vergaß ganz, Ihnen meine Freundin, Mrs. McGillicuddy, die

bl’i mir zu Besuch weilt, vorzustellen. »

Mrs. McGillicuddy reichte Emma die Hand, betrachtete

sie aufmerksam und richtete dann den Blick auf Cedric, der

236

inzwischen aufgestanden war. In diesem Augenblick trat

Lucy ins Zimmer.

«Tante Jane? Ich hatte keine Ahnung. . .»

«Ich mußte unbedingt Miss Crackenthorpe Lebewohl sagen

», unterbrach Miss Marple sie schnell. «Sie ist doch

wirklich zu gütig zu dir gewesen.»

«Wir haben alle Ursache, Miss Lucy dankbar zu sein»,

sagte Emma.

«Ja, das haben wir», bestätigte Cedric. «Wir haben sie

wie einen Galeerensträfling arbeiten lassen. Sie mußte

Kranke pflegen, die Treppen hinauf- und hinunterrennen -»

Miss Marple unterbrach ihn:

«Ich habe zu meinem allergrößten Bedauern von Ihrer

Erkrankung gehört. Ich hoffe, Sie haben sich wieder völlig

erholt, Miss Crackenthorpe?»

«O ja, wir sind wieder ganz gesund», erwiderte Emma.

«Lucy erzählte mir, Sie seien alle sehr krank gewesen.

Wie gefährlich ist doch so eine Nahrungsmittelvergiftung!

Es waren Pilze, hörte ich.»

«Was es eigentlich war, bleibt rätselhaft», sagte Emma.

«Glauben Sie es nicht>, sagte Cedric. «Sie haben sicher

gehört, was man sich so erzählt, Miss -»

«Marple», sagte Miss Marple.

«Also, wie gesagt, Sie haben sicher die Gerüchte gehört.

Alles redet ja darüber. Nichts eignet sich so zum Gesprächsstoff

in der Nachbarschaft wie eine Arsenikvergiftung.»

«Cedric!» sagte Emma vorwurfsvoll. «Ich wünschte, du

sprächest nicht davon. Du weißt doch, Inspektor Craddock

sagte . . .»

«Ach was!» unterbrach sie Cedric. «Jeder weiß es. Selbst

Sie haben etwas davon gehört, nicht wahr?»

Er wandte sich an Miss Marple und Mrs. McGillicuddy.

«Was mich betrifft>, erwiderte Mrs. McGillicuddy, «so

bin ich erst seit vorgestern aus dem Ausland zurück.»

237

«Dann sind Sie also über den Ortsskandal noch nicht unterrichtet

», sagte Cedric. «Im Curry war Arsenik. Das war

die Ursache. Ich möchte wetten, Lucys Tante weiß alles.»

«Ja», sagte Miss Marple, «ich habe wohl so etwas gehört

-wenigstens eine Andeutung -, aber ich wollte Sie nicht in

Verlegenheit bringen, Miss Crackenthorpe.»

«Sie müssen nicht auf meinen Bruder hören», sagte

Emma. «Er ist nun mal so.»

Die Tür öffnete sich, und Mr. Crackenthorpe trat ein. Er

pochte ärgerlich mit seinem Stock auf den Boden.

«Wo ist der Tee?» fragte er. «Warum ist der Tee nicht

fertig? Sie! Mädchen!» wandte er sich an Lucy. «Warum

haben Sie mir den Tee nicht gebracht?»

«Er ist gerade fertig geworden, Mr. Crackenthorpe. Ich

bringe ihn sofort.»

Lucy verließ das Zimmer, und Mr. Crackenthorpe wurde

den beiden Damen vorgestellt.

«Ich liebe es, meine Mahlzeiten pünktlich einzunehmen»,

erklärte Mr. Crackenthorpe. «Pünktlichkeit und Sparsamkeit.

Das sind meine Losungen.»

«Sehr vernünftig und sehr notwendig», sagte Miss

Marple, mit dem Kopf nickend. «Besonders in diesen Zeiten

mit den hohen Steuern.»

