Padington by Agatha Christie

nur dahin zu gehen, wo er, wäre er ein Pferd, selber

hingegangen wäre. Er tat es, ging hin und fand das Pferd.»

«Sie fragten sich also, was Sie tun würden, nachdem Sie

einen grausamen und kaltblütigen Mord begangen hätten?»

Craddock betrachtete nachdenklich das leicht gerötete

Gesicht der zerbrechlich aussehenden alten Dame.

«Wirklich, Ihr Geist -»

«, pflegte mein Neffe Raymond

zu sagen», ergänzte Miss Marple, lebhaft nickend. «Aber ich

erwiderte ihm immer, es lasse sich nicht bestreiten, daß ein

Küchenausguß eine notwendige häusliche Bequemlichkeit

darstelle und sehr hygienisch sei.»

«Vielleicht könnten Sie noch etwas weitergehen? Versetzen

Sie sich an die Stelle des Mörders, und sagen Sie mir,

wo er jetzt ist.»

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Miss Marple seufzte.

«Ich wünschte, ich könnte es. Ich habe keine Ahnung

-absolut keine Ahnung. Aber es muß jemand sein, der in

Rutherford Hall gelebt hat oder es doch sehr genau kennt.»

«Da gebe ich Ihnen recht. Aber das eröffnet ein sehr

weites Feld. Eine ganze Reihe von Frauen haben,

aushilfsweise, dort gearbeitet. Aber auch sonst sind viele

Leute aus und ein gegangen. Sie alle kannten den , und es war kein Geheimnis, daß der Schlüssel

neben der Tür hing. Sicher wußten auch viele, daß sich darin

eine Art Museum befand, und kannten vielleicht sogar den

Sarkophag. Jeder, der davon gehört hatte, konnte auf den

Gedanken kommen, ihn als Versteck für eine Leiche zu

wählen.»

«Zweifellos. Ich sehe durchaus Ihre Schwierigkeiten.»

Craddock erklärte:

«Wir kommen nicht weiter, bevor wir nicht die Identität

der Toten festgestellt haben.»

«Und auch das dürfte schwierig sein.»

«Aber es wird uns gelingen, wenn es auch eine Weile

dauern mag. Wir überprüfen alle Meldungen, die das Verschwinden

einer Frau etwa ihres Alters betreffen. Bisher ist

keine darunter, auf die die Beschreibung zuträfe. Ihr Pelzmantel

war sehr billig und stammte aus einem Londoner

Warenhaus. Hunderte solcher Mäntel wurden in den letzten

drei Monaten verkauft. Keine Verkäuferin kann die Tote

nach der Fotografie wiedererkennen, und das ist ja auch kein

Wunder, zumal wenn der Mantel kurz vor Weihnachten

gekauft wurde. Ihre übrigen Kleidungsstücke stammen aus

dem Ausland. Zumeist aus Paris. Wir haben uns mit Paris in

Verbindung gesetzt, und auch dort stellt man Nachforschungen

an. Früher oder später wird sich schon jemand

melden und Anzeige erstatten, daß eine Verwandte oder

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Untermieterin verschwunden ist. Man muß nur warten können.

»

«Die Puderdose hat also nichts genützt?»

«Leider nein. Es ist eine Dose, die zu Hunderten in der

Rue de Rivoli verkauft wird. Sie ist sehr billig. Nebenbei

bemerkt, Sie hätten sie eigentlich sofort der Polizei

übergeben sollen -oder vielmehr Miss Eyelesbarrow hätte es

tun müssen.»

Miss Marple schüttelte den Kopf.

«In jenem Augenblick war noch gar nicht die Rede von

einem Verbrechen», bemerkte sie. «Wenn eine junge Dame,

die zu ihrer Übung etwas Golf spielt, im hohen Gras eine

alte Puderdose von geringem Wert findet, braucht sie doch

wohl nicht sofort damit zur Polizei zu rennen, nicht wahr?»

Miss Marple machte eine kurze Pause und fügte dann mit

fester Stimme hinzu: «Ich hielt es für viel klüger, erst die

Tote zu finden.»

Inspektor Craddock war etwas betroffen.

«Sie scheinen nie auch nur im geringsten daran

gezweifelt zu haben, daß die Leiche gefunden werden

würde?»

«Ich war sicher, daß Lucy Eyelesbarrow sie finden

würde. Sie ist außerordentlich tüchtig und sehr intelligent.»

«ja, wahrhaftig, das ist sie? Ich habe direkt Angst vor ihr,

so verheerend tüchtig ist sie. Kein Mann wird es jemals

wagen, sie zu heiraten.»

«Wissen Sie, ich würde das nicht so ohne weiteres

behaupten. Es müßte natürlich ein Mann ganz besonderer

Art sein.»

Miss Marple verfolgte diesen Gedanken einen

Augenblick.

«Wie wird sie mit den Leuten in Rutherford Hall fertig?»

fragte sie.

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«Soviel ich sehe, fressen ihr alle aus der Hand – buchstäblich,

könnte man sagen. Nebenbei: Die wissen nichts davon,

daß Miss Eyelesbarrow mit Ihnen in Verbindung steht. Wir

haben das für uns behalten.»

«Jetzt steht sie nicht mehr mit mir in Verbindung. Sie hat

den Auftrag, den ich ihr erteilt habe, ausgeführt.»

«Sie könnte also ohne weiteres kündigen?»

«Ja.»

«Aber sie bleibt. Warum?»

«Sie hat mir ihre Gründe nicht genannt. Sie ist ein sehr

intelligentes Mädchen. Ich vermute, sie bleibt aus Interesse.»

«An dem Problem? Oder an der Familie?»

«Vielleicht», bemerkte Miss Marple nachdenklich, «ist

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