Mr. Crackenthorpe schnaubte.

«Steuern! Sprechen wir nicht von der Räuberbande! Ich

bin arm. Bitter arm. Und es wird immer schlechter, statt

besser. Du sollst sehen, mein Junge», wandte er sich an

Cedric. «wenn du dieses Haus mal bekommst, dann wette

ich zehn zu eins, daß die Sozialisten es dir wegnehmen und

eine Wohlfahrtseinrichtung daraus machen. »

Lucy trat mit einem Teetablett wieder herein. Bryan

Eastley folgte ihr mit einem weiteren Tablett, auf dem sich

belegte Brote und Kuchen befanden.

238

«Was ist das hier? Was ist das?!» Mr. Crackenthorpe betrachtete

mit gerunzelter Stirn das Tablett. «Eistorte? Haben

wir heute Gesellschaft? Niemand hat mir ein Wort davon

gesagt.»

Emmas Gesicht überflog eine schwache Röte.

«Dr. Quinmper kommt zum Tee, Vater. Er hat heute Geburtstag

«Geburtstag?» knurrte der alte Mann. «Was braucht der

einen Geburtstag? Geburtstage sind nur für Kinder. Ich

feiere meine Geburtstage nie. Ich erlaube auch nicht, daß

jemand anders sie feiert.»

«Da sparst du eine Menge Geld», erklärte Cedric bissig.

«Die vielen Kerzen allein -»

«Halt gefälligst den Mund!» fuhr Mr. Crackenthorpe ihn

an.

Miss Marple schüttelte Bryan Eastley die Hand.

«Natürlich habe ich von Ihnen gehört>, sagte sie. «Von

Lucy. Wissen Sie auch, daß Sie mich sehr an jemanden erinnern,

den ich in St. Mary Mead gekannt habe? Es war

Ronnie Wells, der Sohn des Anwalts. Er ist doch nicht mit

Ihnen verwandt? Die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend.»

«Nein», erwiderte Bryan. «Ich glaube nicht, daß ich Verwandte

namens Wells besitze.»

«Was für eine schöne Aussicht Sie haben!» wechselte

Miss Marple das Thema, indem sie ans Fenster trat und

hinausschaute.

Emma gesellte sich zu ihr.

«Was für ein weites Parkgelände! Wie malerisch sich die

Kühe von den Bäumen abheben! Man würde es sich nie

träumen lassen, daß man sich mitten in einer Stadt befindet.»

«Ja, wir sind wohl so eine Art Anachronismus», sagte

Emma. «Wären die Fenster offen, dann würden Sie in der

Ferne den Lärm des Verkehrs hören.»

239

«Natürlich», sagte Miss Marple. «Überall ist Lärm, nicht

wahr? Selbst in St. Mary Mead. Wir wohnen in der Nähe

eines Flugplatzes. Es ist einfach gräßlich, wenn die Düsenjä –

ger über einen hinwegbrausen. Man zuckt jedesmal zusammen.

Neulich sind zwei Glasscheiben meines kleinen Treibhauses

zerbrochen. Die Flugzeuge durchbrachen die Schallmauer,

wie man mir sagte. Was das aber eigentlich bedeutet,

ahne ich nicht.»

«Die Sache ist ganz einfach», sagte Bryan liebenswürdig,

indem er auf sie zuschritt. «Sehen Sie, die Sache ist so . . .»

Miss Marple ließ ihre Handtasche fallen; Bryan bückte

sich und hob sie auf. Im selben Moment näherte sich Mrs.

McGillicuddy Emma und murmelte irgend etwas mit

schmerzlich verzogenem Gesicht. Das Gefühl, das in ihm

zum Ausdruck kam, war ganz echt. Denn Mrs. McGillicuddy

verabscheute von ganzem Herzen die Aufgabe, die ihr

zugewiesen war.

«Könnte ich wohl mal nach oben gehen?» fragte sie leise.

«Natürlich», erwiderte Emma.

«Ich zeige Ihnen den Weg», sagte Lucy.

Lucy und Mrs. McGillicuddy verließen zusammen das

Zimmer.

«Was nun die Schallmauer betrifft>, sagte Bryan, «so

liegt die Sache folgendermaßen… Hallo! Da kommt Dr.

Quimper!»

Der Doktor fuhr in seinem Wagen vor. Kurz darauf trat er

ein. Er sah sehr verfroren aus und rieb sich die Hände.

«Wir werden Schnee bekommen», sagte er. «Ich möchte

darauf wetten. Hallo, Miss Emma! Wie geht es Ihnen! Du

lieber Himmel! Was ist denn das?»

«Wir haben eine Geburtstagstorte für Sie gemacht>,

erwiderte Emma. «Wissen Sie noch, daß Sie mir gesagt

haben, Sie hätten heute Geburtstag?»

240

«Aber das habe ich wirklich nicht erwartet», sagte Quimper.

«Wissen Sie, es ist Jahre her – ja, es sind mindestens

sechzehn Jahre, seitdem jemand an meinen Geburtstag gedacht

hat.»

Er machte ein verlegenes Gesicht. Er war sichtlich

gerührt, fühlte sich dabei aber nicht behaglich.

«Kennen Sie Miss Marple?» stellte Emma ihn vor.

«O ja», sagte Miss Marple. «Wir sind uns hier schon

begegnet, und als ich kürzlich eine häßliche Erkältung hatte,

war Doktor Quimper so freundlich, nach mir zu sehen.»

«Hoffentlich sind Sie wieder ganz gesund?» fragte der

Doktor.

Miss Marple versicherte, sie fühle sich wieder völlig in

Ordnung.

«Nach mir haben Sie in letzter Zeit nicht gesehen, Quimper

», bemerkte Mr. Crackenthorpe mißmutig. «Ich hätte ruhig

sterben können, so wenig haben Sie sich um mich

gekümmert.»

«Das dürfte noch gute Weile haben, bis ich Sie sterben

sehe», erwiderte Dr. Quimper.

«Ich habe auch nicht die Absicht>, sagte Mr. Crackenthorpe.

«Kommen Sie! Wir wollen unseren Tee nehmen.

Worauf warten wir noch?»

«O bitte», sagte Miss Marple schnell. «Warten Sie nicht

auf meine Freundin! Sie würde sich fürchterlich aufregen,

wenn Sie es täten.»

Sie setzten sich und langten zu. Miss Marple schien sich

für ein bestimmtes belegtes Brot zu interessieren.

«Ist es -?» fragte sie zögernd.

«Ja, es ist Fisch», sagte Bryan. «Ich habe geholfen, die

Brote zurechtzumachen.»

Mr. Crackenthorpe lachte spöttisch.

«Es ist vergiftete Fischpaste», sagte er. «Ich warne Sie.

Wenn Sie davon essen, tun Sie es auf eigene Gefahr.»

241

«Aber bitte, Vater!»

«Sie müssen in diesem Hause sehr vorsichtig sein, wenn

Sie etwas essen», sagte Mr. Crackenthorpe zu Miss Marple.

«Zwei meiner Söhne wurden vergiftet und starben wie die

Fliegen. Wüßte ich nur, wer dahintersteckt!»

«Lassen Sie sich nicht abschrecken!» sagte Cedric, indem

er Miss Marple die Platte noch einmal anbot. «Wie man

sagt, verbessert etwas Arsenik das Aussehen. Es darf nur

nicht zuviel sein.»

«Iß doch selber davon!» ermunterte ihn der alte Mr.

Crackenthorpe.

«Soll ich den offiziellen Vorkoster abgeben?» fragte

Cedric. «Meinetwegen.»

Er nahm ein mit Fisch belegtes Brot und schob es in den

Mund. Miss Marple lächelte fein und nahm ebenfalls eins.

Sie biß etwas davon ab und sagte:

«Ich finde, es ist sehr tapfer von Ihnen, daß Sie diese

kleinen Scherze machen.»

Plötzlich schluckte sie schwer und begann zu würgen.

«Eine Fischgräte!» keuchte sie. «In meiner Kehle!»

Quimper stand schnell auf. Er ging zu ihr, ließ sie den

Kopf nach hinten legen und sagte, sie möchte den Mund

weit öffnen. Er nahm ein Etui aus der Tasche und wählte

eine kleine Zange aus. Mit professioneller Geschicklichkeit

blickte er der alten Dame in den Hals. In diesem Augenblick

öffnete sich die Tür und Mrs. McGillicuddy, der Lucy

folgte, trat ein. Mrs. McGillicuddy stieß einen Schrei der

Überraschung aus, als ihr Blick auf das lebende Bild am

Fenster fiel: Miss Marple, die den Kopf nach hinten beugte,

und der Doktor, der mit der einen Hand ihren Hals hielt, mit

der andern ihren Kopf nach hinten bog.

«Das ist er!» rief sie. «Das ist der Mann aus dem Zug. . .»

Mit unglaublicher Behendigkeit entwischte Miss Marple

dem Griff des Arztes und eilte zu ihrer Freundin.

242

«Ich hatte zuversichtlich gehofft, du würdest ihn

Wiedererkennen, Elsbeth!» sagte sie. «Nein. Sprich nicht

mehr!» Sie wandte sich triumphierend zu Dr. Quimper. «Sie

haben es wohl nic ht gewußt, Doktor? Aber als Sie die Frau

im Zug erdrosselten, hat jemand es mit angesehen. Meine

Freundin hier, Mrs. McGillicuddy. Verstehen Sie? Sie hat es

mit eigenen Augen gesehen! Sie war in einem anderen Zug,

der parallel zu Ihrem fuhr.»

«Was zum Teufel!»

Dr. Quimper machte eine schnelle Bewegung auf Mrs.

McGillicuddy zu, aber ebenso schnell trat Miss Marple zwischen

sie beide.

«Ja», sagte Miss Marple. «Sie hat Sie gesehen, sie

erkennt Sie wieder, und sie wird es vor Gericht beschwören.

Es kommt sicher nicht oft vor», fuhr Miss Marple mit sanfter

Stimme fort, «daß jemand tatsächlich sieht, wie ein Mord

begangen wird. Für gewöhnlich kann man nur aus den Indizien

Schlüsse ziehen, in diesem Fall aber waren die Umstände

ganz ungewöhnlich. Es gab tatsächlich eine Augenzeugin

des Mordes.»

«Sie alte Hexe!» rief Dr. Quimper.

Er wollte sich auf Miss Marple stürzen, aber diesmal trat

ihm Cedric in den Weg. Er packte ihn an der Schulter.

«Sie also sind der Teufel, der hier als Giftmischer aus

und ein gegangen ist?» sagte er grimmig, indem er ihn

herumriß. «Ich habe Sie nie leiden können, und ich habe

Ihnen nie getraut, aber Gott weiß, ich habe Sie keinen

Augenblick in Verdacht gehabt.»

Bryan Eastley war Cedric schnell zu Hilfe geeilt, und an

der hinteren Tür erschienen Inspektor Craddock und

Inspektor Bacon.

«Dr. Quimper», sagte Bacon. «Ich muß Sie warnen, daß

…»

243

«Fahren Sie zur Hölle mit Ihrer Warnung!» rief Dr.

Quimper. «Denken Sie etwa, irgend jemand wird glauben,

was ein paar verrückte alte Weiber sagen? Wer hat diesen

Blödsinn von einem Zug jemals gehört?»

Miss Marple erwiderte:

«Elsbeth McGillicuddy hat am 2o. Dezember den Mord

sofort bei der Polizei angezeigt und den Mörder beschrie –

ben.»

Dr. Quimper zuckte die Schultern.

«Warum hätte ich eine mir völlig fremde Frau ermorden

sollen?»

«Es war keine fremde Frau», erwiderte Inspektor Craddock.

«Es war Ihre Gattin. »

244

27

«Sie sehen also», führte Miss Marple aus, «daß es

wirklich, wie ich vermutet hatte, höchst einfach war. Viele

Männer bringen, wie es scheint, ihre eigenen Frauen um.»

Mrs. McGillicuddy blickte bald Miss Marple, bald

Inspektor Craddock an.

«Ich wäre Ihnen dankbar», erklärte sie, «wenn Sie mich

über des Rätsels Lösung aufklären würden.»

«Er sah die Möglichkeit, eine reiche Frau, Emma

Crackenthorpe, zu heiraten», begann Miss Marple. «Er

konnte sie nur nicht heiraten, weil er schon eine Frau hatte.

Sie hatten sich vor Jahren getrennt, aber sie weigerte sich, in

die Scheidung einzuwilligen. Das paßte sehr gut zu dem,

was Inspektor Craddock mir von einem Mädchen gesagt

hatte, das sich Anna Strawinska nannte. Sie hatte einen

englischen Gatten, wie sie einer ihrer Freundinnen erzählte,

und es hieß auch, sie sei eine sehr gläubige Katholikin. Dr.

Quimper konnte es nicht riskieren, Emma zu heiraten und in

Bigamie zu leben. Daher beschloß er, ruchlos und kaltblütig,

wie er war, sich seiner Frau zu entledigen. Es war ein kluger

Gedanke, sie im Zug zu ermorden und dann ihre Leiche in

dem Sarkophag zu verbergen. Er wollte dadurch die Familie

Crackenthorpe in den Mord verwickeln. Vorher hatte er

einen Brief an Emma geschrieben, der angeblich von

Martine, dem Mädchen, das Edmund Crackenthorpe hatte

heiraten wollen, stammte. Emma hatte Dr. Quimper alles

von ihrem Bruder erzählt. Als der geeignete Augenblick

gekommen war, ermunterte er sie, zur Polizei zu gehen und

ihre Geschichte zu erzählen. Er wollte, daß die Tote als

Martine identifiziert würde. Vermutlich erfuhr er, daß die

245

französische Polizei nach Anna Strawinska

Nachforschungen anstellte. Daher sorgte er dafür, daß eine

Karte aus Jamaika kam, die sie angeblich geschrie ben hatte.

Er verabredete mit seiner Frau ein Zusammentreffen in

London. Da wird er ihr gesagt haben, er wolle sich mit ihr

versöhnen, und dann veranlaßte er sie, mit ihm nach Brackhampton

zu reisen. Was weiter geschah, darüber wollen wir

nicht sprechen, denn es ist zu gräßlich. Er war ein sehr

habgieriger Mann. Also, sagte er sich, es wäre doch zu

schön, wenn er ein größeres Kapital in die Hände bekäme.

Daher begann er Gerüchte zu verbreiten, jemand wolle MR.

Crackenthorpe vergiften. Als er so den Boden bereitet hatte,

gab er der Familie Arsenik ein. Er hütete sich, die Dosis zu

übertreiben, denn er wollte nicht, daß der alte Mr.

Crackenthorpe stürbe.»

«Aber ich begreife nicht, wie er das gemacht hat»,

wandte Craddock ein. «Er war doch nicht im Hause, als der

Curry angerichtet wurde. »

«Damals war auch noch kein Arsenik im Curry», erklärte

Miss Marple. «Er fügte es erst später dem Curry bei, den er

mitnahm, um ihn zu untersuchen. Wahrscheinlich hatte er in

den Cocktail Arsenik getan. Nun war es natürlich für ihn in

seiner Rolle als ärztlicher Betreuer sehr einfach, Alfred

Crackenthorpe zu vergiften und Harold die vergifteten

Tabletten zu schicken, nachdem er so vorsichtig gewesen

war, ihm zu sagen, er brauche keine Tabletten mehr zu

nehmen.

Ich überlegte, wie ich ihn entlarven könnte. Meine

Freundin hatte ihn ja nur von hinten gesehen, aber ich

wußte, daß jeder Mensch wiedererkannt wird, wenn er in

genau der gleichen Pose gesehen wird. Ich sagte mir, wenn

Elsbeth Dr. Quimper in genau derselben Stellung sehen

würde, in der sie den Mann im Zug gesehen hatte – also ihr

den Rücken zukehrend und über eine Frau gebeugt, die er

246

am Hals gepackt hielt -, daß sie dann so gut wie sicher ihn

Wiedererkennen oder wenigstens ihre Überraschung

irgendwie zum Ausdruck bringen würde. Daher brachte ich

mit Lucys freundlicher Hilfe einen kleinen Plan zur

Ausführung.»

«Ich muß gestehen», sagte Mrs. McGillicuddy, «daß ich

ganz bestürzt war. Noch ehe ich es verhindern konnte, waren

mir schon die Worte: , sagte Mrs. McGillicuddy.

«Ich wollte sagen, ich hätte freilich sein Gesicht nicht

gesehen.»

«Das», sagte Miss Marple, «wäre ganz verhängnisvoll

gewesen. Er glaubte nämlich, meine. Liebe, du hättest ihn

tatsächlich wiedererkannt. Er konnte ja nicht wissen, daß du

sein Gesicht nicht gesehen hattest.»

«Da ist es nur gut, daß ich den Mund gehalten habe»,

sagte Mrs. McGillicuddy.

«Ich hätte dir nicht erlaubt, noch ein Wort zu sagen»,

erklärte Miss Marple feierlich.

Craddock mußte lachen.

«Sie beide!» sagte er. «Sie sind ein wunderbares Paar.

Und was kommt nun, Miss Marple? Wie sieht das

Happy-End aus? Was wird zum Beispiel aus der armen

Emma Crackenthorpe?»

«Ich denke mir, wenn ihr Vater tot ist>, erwiderte Miss

Marple, «und ich glaube nicht, daß seine Gesundheit so gut

ist, wie er immer tut, wenn er also tot ist, wird sie eine

Kreuzfahrt machen und im Ausland bleiben. Vielleicht

findet sie einen netteren Mann als Dr. Quimper. Ich würde

es ihr wünschen.»

247

«Und Lucy Eyelesbarrow? Hören Sie da auch die

Hochzeitsglocken läuten?»

«Vielleicht», antwortete Miss Marple. « Es würde mich

nicht überraschen.»

«Welchen von ihnen wird sie denn wählen?» fragte

Dermot Craddock.

«Wissen Sie es nicht?» sagte Miss Marple.

«Nein, ich weiß es nicht», erwiderte Craddock. «Wissen

Sie es?»

«Oh, ja, ich glaube wohl», sagte Miss Marple.

Und sie blinzelte ihm zu.

– ENDE –

248

Agatha Christie

Agatha Mary Clarissa Miller,

geboren am 15. September 189o

in Torquay, Devonshire, sollte

nach dem Wunsch der Mutter

Sängerin werden. 1914 heiratete

sie Colonel Archibald Christie

und arbeitete während des

Krieges als Schwester in einem

Lazarett. Hier entstand ihr erster

Kriminalroman Das fehlende

Glied in der Kette. Eine

beträchtliche Menge Arsen war

aus dem Giftschrank verschwunden – und die junge Agatha spann

den Fall aus. Sie fand das unverwechselbare

Christie-Krimi-Ambiente.

Gleich in ihrem ersten Werk taucht auch der belgische Detektiv

mit den berühmten »kleinen grauen Zellen« auf: Hercule Poirot,

der ebenso unsterblich werden sollte wie sein weibliches Pendant,

die reizend altjüngferliche, jedoch scharf kombinierende Miss

Marple (Mord im Pfarrhaus).

Im Lauf ihres Lebens schrieb die »Queen of Crime« 67

Kriminalromane, unzählige Kurzgeschichten, 7 Theaterstücke

(darunter Die Mausefalle) und ihre Autobiographie.

1956 wurde Agatha Christie mit dem »Order of the British

Empire« ausgezeichnet und damit zur »Dame Agatha«. Sie starb

am 12. Januar 1976 in Wallingford bei Oxford.

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